Die Kosten des Nichtstuns sind der Maßstab, an dem sich jede Maßnahme misst
Jede Anpassungsmaßnahme konkurriert mit einer Alternative, und die heißt: nichts tun. Denn auch das kostet Geld – nur taucht dieser Betrag in keiner Buchung auf. Ihn zu beziffern, ist deshalb der erste Rechenschritt, bevor überhaupt über Verschattung, Kühlwesten oder bauliche Maßnahmen gesprochen wird. Die dafür nötigen Bausteine haben Sie aus den ersten Teilen dieser Reihe bereits an der Hand. Gefahr x Exposition x Vulnerabilität ergeben einen Betrag: die Kosten des Nichtstuns.
Für hitzebedingte Produktivitätsverluste bedeutet das beispielsweise: Die Zahl der erwarteten Hitzetage beschreibt die Gefahr, die betroffenen Beschäftigten und ihre Lohnkosten die Exposition, und ihre hitzebedingte Leistungsminderung je Arbeitsstunde mit Hitzebelastung über 30 Grad die Vulnerabilität. Anhaltspunkte für diese Leistungsminderungen finden sich in unserer BMAS-Studie Klimabedingte Risiken für die Arbeitswelt.
Hinzu kommen bereits eingetretene Kosten durch hitzebedingte Arbeitsunfälle oder Ausfälle, die Sie im besten Fall schon in Ihrer Vulnerabilitätsbewertung beziffert haben – oder denen Sie sich zumindest normativ genähert haben. Diese Zahl ist mehr als eine Kennzahl für den Risikoscore. Sie ist die eigentliche Alternative zu jeder Anpassungsmaßnahme und damit der Maßstab, an dem sich jede Investition messen lassen muss.
Maßnahmen nach dem TOP-Prinzip angehen
Wer nun die Kosten des Nichtstuns bilanziert hat, kann diese den Investitionskosten gegenüberstellen. Dabei sind die Investitionen sehr unterschiedlich in ihren Aufwänden. Unterschieden wird zwischen technischen, organisatorischen und personenbezogenen Klimaanpassungsmaßnahmen.
Zur Strukturierung kann das bei vielen Unternehmen im Arbeitsschutz etablierte TOP-Prinzip als Orientierungsrahmen dienen. Technisch (T) heißt bei Hitze: Verschattung, Dachbegrünung, Dämmung oder Kühlung – bauliche Eingriffe mit langer Lebensdauer, aber höherem Kapitaleinsatz. Organisatorisch (O) heißt: Arbeitszeiten und Einsatzpläne an Hitzetagen anpassen, Pausenregelungen, Rotation bei körperlich schwerer Arbeit. Diese Maßnahmen wirken schnell, kosten oft wenig, verlangen aber Abstimmung mit Kund:innen oder der Belegschaft. Personenbezogen (P) sind beispielsweise Kühlwesten, Trinkwasserstationen, Hitzeschulungen. Sie sind häufig der schnellste Hebel mit dem geringsten Investitionsrisiko, aber am stärksten vom individuellen Verhalten abhängig.
Die drei Ebenen sind keine gleichwertige Auswahlliste, sondern eine Rangfolge. Die DGUV formuliert für die 30-Grad-Schwelle nach ASR A3.5 explizit, dass technische und organisatorische Maßnahmen den personenbezogenen vorzuziehen sind. Doch neben dieser Rangfolge muss die Auswahl geeigneter Anpassungsmaßnahmen auch wirtschaftlich begründet werden. Hierfür bietet sich die Durchführung einer Kosten-Nutzen-Analyse an.
Was Anpassung tatsächlich kostet
Dass Anpassung Geld kostet, ist den meisten klar – doch wer nur den Anschaffungspreis im Kopf hat, unterschätzt den tatsächlichen Kostenblock erheblich. Vier Kostenarten sollten mitgedacht werden:
Planungskosten: Sie fallen an, bevor überhaupt etwas gebaut wird, und bestehen überwiegend aus der Arbeitszeit eigener Mitarbeitender. Gerade weil kein Geld an externe Dienstleister fließt, werden sie in der Kalkulation häufig schlicht vergessen.
Installationskosten: Zu den reinen Anschaffungskosten (CapEx) für Material kommt immer auch der Aufwand für den Einbau bzw. die Umsetzung vor Ort hinzu – ein Posten, der oft separat mitgeplant werden muss.
Laufende Kosten: Die Betriebskosten (OpEx) schwanken je nach Maßnahme erheblich. Rollläden oder Pumpen benötigen kaum Pflege, während begrünte Fassaden regelmäßige gärtnerische Betreuung erfordern – ein Unterschied, der über die Nutzungsdauer stark ins Gewicht fällt.
Eine Möglichkeit, Kosten in Klimaanpassung zu senken, besteht bei bereits geplanten Investitionen. Wer in absehbarer Zeit plant, eine Sanierung oder einen Neubau vorzunehmen und dabei direkt Klimaanpassung mitdenkt, hat einen wirksamen Hebel.
