Shifting Minds

Die Energiewende fängt mit einem Spaziergang an


Arbeiter Lager Logistik

Nachhaltigkeit ist mehr als Zahlen und Berichte – sie entsteht durch Fragen, Zuhören und Verstehen. In seiner Kolumne zeigt Alexander Kraemer, wie der „Gemba Walk“ Ihre Energiebilanz revolutionieren kann.

Energiewende im Unternehmen? Loslaufen!

Ich war mal bei einem Unternehmen, das seinen CO2-Fußabdruck nach dem GHG Protocol erfassen wollte. Nicht beauftragen. Nicht delegieren. Wirklich selbst machen.

Wir sind losgelaufen.

Nicht mit den Post-Its zur Wand, sondern durch das Gebäude. Durch den Keller. Durch die Serverräume. Durch die Küche, die Umkleide, auf den Parkplatz. Mit den Menschen, die dort täglich arbeiten. Nicht nur mit dem Management. Mit einzelnen, die wirklich vor Ort arbeiten.

Was wir gesehen haben, hat uns nicht losgelassen.

Was Gemba mit Eurer Energiebilanz zu tun hat

Der Begriff kommt aus dem Japanischen: Gemba bedeutet schlicht „der reale Ort“. Der Ort, an dem Arbeit tatsächlich passiert. Nicht im Besprechungsraum. Nicht im Dashboard. Sondern dort, wo Wertschöpfung entsteht, wo Maschinen laufen, wo Menschen schwitzen.

Taiichi Ohno, der Architekt des Toyota-Produktionssystems, hat daraus in den 1950er Jahren ein Prinzip gemacht. Führungskräfte sollen nicht von oben analysieren, sondern hinuntergehen. Hinschauen. Fragen stellen. Zuhören.

Der Gemba Walk ist kein Kontrollgang. Es ist das Gegenteil: Ihr geht hin, um zu lernen. Ihr erklärt nicht, sondern stellt Fragen. Und die Menschen, die dort täglich arbeiten, werden Euch Dinge zeigen, auf die Ihr im Leben nicht selbst gekommen wärt.

Was hat das mit Energiewende zu tun? Alles.

Was passiert, wenn man wirklich hingeht

Beim GHG-Prozess habt Ihr normalerweise zwei Optionen. Erstens: Ihr nehmt Rechnungen, tragt Verbräuche in eine Tabelle ein, multipliziert mit Emissionsfaktoren, fertig. Sauber. Schnell. Und vollständig blind für das, was wirklich passiert.

Oder zweitens: Ihr geht hin.

Wir haben Option zwei gewählt. Und der Unterschied war enorm.

Wenn man vor Ort fragt, statt nur Daten zu lesen, bekommt man andere Antworten. Man trifft die Reinigungskraft, die weiß, dass bestimmte Geräte nie ausgeschaltet werden, weil „das schon immer so war“. Man trifft den Haustechniker, der seit Jahren beobachtet, dass die Heizung im Sommer läuft, weil niemand die Steuerung jemals angepasst hat. Man trifft Mitarbeitende, die genau wissen, wo Energie verschwendet wird, aber nie gefragt wurden.

Das klingt banal. Ist es nicht. Es ist das Kernproblem der Energiewende im eigenen Haus: Nicht böser Wille. Nicht mangelndes Bewusstsein auf dem Papier. Sondern institutionalisierte Gewohnheit. Dinge laufen, weil sie immer gelaufen sind. Niemand hat gefragt, warum.

Der Gemba Walk ist die Methode, genau das aufzubrechen.

Jetzt wird jemand sagen, aber das ist doch Scope 1 / 2 – in 3 liegt der Impact. Ja, aber irgendwo muss man ja starten, oder? Und, glaubt mir, die Fruits sind so low hanging, da ist viel machbar.

Bewusstmachung ist eine Maßnahme

Was mich an diesem Prozess am meisten beeindruckt hat: Signifikante Reduktionen entstanden nicht durch große Investitionen. Sie entstanden durch Bewusstmachung.

