Wer ist hier der Boss? Wer in den 90er Jahren als Kind aufgeregt RTL geschaut hat, kennt die Antwort vielleicht.
Das war der Witz der Serie. Tony und Angela lebten im selben Haus, teilten denselben Alltag, trafen täglich Entscheidungen, die beide betrafen. Und sieben Jahre lang war nicht klar, wer das Sagen hat. Bis sie in Folge 173 merkten, dass die Frage falsch gestellt war.
Ich denke in letzter Zeit oft an diese Serie, wenn ich mit Nachhaltigkeitsverantwortlichen spreche.
Die Frage, die niemand laut stellt
Wer entscheidet im Unternehmen eigentlich, ob ein Produkt nachhaltiger wird?
Die Geschäftsleitung, die die Strategie setzt? Das Nachhaltigkeitsmanagement, das die Expertise hat? Der Einkauf, der die Lieferkette kennt? Die Produktentwicklung, die weiß, was machbar ist? Oder am Ende doch der Kunde, der kauft oder nicht kauft?
In der Theorie lautet die Antwort meistens: alle gemeinsam. Crossfunktional. Integriert. Auf Augenhöhe. In der Praxis lautet die Antwort jedoch meist: niemand.
Nicht weil jemand dagegen wäre. Nicht weil böser Wille im Spiel ist. Sondern weil das Thema zwischen den Zuständigkeiten liegt. Weil der Einkauf wartet, bis die Produktentwicklung anfragt. Weil die Produktentwicklung wartet, bis die Geschäftsleitung priorisiert. Weil die Geschäftsleitung wartet, bis der Markt ein Signal sendet. Und weil der Markt nur aus dem wählen kann, was ihm angeboten wird.
Ein perfekter Kreis, der sich seit Jahren dreht. Und das nennt sich dann Normalzustand. Bis jemand den Wandel anstößt.
Wer die Optionen gestaltet, gestaltet die Entscheidung
Manchmal werde ich gefragt, ob Nachhaltigkeit im Unternehmen nicht ein bisschen paternalistisch ist. Haben Unternehmen das Recht, für Kunden zu entscheiden, welche Inhaltsstoffe in einer Verpackung stecken, wie ein Produkt hergestellt wird und ob es eine nachfüllbare Variante gibt oder nicht? Ich finde die Frage berechtigt. Aber ich finde die Prämisse falsch.
Denn der Kunde entscheidet immer nur aus dem, was ihm angeboten wird. Wer entscheidet, was ins Regal kommt, hat die eigentliche Entscheidung längst getroffen. Nicht der Konsument vor dem Regal. Sondern die Menschen in Produktentwicklung, Einkauf und Management, Monate oder Jahre davor.
Die Frage ist also nicht: Darf das Unternehmen für den Kunden entscheiden? Das tut es sowieso, jeden Tag. Die Frage ist: Wer im Unternehmen übernimmt dafür die Verantwortung? Und wer denkt es von A bis Z?
Der Nachfüllbeutel als Lernschule
Stell dir vor, jemand im Unternehmen trifft eine klare Entscheidung: „Wir wollen mehr Recyclingmaterial in unseren Verpackungen.“ Nicht weil ein Gesetz es verlangt. Nicht weil eine Kampagne Druck macht. Sondern weil es richtig ist.
Dann beginnt das Eigentliche.
Denn diese eine Entscheidung landet sofort auf mehreren Schreibtischen gleichzeitig. Produktentwicklung muss prüfen, ob das Material mit der Formulierung verträglich ist. Einkauf muss neue Lieferantenbeziehungen aufbauen. Qualitätssicherung muss neue Standards definieren. Logistik muss schauen, ob sich das Verhalten der Verpackung beim Transport verändert.
Das klingt nach Aufwand. Ist es auch. Aber es ist vor allem etwas anderes: ein Lernprozess.
Weil ein Team, das diesen Weg einmal gegangen ist, nicht wieder von vorne anfängt. Was man einmal gemeinsam durchdacht hat, was einmal gelöst wurde, kann wieder verwendet werden. Für das nächste Produkt. Für das übernächste. Für ein ganzes Sortiment.
Ein Nachfüllbeutel, der heute mit Recyclingmaterial funktioniert, ist morgen die Blaupause für zwanzig andere Produkte. Die Fragen sind dieselben. Die Antworten müssen nicht neu erfunden werden. Das Wissen bleibt im Unternehmen.
Das ist nachhaltige Transformation im eigentlichen Sinne. Nicht die große Geste. Sondern die kleine Entscheidung, die konsequent zu Ende gedacht wird. Und dabei zeigt, wie kreativ man sein muss, wie viel man lernt, und wie viel weiter man danach ist als vorher.
Und die Liebesgeschichte?
In der Serie haben Tony und Angela sieben Jahre gebraucht, um zu merken, dass sie nicht gegeneinander arbeiten. Dass die Frage nach dem Boss die falsche war. Dass es darum ging, etwas gemeinsam aufzubauen.
Ich glaube, im Nachhaltigkeitsmanagement passiert gerade etwas Ähnliches.
Die Unternehmen, die es hinbekommen, sind nicht die, in denen das Nachhaltigkeitsmanagement gewonnen hat. Sie sind die, in denen irgendwann jemand aufgehört hat zu fragen, wer hier der Boss ist. Und angefangen hat, es gemeinsam von A bis Z zu denken.
Ob das am Ende eine Liebesgeschichte wird? In meinem nächsten Podcast-Gespräch frage ich jemanden, der jeden Tag in genau diesem Spannungsfeld arbeitet. Ich bin gespannt, was er sagt.
Und ob es bei ihm auch sieben Jahre gedauert hat…
Euer Alexander