Shifting Minds

Product Sustainability – Nachhaltigkeit als Produktstrategie


Shifting Minds #26 mit Marco Jekel

In der aktuellen Folge von „Shifting Minds“ spricht Alexander Kraemer mit Marko Jekel, Head of Product Sustainability beim Drogeriekonzern Rossmann. Sie sprechen über Kreislaufwirtschaft im Regal, die Frage warum Nachhaltigkeit nicht vom Konsumentendruck abhängt – und darüber, warum man ein Produkt manchmal zuerst von seinem Ende her verstehen muss, um es am Anfang richtig zu gestalten.

Von Tierversuchen zur Leuphana – ein Umweg mit Folgen

Marko Jekel hat Biologie studiert – aus Interesse, wie er sagt. Bis zur Bachelorarbeit lief alles gut. Dann kamen die Tierversuche. „Das hat mich dazu gebracht, das in Frage zu stellen.“ Er schloss den Bachelor ab, wechselte aber die Richtung: zur Leuphana Universität Lüneburg, einem der bekanntesten Nachhaltigkeitsstudienorte im deutschsprachigen Raum. Was als Notausweg begann, wurde zur Berufung.

Nach dem Master folgten Stationen in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie – nah am Rohstoff, tief in der Lieferkette. „Meistens spielt die Nachhaltigkeitsmusik am Ursprung.“ Diese Erkenntnis nahm er mit, als er 2019 zu Rossmann wechselte – zunächst ins Qualitätsmanagement, heute als Leiter einer eigenen Nachhaltigkeitsabteilung, die es damals noch gar nicht gab. „Als ich anfing, waren wir für das Thema Nachhaltigkeit anderthalb Leute.“

5.500 bis 6.000 Eigenmarken – und kein Tag wie der andere

Rossmann ist kein kleines Spielfeld. Allein das Eigenmarkensortiment umfasst zwischen 5.500 und 6.000 Produkte – vom Kehrblech bis zum Biolebensmittel, von Kosmetik bis zum Toaster. Hinzu kommen die Markenprodukte. Für Jekels Team bedeutet das: maximale Vielfalt, maximale Komplexität – und genau deshalb maximales Potenzial.

„Wir haben den größten Hebel bei unseren Eigenmarken, weil wir dort direkt mitbestimmen können.“ Die Produktmanager setzen die Nachhaltigkeitsvorgaben am Produkt um. Das Team von Jekel erarbeitet die Inhalte, strukturiert die Prozesse, erklärt und berät. „Wir beraten, wir erklären, wir strukturieren – und kümmern uns um den inhaltlichen Kram.“ Das Produktmanagement setzt dann das um, was Jekel augenzwinkernd mit „nur noch“ beschreibt – er ergänzt sofort: „Das ‚nur noch‘ setze ich bewusst in Anführungszeichen, weil das die eigentlich größte Arbeit ist.“

41 Prozent recyceltes Plastik – weit über dem Durchschnitt

Zahlen erzählen manchmal mehr als Strategiepapiere. Der Branchendurchschnitt beim Einsatz von Recyclingmaterial in Kunststoffverpackungen liegt laut Jekel bei rund 15 Prozent. Rossmann kommt auf 41 Prozent. „Damit sind wir ein echter Treiber der Kreislaufwirtschaft in Deutschland.“

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels: Commitment der Geschäftsführung, ein engagiertes Produktmanagement und klare Vorgaben gegenüber Lieferanten. „Ohne deren Engagement hätten wir mit Sicherheit keine 41 Prozent erreicht.“

Dabei macht Jekel eine wichtige Unterscheidung, die im öffentlichen Diskurs oft verloren geht: Nicht nur der Einsatz von Rezyklaten zählt – entscheidend ist zunächst, ob Verpackungen überhaupt recyclingfähig sind. „Ich muss daran arbeiten, dass sie recyclingfähig sind, damit ich am Ende auch genug recyceltes Plastik habe, was ich wieder einsetzen kann.“ Schwarze Verpackungen etwa gelten als problematisch – sie verunreinigen den Recyclingkreislauf. Auch wenn Kunden Kosmetikprodukte in weißen Flaschen bevorzugen, weil sie Reinheit signalisieren, führt das zu echten Zielkonflikten im Produktdesign.

Der Nachfüllbeutel – ein Lehrstück in Systemdenken

Konkret wird Jekels Ansatz am Beispiel des Nachfüllbeutels unter der Marke Isana. Die Idee klingt simpel: Statt eine neue Duschgelflasche zu kaufen, füllt man die vorhandene nach – und spart dabei bis zu 70 Prozent Plastik. „Das ist ein riesengroßer Wert.“

Doch lange war der Beutel selbst nicht recyclingfähig. Die Konsequenz: Das eingesparte Material am Anfang des Produktlebens endete am Ende im Verbrennungsofen. „Der Kreislauf war an der Stelle zu Ende. Das hat nichts mit echter Kreislaufwirtschaft zu tun.“ Jekel und sein Team haben diesen Widerspruch aufgelöst – mit einem Mono-Material-Beutel, der heute beide Anforderungen erfüllt: Materialeinsparung und Recyclingfähigkeit.

Das Learning daraus ist ebenso klar wie übertragbar: „Wir haben den Blick auf einen Wertschöpfungsschritt gehabt – und das andere nicht genug betrachtet.“ Sein Rat an andere: „Guck dir nicht nur den Anfang an, sondern achte insbesondere aufs Ende.“

Erklären als Kernkompetenz

Was braucht es, um in dieser Rolle erfolgreich zu sein? Jekel denkt kurz nach – und gibt dann eine überraschend klare Antwort: keine eierlegende Wollmilchsau, sondern zwei Dinge. Überzeugungskraft. Und die Fähigkeit, aus komplexen Dingen einfache Erklärungen zu machen.

„Das Fachliche kann man lernen. Aber man muss in der Lage sein, das gut rüberzubringen – und andere mitzunehmen." Das gilt für die Lieferanten genauso wie für das interne Produktmanagement. Wer nicht erklärt, warum etwas wichtig ist, wird keine Veränderung bewirken. „Wir müssen das vielleicht auch ein paar Mal erklären – und das ist okay.“

Am Ende ist Jekels Rolle längst mehr als Product Sustainability. Es ist Change Management, Systemdenken, interne Überzeugungsarbeit – von der Verpackungsfarbe bis zur Lieferkette. Und das alles, ohne auf den nächsten gesetzlichen Impuls zu warten.

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