Menschen, die verstehen, was ihr eigenes Verhalten kostet, verhalten sich anders. Nicht weil man ihnen eine Richtlinie gegeben hat. Sondern weil jemand hingegangen ist, gefragt hat, zugehört hat, und das Gespräch dazu geführt hat, dass plötzlich alle wissen: Das hier hat einen Fußabdruck. Den können wir beeinflussen. Heute. Ohne Investitionsantrag.

Das ist die unterschätzte Kraft des Vor-Ort-Gehens. Es verändert nicht nur die Datenlage. Es verändert die Haltung.

Und manchmal verändert es die Struktur: Bei meinem damaligen Arbeitgeber hat der Prozess dazu geführt, dass eine Umweltmanagerin ins Prozessoptimierungsteam eingestellt wurde. Die Potentiale waren so offensichtlich, so groß, dass das Unternehmen entschieden hat: Das braucht eine feste Rolle. Das ist kein Nebenprodukt eines GHG-Workshops. Das ist das Ergebnis davon, dass jemand wirklich hingeschaut hat.

Was der Gemba Walk konkret bedeutet, wenn Ihr ihn ernst nehmt

Genchi Genbutsu nennen die Japaner das. „Geh selbst hin und sieh selbst nach.“ Keine Berichte. Keine Zusammenfassungen. Kein Delegieren des Hinschauens.

Erstens: Ihr seid nicht die Expert:innen. Das klingt hart. Ist aber befreiend. Ihr kennt Dekarbonisierungspfade und Regulatorik. Aber die Haustechnikerin kennt das Gebäude. Der Maschinenführer kennt den Energieverbrauch seiner Anlage im Schlaf. Hört zu.

Zweitens: Stellt dumme Fragen. „Warum läuft das?“ ist keine dumme Frage. Es ist die wichtigste Frage der Welt. Wenn die Antwort „war schon immer so“ lautet, habt Ihr Gold gefunden.

Drittens: Geht nicht mit dem Vorstand. Wer mit Macht in einen Raum kommt, bekommt polierte Antworten. Wer allein kommt und ehrlich fragt, bekommt Wahrheit.

Viertens: Hört zuerst zu. Ein Klemmbrett verändert das Gespräch. Notiert danach. Erst zuhören. Dann dokumentieren.

Fünftens: Kommt wieder. Einmal ist kein Gemba Walk. Es ist ein Besuch. Der Gemba Walk ist eine Praxis. Eine regelmäßige. Toyota nennt das KVP: kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Kein Projekt. Kein Workshop. Eine Haltung.

Was wirklich auf dem Spiel steht

Viele GHG-Prozesse, die ich kenne, enden mit einer Zahl. Eine Tonnen-CO2e-Angabe irgendwo in einem Nachhaltigkeitsbericht. Und dann? Dann wartet man auf das nächste Jahr.

Der Unterschied zwischen einem Fußabdruck als Compliance-Übung und einem Fußabdruck als Startschuss für echte Veränderung liegt nicht in der Methodik. Er liegt darin, ob jemand wirklich hingegangen ist.

Die Potentiale in jedem Unternehmen sind riesig. Das ist keine Behauptung. Das ist die Erfahrung aus jedem echten Vor-Ort-Prozess, den ich kenne. Nicht weil Unternehmen nachlässig sind. Sondern weil Gewohnheiten unsichtbar werden, wenn niemand hinschaut.

Geht hin. Fragt. Hört zu.

Die Menschen vor Ort kennen Euer Unternehmen tausendmal besser als wir Nachhaltigkeitsmanager:innen das jemals könnten.

Das ist keine Niederlage. Das ist die beste Nachricht, die es gibt.

Kommende Woche erscheint der Podcast mit jemanden, der es genauso macht. Und damit immense Potentiale hebt.

Euer Alexander

0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion