CSRD im zweiten Jahr: Mehr Pragmatismus, mehr Stakeholderorientierung
Noch im Vorjahr dominierte die Compliance-Logik: Vollständigkeit vor Verständlichkeit, Prüfsicherheit vor Lesbarkeit. Dieses Bild wandelt sich. Immer mehr Unternehmen begreifen den CSRD-Bericht nicht länger nur als regulatorische Pflicht, sondern als strategisches Kommunikationsinstrument.
Das zeigt sich in drei strukturellen Trends, die wir im zweiten Berichtsjahr besonders deutlich beobachten:
1. Vorangestellte Berichtszusammenfassungen werden zum Standard
Ein wachsender Anteil an Unternehmen stellt dem eigentlichen Nachhaltigkeitsbericht nach ESRS eine eigenständige Zusammenfassung voran. Hier wurden beispielsweise Dashboards mit Kennzahlen, strategische Schwerpunkte, aktuelle Entwicklungen und Fortschrotte sowie die wichtigsten Kernbotschaften zusammengefasst dargestellt. Ziel ist es den Bericht für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen, ohne auf Tiefe verzichten zu müssen. Was im ersten Berichtsjahr noch eine Ausnahme war, entwickelt sich zur Best Practice.
2. Wesentlichkeit als Strukturprinzip
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse war von Anfang an das Herzstück der CSRD. Die meisten Unternehmen haben sie im ersten Jahr ausschließlich als Auswahlkriterium für Themen verstanden. Im zweiten Anwendungsjahr wird das Prinzip auch für weitere Bereiche angewendet: DieWesentlichkeit kann beispielsweise auch die Kapitelstruktur und den Detailgrad einzelner Abschnitte bestimmen. Der Bericht folgt damit konsequenter der eigenen Wesentlichkeitslogik und bekommt damit wieder einen unternehmensindividuelleren Charakter. Welche Inhalte sind entscheidend und sollten daher zu Beginn des Kapitels beschrieben werden? Welchen Themen gibt ein Unternehmen wieviel Raum? Diese Fragestellungen führten bereits im zweiten Berichtsjahr zu einer deutlich präziseren Berichterstattung
3. Komprimierung repetitiver Inhalte
Eine der größten Herausforderungen für Berichtsumfang und Lesbarkeit ist die Wiederholung ähnlicher Richtlinienbeschreibungen quer durch alle Themenkapitel. Einige Unternehmen begegnen diesem Problem mit zentralen Richtlinien-Übersichten im Kapitel Allgemeine Informationen oder mit Steckbriefen in den Themenkapiteln. Das Ergebnis sind kürzere, strukturell klarere Berichte ohne Informationsverlust.
IROs: Präziser und realistischer
Die durchschnittliche Anzahl wesentlicher Auswirkungen, Risiken und Chancen (Englisch: Impacts, Risks and Opportunities; im Folgenden weiter als IROs) sank im Vergleich zum Vorjahr von 46 auf 40, der Median liegt bei 35. Besonders auffällig ist der Rückgang bei positiven Impacts. Im Untersuchungsjahr 2025 waren es durchschnittlich zehn, im Vorjahr waren es noch 13. Das ist kein Zeichen von Bescheidenheit, sondern von wachsender konzeptioneller Reife. Unternehmen differenzieren klarer zwischen tatsächlichen positiven Wirkungen und bloßen Maßnahmen, die positive Wirkungen anstreben.
Hier hatte das erste Berichtsjahr noch deutliche Schwächen gezeigt. So wurden etwa „Arbeitssicherheitsschulungen" als positiver Impact deklariert, obwohl es sich dabei um eine Maßnahme handelt, um einen negativen Impact abzumildern.
Der Normbereich liegt laut unserer Analyse bei 20 bis 60 IROs. Rund 99 Prozent der Unternehmen stellen ihre IROs inzwischen in tabellarischen Übersichten dar, Im zweiten Anwendungsjahr zeigt sich, dass sich IRO-Tabellen unmissverständlich als Standard etabliert haben. Sie ermöglichen den Leserinnen und Lesern einen schnellen Überblick und bereiten inhaltlich auf die folgenden Kapitel vor.
