Wo die Exposition endet, beginnt die Vulnerabilität
Der Sommer 2026 war der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Dass dies ein Kostenfaktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist, haben wir exklusiv fürs Handelsblatt berechnet. Die Hitze im Juni 2026 hat die deutsche Wirtschaft knapp 6,3 Milliarden Euro gekostet . Dazu kommen sinkende Pegelstände des Rheins, welche voraussichtlich bis Oktober Kosten in Höhe von über 900 Millionen Euro auslösen könnten .
Diese Hochrechnungen beziehen sich auf den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland. Um zu beurteilen, ob aus der Hitzewelle ein Risiko für das eigene Unternehmen wird, sind drei Faktoren zu betrachten, die zusammenwirken: Klimagefahr, Exposition und Vulnerabilität. Vergangene Woche beschäftigten wir uns im Artikel „Wo schwitzen zum betriebswirtschaftlichen Risiko wird“ mit der Frage der Exposition, also ob und wie stark ein Unternehmen basierend auf seinem Standort der Klimagefahr Hitze ausgesetzt ist.
Dabei stellten wir am Ende die Frage, wie es sein kann, dass zwei Betriebe am selben Geopunkt gleichermaßen von der Hitzewelle betroffen sind und trotzdem unterschiedlich davonkommen. Genau das beantwortet die Vulnerabilität. Diese spiegelt wider, wie empfindlich Gebäude, Anlagen, Beschäftigte und Prozesse gegenüber Klimagefahren reagieren und was für Kosten auf ein Unternehmen zukommen können, wenn die Klimagefahr eintritt.
Nicht das Thermometer entscheidet über den Schaden, sondern die Betriebsrealität
Im Gegensatz zur Gefahr und Exposition ist die Vulnerabilität also der eine Faktor, der nicht „vom Himmel“ kommt, sondern im Betrieb selbst entsteht, abhängig vom Geschäftsmodell, den Prozessen, der Technik, den Gebäuden oder den Mitarbeitenden.
So werden beispielsweise in einer Logistikhalle mit Blechdach aus 35 Grad Außentemperatur schnell 38 bis 40 Grad, weil sich die Wärme unter dem Dach staut. Körperliche Beschwerden und das Unfallrisiko der Mitarbeitenden nehmen zu. In einem Rechenzentrum kann die freie Kühlung ausfallen, sodass die Kältemaschinen anspringen müssen und der Strombedarf steigt. In einem Chemiepark wiederum fehlt bei Niedrigwasser oft das Kühlwasser für Prozesse und Produkte, die dann auch nicht abtransportiert werden können. Diese Beispiele zeigen: Dieselbe Wetterlage trifft Geschäftsmodelle sehr unterschiedlich – je nach betrieblicher Vulnerabilität.
Der Schaden, der alle trifft, aber von niemandem gesehen wird
Die verbreitetste Fehlannahme lautet: Wenn nichts ausfällt, ist nichts passiert. Das Gegenteil ist der Fall. Prognos-Studien zeigen, dass 97 Prozent der hitzebedingten Arbeitskosten durch sinkende Produktivität entstehen. Menschen arbeiten weiter, aber langsamer, mit mehr Pausen und mehr Fehlern. Und das beginnt früher, als die meisten denken. Schon oberhalb von 25 °C sinkt die Leistung je zusätzlichem Grad um etwa 2 Prozent, also lange bevor man überhaupt von einem „Hitzetag“ ab 30 °C spricht.
Wie hoch die Produktivitätsverluste sind, hängt vor allem mit der Tätigkeit zusammen. In körperlich fordernden Branchen, wie der Land- und Forstwirtschaft, bleibt an einem Hitzetag nur noch rund 60 Prozent der üblichen Leistung übrig; im verarbeitenden Gewerbe gut 80%, während klimatisierte Schreibtischarbeit kaum betroffen ist.
Diese branchenweiten Kennwerte dienen als Orientierung. Denn der Durchschnitt sagt wenig darüber aus, wo bei Ihnen die Belastung entsteht. Entscheidend ist deshalb der Blick nach innen: An welchen Standorten und bei welchen Tätigkeiten trifft Hitze Ihre Mitarbeitenden am stärksten? Wie viele Beschäftigte sind betroffen? Und wie häufig treten entsprechende Hitzetage auf? Erst durch die Verknüpfung dieser Informationen lassen sich die tatsächliche Vulnerabilität und potenzielle Kosten für den eigenen Betrieb abschätzen.
Direkte Ausfallkosten durch Produktivitätsverlust pro heißem Tag (>30°C) nach Wirtschaftszweig, je Vollzeitäquivalent
In der Lieferkette verdoppelt sich der Schaden
Der eigene Standort ist dabei nur die halbe Rechnung. Unsere Modellierungen zeigen: Zählt man die Folgewirkungen entlang der Lieferketten hinzu, kommt auf jeden Euro direkten Schaden noch einmal knapp ein Euro indirekt obendrauf. Entstehen Kosten durch Schäden oder Verzögerungen bei einem Zulieferer, reicht er dies meist an jede nachgelagerte Stufe weiter. Selbst wenn der eigene Standort also ohne Schaden davonkommt, kann am Ende ein hitzegeschwächter Lieferant die Rechnung schreiben.
Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, welche Standorte selbst hitzeanfällig sind, sondern auch, wo kritische Abhängigkeiten bestehen. Welche Rohstoffe, Vorprodukte oder Transportwege lassen sich kurzfristig ersetzen und wo gibt es keine Alternative? Je stärker ein Unternehmen von einzelnen Lieferanten oder Infrastrukturen abhängig ist, desto höher ist seine indirekte Vulnerabilität.
Wie schnell das teuer wird, zeigt unsere Berechnung zur aktuellen Situation auf dem Rhein: Weil Binnenschiffe bei Niedrigwasser nur noch einen Bruchteil laden dürfen, drohen der deutschen Wirtschaft bis Ende Oktober, je nach Regenentwicklung, Produktionsverluste von rund 913 Millionen Euro, fast die Hälfte davon in der Chemieindustrie. Sinkende Wasserstände behindern die Schifffahrt, stören Lieferketten und bremsen Produktionsprozesse.
Vulnerabilität als betriebliche Stellschraube
Die Vulnerabilität ist also genau der Faktor, der die Klimagefahr in Kosten übersetzt. Gegenüber Vorstand und Controlling ist das der entscheidende Hebel: „Es wird heißer“ ist kein Entscheidungsgegenstand. „An unserem Produktionsstandort in Rosenheim entsteht bei zehn zusätzlichen Hitzetagen ein Schaden in Höhe von X Euro“ kann als Grundlage für Entscheidungen genutzt werden.
Damit entsteht nicht nur Aufmerksamkeit im Betrieb, sondern auch wichtiger Input für die eigene Resilienzstrategie. Denn wie heiß es wird, können Unternehmen nicht beeinflussen und die Exposition lässt sich nur durch einen langfristigen Standortwechsel reduzieren. Aber der Vulnerabilität können Unternehmen sehr wohl begegnen. Wie eine fundierte Analyse und praxisnahe Kommunikation von Klimarisiken dazu beitragen können, dass Klimaanpassung als Topthema auf der Agenda der Geschäftsführung landet, zeigen wir nächste Woche.
Takeaways für Ihr Unternehmen
Trennen Sie Extremwetterereignisse und Klimarisiken
Klimarisiken setzen sich zusammen aus einer Klimagefahr (=Extremwetterereignis), der Exposition (Standortbestimmung) und der Vulnerabilität (individuelle Betroffenheit). Diese begriffliche Trennung ist zentral für die Ableitung des tatsächlichen Risikos und der anschließenden Abwägung passfähiger Maßnahmen.
Denken Sie in Wirkungsketten und fragen Sie Kolleg:innen
Identifizieren Sie Schritt für Schritt die konkreten Auswirkungen von Hitze in Ihrem Unternehmen: von hohen Temperaturen über Leistungseinbußen, Produktionsstörungen oder Lieferverzögerungen bis hin zu den daraus entstehenden Kosten. Unsere deutschlandweiten Kennwerte dienen nur der Orientierung. Ihre tatsächliche Vulnerabilität kennen vor allem Mitarbeitende der Produktion, des Arbeitsschutzes, des Facility Managements und der Schlüssellieferanten.
Übersetzen Sie Grad in Euro
Beziffern Sie den Verlust je Hitzetag. Nur so wird Klimaanpassung im Controlling investitionsfähig und liefert zugleich belastbare Kennzahlen für eine Berichterstattung an die Geschäftsleitung, Kunden, Lieferanten, Banken, Versicherungen und den Regulator.
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