Carbon Accounting

Steuerung, Effizienz, Transparenz – darum erstellen KMU eine freiwillige Klimabilanz


Darum erstellen KMU eine freiwillige Klimabilanz

Mit dem Omnibus-Paket macht die EU in Sachen Nachhaltigkeitsberichterstattung eine Rolle rückwärts. Ein Großteil der Unternehmen wird von der Pflicht ausgenommen. Einige lassen sich davon nicht beirren und erstellen weiterhin eine freiwillige Klimabilanz sowie einen entsprechenden Bericht.

Im vergangenen Jahr hat die EU die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit dem Omnibus-Paket spürbar entschärft und Vorgaben vereinfacht. Deutlich weniger Unternehmen fallen fortan unter die CSRD-Pflicht, für die übrigen verschieben sich Abgabefristen. Viele Unternehmen pausieren ihre Bilanzierung und Berichterstattung – oder legen sie ganz auf Eis. Und dann gibt es Unternehmen, die weiter dranbleiben und freiwillig eine Klimabilanz erstellen. Warum investieren sie Zeit, Geld und interne Ressourcen in ein Thema, das politisch wieder tiefer gestapelt wird?

Omnibus: Entlastung und Irritation

„Wir begrüßen es, Regulierung zu vereinfachen und Unternehmen administrativ zu entlasten. Gleichzeitig hat uns die Kehrtwende der EU irritiert und frustriert, da wir in den vergangenen Jahren so viele finanzielle Mittel und personelle Ressourcen in das Thema gesteckt haben“, berichtet Juliane Schröder, Leitung Sustainability bei J.J. Darboven. Die international tätige Kaffeerösterei aus Hamburg fällt durch die Omnibus-Verordnung wieder aus der Berichtspflicht.

Auch Getränkeland Heidebrecht aus Elmenhorst/Lichtenhagen bei Rostock wurde durch die Omnibus-Initiative von der Berichtspflicht befreit: „Wir haben uns nach der Kehrtwende gefragt, ob wir uns zu früh zu viel vorgenommen haben. Und warum wir das eigentlich machen“, sagt Anne Nashed, Chief Sustainability Officer von Getränkeland Heidebrecht. „Dabei wurde uns klar, dass wir eine Klimabilanz nicht wegen irgendwelcher Regulierungen, sondern für unsere eigene Zukunftsfähigkeit erstellen.“

Schroeder-Nashed

Nicht wegen Brüssel, sondern aus eigenem Antrieb

Die Lockerung der Berichtspflichten führte bei manchen Unternehmen weniger zu einem Kurswechsel als zu einer strategischen Standortbestimmung. Wenn die Regulierung wegfällt, tritt die Frage nach dem eigentlichen Antrieb in den Mittelpunkt. „Die Anforderungen unserer Kunden im Handel sind ein wesentlicher Treiber für unsere freiwillige Klimabilanz. Große Handelsunternehmen erwarten immer öfter belastbare Klimainformationen, es entscheidet zunehmend über Lieferantenbeziehungen und langfristige Partnerschaften,“ erklärt Juliane Schröder von J.J. Darboven. ESG-Daten werden damit zum Wettbewerbsfaktor. Auch Banken und Finanzpartner fragten strukturierte Klimadaten stärker ab.

Für Sarah Bräkling, Leitung Nachhaltigkeit bei der Hofmann Menü-Manufaktur, geht es vor allem um die eigene Handlungsfähigkeit: „Wir möchten frühzeitig Transparenz schaffen und eine solide Datengrundlage aufbauen, um unsere eigenen Fortschritte besser steuern zu können.“ Dadurch verändert sich auch intern die Perspektive, betont Anne Nashed: „Ohne konkrete Zahlen sind wir im Grunde im Nebel unterwegs. Die Klimabilanz ist der Versuch, Ordnung ins eigene Bauchgefühl zu bringen.“

Von der Pflicht zum Instrument

Damit wird die Klimabilanz vom Berichtspflicht-Thema zum Management- und Steuerungsinstrument. Sie priorisiert Maßnahmen, schafft Argumentationsgrundlagen gegenüber der Geschäftsführung und strukturiert Nachhaltigkeit jenseits einzelner Projekte. „Die Klimabilanz ist unser zentrales Instrument zur Kostensteuerung und Effizienzsteigerung. So greifen Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit ineinander“, betont Juliane Schröder.

Konkrete Auswirkungen beschreibt Franziska Coenen, Geschäftsführerin der Nachhaltigkeitsagentur dotfly.: „Wir haben Klarheit über unsere größten Hebel bekommen. Das Team-Bewusstsein ist deutlich gestiegen, und wir konnten neue Handlungsfelder identifizieren, was sogar zur Portfolio-Entwicklung führte: Green Coding und nachhaltige Websites sind heute Standard-Teil unseres Angebots.“ So greifen Motivation und Nutzen ineinander: Die Entscheidung für die Bilanz entsteht aus strategischem Denken – und bestätigt sich im operativen Prozess.