Wesentlichkeit: Klima, eigene Belegschaft und Governance bleiben Kernthemen
Die untersuchten Unternehmen identifizieren im Durchschnitt sieben wesentliche Nachhaltigkeitsthemen, exakt wie im Vorjahr. Rund 72 Prozent der untersuchten Unternehmen haben ihre Themenzahl konstant gehalten. 15 Prozent berichten über mehr Themen, 13 Prozent über weniger – wobei bei Streichungen meist gleich mehrere Themen wegfielen, während Ergänzungen in der Regel nur ein Thema betrafen.
Wenig überraschend: Die nachhaltige „Dreifaltigkeit" – E1 Klimawandel, S1 Eigene Belegschaft und G1 Unternehmensführung – gilt bei nahezu allen Unternehmen als wesentlich. Diese drei Themen sind das Fundament jeder CSRD-Berichterstattung. Berichte, die eines dieser Themen ausklammern, wirken schnell unvollständig, unabhängig von der tatsächlichen Wesentlichkeitsanalyse.
Berichtsumfang: Berichte in Südeuropa deutlich umfangreicher als in Nordeuropa
Der durchschnittliche Umfang eines CSRD-Berichts liegt in unserer Studie bei 134 Seiten (Vorjahr: 128 Seiten) – bei einer Spannbreite von 44 bis 348 Seiten. Insgesamt ist der Anstieg des Umfangs damit insgesamt marginal und nicht statistisch signifikant.
Interessanter ist die nationale Perspektive: Deutsche Berichte sind im Schnitt noch immer 9 Prozent länger als der europäische Durchschnitt. Das klingt wenig dramatisch und ist es im Vergleich zum Vorjahr auch nicht mehr: Damals lag der Unterschied noch bei rund 24 Prozent. Dies ist allerdings weniger auf eine erfolgreiche Kürzungsoffensive deutscher Unternehmen im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung zurückzuführen, sondern vielmehr ein Effekt daraus, dass die Berichte in den anderen europäischen Ländern minimal umfangreicher geworden sind.
In der Analyse fällt zudem ein klares Nord-Süd-Gefälle auf: In Südeuropa begegnen einem besonders umfangreiche Berichte, während Unternehmen in Nordeuropa, allen voran Skandinavien, häufiger einen pragmatischen Ansatz wählen und mit geringeren Berichtsumfängen auskommen.
Das Nord-Süd-Gefälle innerhalb Europas ist damit ein prägendes Strukturmerkmal der zweiten Berichtssaison. Nordeuropäische Unternehmen schaffen es, kompakter zu berichten, ohne an Substanz zu verlieren. Südeuropäische Unternehmen hingegen neigen zu ausführlicheren Formaten, was auch mit unterschiedlichen Prüfungsanforderungen und Unternehmenskulturen zusammenhängen dürfte.
63 Prozent der Unternehmen haben ihren Berichtsumfang gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. 19 Prozent haben ihren Bericht ausgebaut, 18 Prozent haben ihn gekürzt. In einem Extremfall wurde der Umfang um bis zu 55 Prozent reduziert. Das zeigt: Pragmatismus ist möglich, ohne Transparenz einzubüßen.
Was das für die Praxis bedeutet
Die zweite Berichtssaison sendet ein klares Signal: Die CSRD-Berichterstattung kann reifen, ohne noch komplexer zu werden. Unternehmen, die die Wesentlichkeit konsequent als Strukturprinzip nutzen, IROs präzise formulieren und mutig komprimieren, erzielen Berichte, die zugleich kürzer und informativer sind.
Zudem wird deutlich, dass Unternehmen die CSRD nicht mehr nur als Compliance-Pflicht begreifen, sondern zunehmend als strategisches Kommunikationsinstrument. Immer häufiger steht dabei im Vordergrund, für wen die gesammelten Informationen tatsächlich relevant sind – und wie der Bericht entsprechend adressatengerecht gestaltet werden kann.
Vor dem Hintergrund der Omnibus-Diskussion im vergangenen Jahr und der nun abgeschlossenen Überarbeitung der ESRS ist diese Entwicklung doppelt relevant. Denn die Vereinfachung, die der Gesetzgeber von außen anstrebt, beginnen die Besten im Markt bereits von innen. Wer jetzt in Struktur, Adressatenorientierung und Selektivität investiert, wird auch mit einem schlankeren Rahmenwerk besser aufgestellt sein – und Berichte produzieren, die tatsächlich gelesen werden.
Alle Ergebnisse der Studie „Die CSRD-Berichterstattung im zweiten Jahr: Ein Vergleich“ sind als Whitepaper hier abrufbar .
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