Aktuelle Marktanalysen zeigen, dass der Bedarf an Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) mittelfristig nicht vollständig gedeckt werden kann. Für das Jahr 2030 wird allein in Deutschland ein Fehlbedarf von rund 30 Prozent prognostiziert, was etwa 861.000 Tonnen PCR entspricht. Selbst unter der Annahme ambitionierter Ausbaupläne im mechanischen und chemischen Recycling verbleibt eine Versorgungslücke von etwa 10 Prozent (rund 310.000 Tonnen), wie aktuelle Berechnungen der BKV GmbH (2025) belegen.
Diese Entwicklung unterstreicht die Notwendigkeit frühzeitiger strategischer Maßnahmen seitens der Verpackungshersteller und Inverkehrbringer. Dazu zählen unter anderem:
- die frühzeitige Sicherung von PCR-Kontingenten durch langfristige Lieferverträge,
- die Optimierung von Verpackungsdesigns im Sinne der Recyclingfähigkeit (Design for Recycling),
- sowie Investitionen in alternative Materialströme und innovative Recyclingtechnologien.
Nur durch ein proaktives Handeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette kann die Branche den Anforderungen der PPWR gerecht werden und gleichzeitig Versorgungssicherheit sowie Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten.
Versorgungslücke bei Post-Consumer-Rezyklaten: Strategien zur Risikominimierung für Unternehmen
Die jüngsten Studienergebnisse zur Verfügbarkeit von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) zeigen eine deutliche Versorgungslücke entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Um dieser Entwicklung wirksam zu begegnen, sind koordinierte Maßnahmen von Verpackungsherstellern, Produktherstellern und Recyclern erforderlich. Im Folgenden werden zentrale Handlungsfelder skizziert:
1. Design for Recycling
Ein recyclinggerechtes Verpackungsdesign ist ein wesentlicher Hebel zur Steigerung der Verfügbarkeit von PCR-Materialien. Der Verzicht auf schwer trennbare Verbundmaterialien sowie auf Farbstoffe und Additive verbessert die Recyclingfähigkeit erheblich. Der Einsatz von Monomaterialien erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Verpackungen erfolgreich recycelt und als Rezyklat erneut eingesetzt werden können.
Verantwortlich für diesen Prozess sind sowohl Verpackungshersteller als auch Produkthersteller. Letztere sollten bereits im Beschaffungsprozess recyclingfreundliche Verpackungsspezifikationen definieren und mit ihren Lieferanten abstimmen.
2. Gezielter Rezyklateinsatz
Die Verpackungsgröße sollte dem Produkt angemessen sein, nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht. Materialeinsparungen reduzieren nicht nur Kosten, sondern auch den Bedarf an Rezyklaten.
Angesichts der prognostizierten Knappheit empfiehlt es sich, den Rezyklateinsatz auf die in der PPWR vorgesehenen Mindesteinsatzquoten zu fokussieren. Ein darüberhinausgehender Einsatz kann zwar ökologisch sinnvoll sein, birgt jedoch das Risiko von Engpässen und erhöhten Kosten. Die Einhaltung der Mindestquoten stellt sicher, dass regulatorische Anforderungen erfüllt werden, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.
3. Sicherstellung der Verpackungsqualität
Viele Produkthersteller verfügen bislang über keinen eigenständigen Qualitätsprozess für Verpackungen. Künftig wird es jedoch unerlässlich sein, die Verpackungsqualität systematisch zu prüfen, insbesondere im Hinblick auf Produktschutz, Recyclingfähigkeit und regulatorische Anforderungen. Während dies im Non-Food-Bereich vergleichsweise einfach umzusetzen ist, stellen sich im Lebensmittel- und Medizinbereich deutlich höhere Anforderungen.
4. Rückverfolgbarkeit und digitale Produktpässe
Die PPWR fordert eine lückenlose Rückverfolgbarkeit von Rezyklaten. Digitale Produktpässe und Rezyklatnachweise werden künftig eine zentrale Rolle spielen. Unternehmen sollten daher bereits heute entsprechende Nachweise von ihren Verpackungslieferanten einfordern und interne Prozesse zur Dokumentation und Qualitätssicherung etablieren.
5. Rezyklatbedarf strategisch absichern
Unternehmen können eigene Verpackungsabfälle als Ressource nutzen und in geschlossene Kreisläufe überführen. Angesichts steigender Rezyklatpreise bietet dies nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile.
Für Recycler lohnt sich die Investition in neue Technologien zur sortenreinen Trennung, etwa durch innovative Verfahren wie die Marker-Technologie (Polysecure GmbH). Darüber hinaus bieten branchenübergreifende Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Industriepartnern großes Potenzial. Besonders Konsortien, die Industrie und Forschung vereinen, haben sich als umsetzungsstark erwiesen.
Kostentransparenz im Kontext der PPWR: Rezyklate richtig bewerten
Rezyklate gelten in der öffentlichen Diskussion häufig als „zu teuer“. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz, wenn man die tatsächlichen Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet. Eine rein kurzfristige Preisbetrachtung wird den Anforderungen der geplanten EU-Verpackungsverordnung (PPWR) nicht gerecht.
Stattdessen empfiehlt sich eine ganzheitliche Vollkostenrechnung, die neben den Materialkosten auch langfristige Faktoren berücksichtigt, etwa potenzielle Strafzahlungen, Marktverfügbarkeiten oder regulatorische Risiken bei Nichterfüllung der vorgeschriebenen Rezyklat- und Recyclingquoten. Unternehmen, die heute in Rezyklate investieren, sichern sich nicht nur Materialzugänge, sondern auch regulatorische Planungssicherheit.
Eco Modulation Fee als Kostensteuerungsinstrument
Ein Beispiel für die zunehmende Verknüpfung von Umweltleistung und Kosten ist die sogenannte Eco Modulation Fee, wie sie bereits in mehreren EU-Mitgliedstaaten eingeführt wurde, unter anderem in den Niederlanden.
Dort wird im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) ein modulares Gebührensystem angewendet, das Verpackungen nach ihrer Umweltfreundlichkeit bewertet. Verpackungen, die gut recycelbar sind oder einen hohen Rezyklatanteil aufweisen, profitieren von reduzierten Gebühren (Bonus). Verpackungen mit schlechter Recyclingfähigkeit hingegen werden mit einem Malus belegt, die daraus generierten Einnahmen dienen der Quersubventionierung nachhaltiger Verpackungslösungen.
Die niederländische Organisation Verpact hat hierzu das System „Fee Modulation Plastic 2.0“ etabliert. Es orientiert sich an den Vorgaben der PPWR und unterscheidet Verpackungen nach ihrer Recyclingfähigkeit. Ziel ist es, durch finanzielle Anreize eine Lenkungswirkung hin zu umweltfreundlicheren Verpackungslösungen zu erzielen.
Beispielhafte Staffelung:
Kategorie | Recyclingfähigkeit | Beispielverpackung | Gebührenniveau | Hinweis |
Grün | Gut recycelbar | Klare PET-Flaschen | Niedrig | Bonus möglich |
Gelb | Bedingt recycelbar | Verpackungen mit Aluminiumfolie | Mittel | Standardgebühr |
Rot | Schlecht recycelbar | Schwarze Kunststoffschalen | Hoch (Malus bis zu 35 Prozent) | Malus zur Quersubvention der Grünen |
Um innerhalb der EU viele verschiedene Gebührensätze und Vorgehensweisen zu vermeiden ist es das Ziel der EU, in allen EU-Staaten ein einheitliches System zu etablieren, das auf sogenannten Recycling Performance Grades (RPG) basiert.
Fazit: Die Bewertung von Rezyklaten sollte also nicht isoliert erfolgen. Unternehmen sollten ihre Verpackungsstrategien unter Berücksichtigung regulatorischer Entwicklungen, langfristiger Versorgungssicherheit und ökologischer Zielsetzungen ausrichten. Transparente und differenzierte Kostenmodelle wie die Eco Modulation Fee bieten hierfür eine wichtige Orientierung.
Kommunikation
Best Practices als Multiplikatoren für den Verpackungskreislauf
Die erfolgreiche Umsetzung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft hängt nicht nur von technischen Lösungen und regulatorischen Vorgaben ab, sondern auch von der aktiven Kommunikation bewährter Praxisbeispiele. Unternehmen, die bereits heute innovative Ansätze zur Verbesserung der Recyclingfähigkeit, zur Integration von Rezyklaten oder zur Reduktion von Verpackungsmaterialien umsetzen, leisten einen wertvollen Beitrag, nicht nur ökologisch, sondern auch als Impulsgeber für andere Marktakteure.
Die gezielte Kommunikation solcher Best Practices, etwa durch Fachbeiträge, Branchenplattformen oder Nachhaltigkeitsberichte fördert den Wissenstransfer und motiviert zur Nachahmung. Besonders wirkungsvoll sind praxisnahe Beispiele, die konkrete Maßnahmen und deren Wirkung entlang der Wertschöpfungskette nachvollziehbar darstellen.
Beispiele für kommunikationswürdige Best Practices sind u.a.:
- Design for Recycling durch den Einsatz von Monomaterialien oder den Verzicht auf Additive,
- Closed-Loop-Modelle, bei denen unternehmenseigene Verpackungsabfälle als Rohstoffquelle genutzt werden,
- oder Materialeinsparungen durch optimierte Verpackungsgrößen oder Mehrwegkonzepte.
Solche Ansätze zeigen, dass ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Effizienz Hand in Hand gehen können, vorausgesetzt, sie werden transparent, nachvollziehbar und regelkonform kommuniziert.
Dabei gilt, dass die Kommunikation den Anforderungen der Green Claims Directive entsprechen muss. Diese EU-Richtlinie verpflichtet Unternehmen, freiwillige Umweltaussagen wie „recycelbar“, „klimaneutral“ oder „aus Rezyklat hergestellt“ auf belastbare, wissenschaftlich fundierte Nachweise zu stützen. Zudem müssen solche Aussagen künftig vor Veröffentlichung durch eine unabhängige, akkreditierte Prüfstelle zertifiziert werden (KPMG 2025). Ziel ist es, Greenwashing zu verhindern und Verbraucher:innen verlässliche Informationen über die Umweltwirkungen von Produkten zu bieten.
Zusammenfassung
Die Umsetzung der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) führt zu einem stark steigenden Bedarf an Post-Consumer-Rezyklaten (PCR), der laut Prognosen bis 2030 in Deutschland nicht vollständig gedeckt werden kann. Verpackungshersteller und Inverkehrbringer sollten frühzeitig PCR-Kontingente sichern, recyclinggerechtes Design umsetzen und in neue Recyclingtechnologien investieren. Der gezielte Einsatz von Rezyklaten, orientiert an den PPWR-Mindestquoten, hilft, Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Verpackungsqualität, Rückverfolgbarkeit und digitale Produktpässe gewinnen an Bedeutung. Eigene Wertstoffkreisläufe und technologische Innovationen stärken die Unabhängigkeit vom Markt. Die Eco Modulation Fee, wie in den Niederlanden, koppelt Gebühren an die Recyclingfähigkeit und schafft finanzielle Anreize für nachhaltige Verpackungen. Eine einheitliche EU-weite Gebührenstruktur auf Basis von Recycling Performance Grades ist geplant. Rezyklate sollten in einer Vollkostenrechnung bewertet werden, die auch regulatorische Risiken berücksichtigt. Best Practices zu Recyclingfähigkeit, Rezyklateinsatz und Materialeinsparung sollten aktiv kommuniziert werden. Dabei ist die Green Claims Directive zu beachten, die wissenschaftlich fundierte und zertifizierte Umweltangaben verlangt.
Quellen:
Verpact (2025): Gebührenmodulation Kunststoff 2.0.
KMPG (2025): Was die Green Claims Directive für Unternehmen bedeutet – ein Überblick.