Verantwortung in der Lieferkette beginnt da, wo das Gesetz aufhört
Was das Regelwerk derzeit auslöst
Mit der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) will Europa die Sorgfaltspflicht in internationalen Wertschöpfungsketten verbindlich machen. Aktuell zeigt sich hingegen ein anderes Bild: In kritischen Beschaffungsregionen bleiben zunehmend Aufträge aus, ganze Produktionsstätten in Bangladesch oder Pakistan schließen. Laut einer DIHK-Studie aus dem Jahr 2023 gab knapp ein Viertel der betroffenen Großkonzerne an, sich aus Risikoländern zurückzuziehen oder entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2024 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Jedes fünfte Unternehmen hat seine Vorleistungsbezüge aus dem Globalen Süden verlagert.
Ursächlich hierfür ist das System, denn im Mittelpunkt steht vor allem der Nachweis, dass Risiken identifiziert und dokumentiert wurden, während Optimierungen der Bedingungen am Standort in den Hintergrund treten. Der Ausstieg aus einer nur schwer überprüfbaren Lieferbeziehung stellt daher oftmals den einfachsten und rechtlich sichersten Weg dar. Zudem verringert das Omnibus-Paket die Anforderungen und legt den Schwerpunkt stärker auf praktikable Mindeststandards. Die entscheidende Frage indessen bleibt offen: Wer schließt die Lücken, die die Regulierung zwangsläufig hinterlässt?
Wo die CSDDD an ihre Grenzen stößt
Grundlegendes Problem ist ein Mangel an Anreizen. Die Richtlinie belohnt lückenlose Dokumentation, während tatsächliche Verbesserungen entlang des Bezugsnetzes zunächst Zeit, Geld und Ressourcen erfordern. Die Qualifizierung von Zulieferern oder die gemeinsame Etablierung gehobener Standards schaffen zwar dauerhaften Mehrwert, werden durch das Regelwerk jedoch kaum gewürdigt.
Hinzu kommen die praktischen Einschränkungen bei der Umsetzung. Kein Handwerksbetrieb verfolgt die Herkunft des Stoffes seiner Arbeitskleidung, den Färbeprozess und den Ursprung des Garns bis zur Quelle.
Aufgrund der festgelegten Schwellenwerte gilt die CSDDD faktisch nur für größere Firmen. Kleine und mittelständische Betriebe sind rechtlich zwar nicht unmittelbar betroffen, die Anforderungen ihrer Großkunden verpflichten sie aber indirekt dazu, Nachweise über ihre Fertigungspartner zu erbringen. Dies häufig, ohne die personellen oder finanziellen Ressourcen für umfangreiche Compliance-Prozesse zu besitzen.
Gewiss ist der Grundgedanke des Gesetzes richtig, wenngleich die praktische Anwendung, vor allem im Mittelstand, an Grenzen stößt. Vorschriften setzen den rechtlichen Rahmen, die wirksame Umsetzung unternehmerischer Sorgfaltspflichten hängt hingegen von der Haltung und dem Einsatz des Betriebes ab.
Verantwortung entsteht durch Entwicklung, nicht durch Rückzug
Echte Verpflichtung bedeutet, Hersteller in Risikoregionen zu fördern, anstatt sie auszutauschen. Investitionen, langfristige Zusammenarbeit und gezielte Qualifizierungsmaßnahmen optimieren die Arbeits- und Umweltstandards dort, wo Handlungsbedarf besteht. Der Bangladesh Accord nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza hat gezeigt, dass gemeinsame Initiativen in vielen Fällen wirkungsvoller sind als ein Ausstieg aus dem Markt.
Wie weit dieses Prinzip reicht, verdeutlicht das Beispiel Elektroschrott. Ein großer Teil des Abfalls aus Industrienationen gelangt nach Ghana. Vor Ort zerlegen Arbeiter ihn unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Die dabei gewonnenen Metalle fließen anschließend zurück in internationale Lieferketten.
Ein bakterielles Recyclingverfahren gestaltet diesen Prozess erheblich sicherer. Sofern diesbezügliche Investitionen in Deutschland fließen, verfeinern sie eine Kette, die längst funktioniert. Fließen dieselben Summen nach Ghana, entstehen Arbeitsplätze, sinken Umweltbelastungen und verbessern sich die Recyclingbedingungen konstant. Der wirtschaftliche Nutzen bleibt dabei unverändert; der Unterschied besteht darin, an welchem Einsatzort sich die größte Wirkung entfaltet.
Für mittelständische Marktteilnehmer beginnt dieser Weg vielfach im kleineren Rahmen. Erster Schritt ist ein offener Dialog mit dem Produktionspartner über Arbeitsbedingungen und gemeinsame Verbesserungsmaßnahmen. Ausschlaggebend ist, dass das Engagement der Unternehmensgröße entspricht und seine Effektivität anhand konkreter Fortschritte in der Praxis nachvollziehbar überprüft wird.
Weshalb betriebswirtschaftliche Notwendigkeit besteht
Der Einwand, verantwortungsvolles Handeln sei wirtschaftlich kaum tragbar, erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar. Allerdings werden bei dieser Rechnung regelmäßig die Kosten des Nichthandelns übersehen.
Am deutlichsten zeigt sich dies am Personalmarkt. Fachkräfte binden sich zunehmend an Arbeitgeber, die für bestimmte Werte und Rahmenbedingungen stehen. Ähnlich wie beim betrieblichen Gesundheitsmanagement lässt sich der Ertrag einer Investition schwer beziffern, die Kosten krankheitsbedingter Ausfälle oder des Verlusts erfahrener Fachkräfte dagegen sehr wohl.
Auch die Versorgungssicherheit gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Rohstoffe wie Kobalt oder seltene Erden sind für viele Industrien unverzichtbar. Betriebe, die ihre Lieferketten nachhaltig und verantwortungsvoll weiterentwickeln, reduzieren das Risiko von Versorgungsengpässen und stärken zugleich ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt die Glaubwürdigkeit. Soziale Medien und KI-gestützte Recherchen decken Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer schneller auf. Inszeniertes Engagement ist damit zu einem kalkulierbaren Reputationsrisiko geworden. Exakt an diesem Punkt setzt die Sinnökonomie an. Aaron Hurst beschrieb schon vor über einem Jahrzehnt in seinem Werk “The Purpose Economy” (2014), dass Unternehmen, die wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlichem Nutzen verbinden, langfristig erfolgreicher sind.
Die Frage, die weiterführt
Jeder Auftraggeber kann sich engagieren. Entscheidend ist weniger die Höhe der Investitionen als vielmehr der Ort, an dem sie den größten Nutzen entfalten. Vor diesem Hintergrund ist einzig zu fragen: Wo bewirkt derselbe Aufwand im eigenen Geschäftsmodell den größten Unterschied?
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