Vom Risikoethiker zum CSO: Ein Weg mit Haltung
Dr. Henrik Pontzens Werdegang liest sich wie ein philosophisches Experiment: VWL-Studium mit Stationen in Bonn und Kopenhagen, ein Abstecher ins Philosophische Seminar, eine Promotion in Risikoethik – und dann doch der Anzug auf dem Bahnsteig in Düsseldorf. „Linear war nur, dass ich alles, was ich gemacht habe, mit großer Leidenschaft gemacht habe“, sagt er rückblickend.
Seine Dissertation kreiste um zwei grundlegende Fragen: Welche Risiken darf man anderen zumuten – und welche muss man sich von anderen zumuten lassen? Ein akademischer Gedanke, der in der Realität des Finanzmarkts erstaunlich praktisch wird. Zehn Jahre arbeitete Pontzen in einer globalen Bank – als Leiter eines Bereichs, der Prozesse analysierte und in Krisen einsprang, als eine Art „Detektiv und Feuerwehrmann in einer Person“, wie er es formuliert. Er lernte Produkte, Kunden und Prozesse kennen. Und er verfolgte nebenbei – durch Fachbeiträge und Lehraufträge – stets das Thema Nachhaltigkeit.
2019 ergab sich die Gelegenheit, beides zu verbinden. Seither macht er genau das, wofür er sich immer interessiert hatte: Nachhaltigkeit und Finanzindustrie.
500 Milliarden Euro – und was man damit bewegt
Union Investment ist der Vermögensverwalter der Volks- und Raiffeisenbanken. Rund 6 Millionen Menschen sparen dort in Wertpapieren – über 500 Milliarden Euro, die Pontzen und seine Kolleginnen und Kollegen für diese Kunden anlegen. Davon sind bereits etwa 140 Milliarden Euro mit einer Nachhaltigkeitsstrategie investiert.
„Das ist die Mitte der Mitte der deutschen Gesellschaft“, sagt Pontzen. Und mit dieser Masse kommt Macht: Union Investment redet täglich mit Unternehmen, in die sie investieren, stellt Forderungen, begleitet Transformation. Das nennt sich Engagement – und ist für Pontzen weit mehr als ein Modewort. „Nachhaltigkeit ist eine Methode, langfristige Risiken sehr gründlich zu analysieren und auf langfristige Tendenzen frühzeitig zu reagieren.“ Da sei man wieder beim Risikomanagement. Der Kapitalmarkt denke kurzfristig; nachhaltiges Investieren schaffe genau dort einen Mehrwert, wo andere den Horizont nicht sehen.
Strategisches Streiten: Die Kunst der Dialektik
Eine der stärksten Passagen des Gesprächs dreht sich um das, was Pontzen „strategisches Streiten" nennt. Konkret: die Frage, ob Rüstung nachhaltig sein kann. Eine Frage, die spätestens seit dem Ukrainekrieg die gesamte Branche bewegt.
Die einen sagen: Waffen haben wesentliche negative Nebenfolgen – Menschenleben, CO₂-Bilanz. Die anderen sagen: Ohne Verteidigungsfähigkeit keine Freiheit, ohne Freiheit keine nachhaltige Zukunft. Pontzen löste diesen Knoten nicht durch Mehrheitsentscheid, sondern durch das Hochziehen der Abstraktionsebene – inspiriert von Hegels Dialektik: These, Antithese, Synthese.
„Worauf wir uns einigen konnten, war: Wir wollen unsere Kunden nicht bevormunden. Wir wollen Wahlfreiheit garantieren.“ Daraus folgte eine Produktlösung: Nachhaltige Fonds investieren nicht in Rüstung. Konventionelle Fonds tun es. Beide Kundenbedürfnisse werden bedient – niemand wird bevormundet.
Sein Erfolgsmaßstab dabei ist verblüffend ehrlich: „Man hat seine Arbeit gut gemacht, wenn die verschiedenen Fraktionen im Unternehmen gleich sauer auf einen sind.“ Wer nur von der grünen Fraktion Applaus bekommt, schneidet zu scharf ins Kerngeschäft. Wer nur von der anderen Seite gelobt wird, geht zu langsam Richtung Zukunft. Die richtige Position liegt genau in der Mitte – definiert durch gleichen Abstand zu beiden Extremen.
Prozessgüte vor Schnelligkeit
Für Pontzen ist nicht nur was entschieden wird entscheidend, sondern wie. Schlechte Entscheidungen entstehen nicht durch bösen Willen, sondern durch unvollständige oder unausgewogene Entscheidungsgrundlagen: Vorteile einer Option ausführlich beschrieben, Nachteile in die Fußnoten verbannt.
„Die meisten können ihren Frieden mit ganz vielen verschiedenen Entscheidungen machen, wenn sie den Eindruck haben dürfen, dass auf Basis einer vollständigen und ausgewogen dargestellten Grundlage entschieden wurde.“ Diese Prozessgüte ist für ihn das Herzstück jeder Governance. Und die Grundhaltung dahinter? Er zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer: „Der andere könnte recht haben." Zuhören sei mindestens so wichtig wie Erklären. Die beste Entscheidung sei jene, bei der alle am Ende das Gefühl haben, es hätte gar nicht anders kommen können.
Eine Generationenaufgabe – mit langem Atem
Auf die Frage, ob seine Mission erfüllt sei, antwortet Pontzen ohne Zögern: noch lange nicht. Nachhaltigkeit sei eine Generationenaufgabe – 20, 30 Jahre, kein Sprint. „Schnelle Lösungen, die sofort funktionieren und alle glücklich machen, die wird es garantiert nicht geben.“
Was bleibt, ist ein Auftrag mit Tiefe. Pontzen ist kein Idealist, der auf Applaus wartet. Er ist ein Pragmatiker mit philosophischem Fundament, der weiß: Nachhaltigkeit setzt sich nicht durch, weil sie richtig ist. Sie setzt sich durch, wenn sie in der Sprache des Gegenübers formuliert ist. Und manchmal muss man dafür streiten – klug, geduldig und mit dem festen Glauben, dass es eine Synthese gibt. Man muss nur scharf genug nachdenken, um sie zu finden.
Shifting Minds auf allen Plattformen
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