Der Nutzen ist mehr als der vermiedene Schaden
Der Kern des Nutzens ist die Kehrseite der Kosten des Nichtstuns: Was an Hitzetagen an Leistung verloren geht, fällt mit der Maßnahme nicht mehr oder nur noch teilweise an. Wichtig dabei: Keine Maßnahme kann vollständig die Kosten senken. Verschattung reduziert die Innenraumtemperatur, macht den Hitzetag aber nicht zum Normaltag. Schätzen Sie deshalb ab, welchen Anteil des Verlusts eine Maßnahme voraussichtlich verhindert. Anbieter von Klimaanpassungslösungen können häufig dabei helfen, die richtigen Annahmen zu treffen.
Der vermiedene Schaden ist allerdings nur die erste Wirkung. Wer die Wirkungskette einer Maßnahme weiterverfolgt, findet meist mehr. So senkt die Verschattung nicht nur den Produktivitätsverlust, sondern auch den Kühlbedarf und damit die Energiekosten und sie erhöht den Wert des Gebäudes. Solche Co-Benefits fallen Jahr für Jahr an, unabhängig davon, wie heiß der Sommer wird, und sind oft leichter zu beziffern als der vermiedene Schaden selbst.
Hinzu kommen weitere positive Effekte, die sich nur schwer in Euro übersetzen lassen: Planungssicherheit, Reputationsgewinne, Zufriedenheit und Bindung der Beschäftigten. Diese Posten dürfen nicht fehlen, sonst sehen Anpassungsvorlagen systematisch schlechter aus, als sie sind. Deswegen ist es wichtig, auch diese zu benennen und normativ einzuordnen, damit sie in der Entscheidung sichtbar bleiben.
Nicht jede Maßnahme muss ein Großprojekt sein
Die wirksamste Maßnahme ist nicht automatisch die wirtschaftlichste. Entscheidend ist das Verhältnis von Aufwand und Nutzen, und das zeigt sich erst im Vergleich. Eine einfache Kosten-Nutzen-Matrix genügt, um Quick Wins sichtbar zu machen: Maßnahmen, die mit geringem Aufwand viel bewirken. Genau darin liegt die Antwort auf die Gießkanne – nicht überall ein wenig, sondern zuerst dort, wo das Verhältnis stimmt.
Bei Hitze liegen diese Quick Wins oft nahe und sind häufig durch das Arbeitsschutzgesetz bereits vorgesehen. Viele Unternehmen haben bereits angepasste Arbeitszeiten, zusätzliche Trinkmöglichkeiten, Verschattung einzelner Bereiche oder auch überarbeitete Hitzeschutzpläne. Nachhaltigkeitsverantwortliche müssen das Rad nicht neu erfinden – oft reicht es, Vorhandenes sichtbar zu machen und mit der Anpassungsstrategie zu verknüpfen. Überzeugender als der große Wurf ist ohnehin ein nachvollziehbarer Mix: einige Quick Wins, mittelfristige organisatorische Anpassungen und wenige notwendige größere Investitionen dort, wo sie am meisten bringen.
Viele Hitzefolgen liegen jedoch außerhalb dessen, was ein Unternehmen allein lösen kann: Niedrigwasser, beschädigte Verkehrsinfrastruktur oder durch Tropennächte gestörter Schlaf der Belegschaft. Hier zahlt sich der Schulterschluss mit anderen Unternehmen, Kommunen, Infrastrukturbetreibern und Verbänden aus – von kommunalen Hitzeaktionsplänen bis zur gemeinsamer Notfallplanung im Gewerbegebiet. Warum sich betriebliche Anpassung im Verbund lohnt, zeigen wir nächste Woche.
Takeaways für Ihr Unternehmen
Koppeln Sie Anpassung an das nächste ohnehin anstehende Projekt.
Wer die Sanierungs- und Investitionsplanung des Hauses kennt, weiß, wann sich das nächste Fenster öffnet – und sollte es nutzen. Dann muss nur noch die Kostendifferenz dem Nutzen gegenübergestellt werden. Hier lohnt es sich auch direkt zu prüfen, ob es relevante Förderprogramme für das geplante Projekt gibt.
Machen Sie Co-Benefits sichtbar
Verschattung senkt nicht nur den Produktivitätsverlust, sondern auch den Kühlbedarf und damit die Energiekosten; Dämmung wirkt im Winter weiter. Diese Effekte fallen Jahr für Jahr an, unabhängig davon, wie heiß der Sommer wird – und entkräften damit den häufigsten Einwand gegen Anpassungsinvestitionen.
Legen Sie Ihre Rechnung in der Betriebssprache vor
Geschäftsführung, Controlling und Risikomanagement bewerten Investitionen längst mit Kapitalwert und Amortisationsdauer. Klimaanpassung braucht dafür keine neuen Instrumente - nur das vertraute Format. Und benennen Sie den nicht monetarisierbaren Nutzen ausdrücklich, damit er in der Entscheidung sichtbar bleibt.