Coenen-Bräkling

Unerwartete Hürden und die Herausforderung Scope 3

Im Prozess entsteht der zentrale Mehrwert der Klimabilanz. Die Umsetzung ist mitunter komplex und anspruchsvoll. Umso mehr zahlt sich eine frühzeitige Auseinandersetzung aus, denn „der Zeitaufwand für die erste Bilanz war enorm, die Datenerfassung warf viele Fragen auf. Es ging darum, die richtige Balance zwischen Perfektion und Pragmatismus zu finden,“ erklärt Franziska Coenen. Dabei unterschätzen viele, dass eine Klimabilanz kein reines Nachhaltigkeitsprojekt ist. „Sie betrifft Einkauf, Produktion, Logistik, Controlling, IT und Management gleichermaßen. Die größte interne Hürde war die Komplexität, vor allem den Aufwand rund um Scope-3 Emissionen haben wir unterschätzt,“ berichtet Juliane Schröder von J.J. Darboven.

Darüber hinaus ist der Prozess mehr ein organisatorischer, kein rechnerischer. „Die Zahlen sind fast das einfachste. Schwieriger ist, Verantwortlichkeiten zu klären, Entscheidungen abzuleiten und das Thema in bestehende Prozesse zu integrieren. Vor allem, wenn mehrere Gesellschaften, unterschiedliche Systeme und historische Lücken zusammenkommen. Das Thema ‚nebenbei‘ zu organisieren war nicht realistisch“, weiß Anne Nashed von Getränkeland Heidebrecht. Auch Franziska Coenen von dotfly. betont methodische Herausforderungen: „Die Datenerfassung war deutlich aufwendiger als gedacht. Wir mussten immer wieder entscheiden: Wie genau muss man sein, wie genau kann man überhaupt sein? Perfekte Datenerfassung ist eine Illusion.“

Eine Klimabilanz ist ein komplexer laufender Prozess, um Nachhaltigkeit im Unternehmen langfristig zu steuern. „Viele unterschätzen, wie komplex und kontinuierlich der Prozess einer Klimabilanz sein kann. Diese abteilungsübergreifenden Aufgaben erfordern gute Koordination, Verlässlichkeit in der Datenerhebung und die Bereitschaft, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Entscheidend ist dabei der Wille, echte Fortschritte zu erzielen“, sagt Sarah Bräkling von der Hofmann Menü-Manufaktur.

Kommunikation: Offenheit mit Augenmaß

Eine freiwillige Klimabilanz bietet nicht nur Orientierung bei den Zahlen. Sie dient auch als hervorragende Grundlage für Kommunikation. „Wir kommunizieren noch vorsichtig nach außen, solange nicht alle Zahlen gründlich erfasst sind“, sagt Anne Nashed. Intern dagegen sind sie sehr offen im Umgang mit Unsicherheiten und Datenlücken.

J.J. Darboven setzt auf Transparenz im Bericht: „Transparenz bedeutet für uns nicht, Perfektion zu suggerieren, sondern den aktuellen Status offen darzustellen und Entwicklungspfade aufzuzeigen. Entscheidend ist für uns Glaubwürdigkeit“, so Juliane Schröder. Franziska Coenen formuliert es so: „Wir kommunizieren sehr offen und zeigen auch, wo wir nicht perfekt sind. Keine Schönfärberei. Nur so können wir glaubwürdig sein und andere inspirieren.“

Transparenz ist jedoch kein Alles-oder-nichts-Prinzip, sondern ein Balanceakt zwischen Offenheit und Belastbarkeit. „Diese Offenheit kann auch Risiken bergen, aber ist für uns zentraler Bestandteil glaubwürdiger Nachhaltigkeitskommunikation,“ erklärt Juliane Schröder.

Mehr als ein Bericht: Die Klimabilanz ist ein Reifegradtest

Eine Klimabilanz bindet Ressourcen und verlangt Abstimmung quer durch das Unternehmen. So stehen auf der einen Seite Zeitaufwand, Datenlücken und organisatorische Komplexität. Auf der anderen Seite ist die Klimabilanz mehr als eine Bestandsaufnahme von Emissionsdaten. Sie zwingt zur Priorisierung, schafft Transparenz über eigene Hebel und macht strategische Entscheidungen belastbarer. Der kontinuierliche Prozess der Klimabilanz „ist richtig und wichtig für strategisch denkende und langfristig planende Unternehmen, die bereit sind, aus den Ergebnissen auch Konsequenzen zu ziehen“, so Anne Nashed.

Essenziell ist nicht der veröffentlichte Bericht selbst, sondern die Bereitschaft, aus Zahlen Handlungen abzuleiten. „Entscheidend ist, die Ergebnisse der Klimabilanz strategisch im Nachhaltigkeitsmanagement zu verankern und konsequent in Verbesserungsmaßnahmen zu überführen,“ betont Sarah Bräkling. Verlässlichkeit in der Datenerhebung und kontinuierliche Weiterentwicklung seien dabei zentrale Voraussetzungen.

Nicht geeignet ist die freiwillige Klimabilanz für Unternehmen, die sie als reine PR-Maßnahme verstehen oder ohne Management-Rückhalt starten. Franziska Coenen rät deshalb zu Pragmatismus: „Lieber klein anfangen als perfekt warten. Erst die internen Basics klären, dann messen. Externes Know-how dazuholen – und ganz wichtig: Das Team von Anfang an einbeziehen.“

Am Ende ist die freiwillige Klimabilanz weniger eine Frage regulatorischer Pflicht als ein Indikator unternehmerischer Reife. Sie zeigt, ob Nachhaltigkeit als Steuerungsaufgabe verstanden wird – oder als Marketingprojekt.


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