Warum Digitale Verantwortung über Resilienz entscheidet
Corporate Digital Responsibility, kurz: CDR, sei im Grunde ein „Erfolgsförderungsprogramm“, sagt Dr. Frank Esselmann, verantwortlicher Bereichsleiter Markt der CDR-Initiative in Berlin. Das muss hier gleich am Anfang gesagt werden, denn viele Unternehmen reagieren aus völlig nachvollziehbaren Gründen reflexartig mit einer „Bleib-mir-doch-jetzt-damit-vom-Leib-Haltung“, wenn sie mit dem Thema digitale Verantwortung konfrontiert werden. Zusätzlichen Aufwand kann aktuell wirklich niemand gebrauchen, schließlich befinden wir uns in einer handfesten Wirtschaftskrise. Warum sollte man sich also ausgerechnet jetzt auch noch mit anspruchsvollen Themen wie Digitaler Ethik, Green AI oder den Risiken technischer Systeme befassen?
Die kurze Antwort: Weil es sich auszahlt.
Wer einem klaren digitalen Kompass folgt, schützt sein Unternehmen, bindet Mitarbeitende, punktet bei Konsumenten, spart Ressourcen und macht den Betrieb somit insgesamt resilienter.
Klingt gut, aber wie fängt man das an? Zunächst gehe es darum, sich alle digitalen Verantwortungsaspekte im Unternehmen einmal ganzheitlich anzusehen und sie anschließend zu priorisieren, erklärt Dr. Frank Esselmann. Gibt es zum Beispiel klare Leitplanken für den Einsatz von KI? Wie steht es um die IT-Sicherheit? Wie ressourcenintensiv ist die IT? Werden alle Mitarbeitenden bei der fortschreitenden Digitalisierung mitgenommen? Woher kommt eigentlich die Software, in welchem Land werden die Daten gehostet und wie energieeffizient sind die Geräte? Solche Themen kann nur gut steuern, wer die Antworten kennt.
Unternehmen wünschen sich insbesondere, wenn es um Cybersecurity und digitale Souveränität geht, mehr Resilienz. Wie man sie bekommt, ist umstritten.
(Dr. Frank Esselmann, CDR-Initiative)
Die CDR-Initiative wurde 2018 vom damaligen Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) gemeinsam mit Unternehmen ins Leben gerufen. Sie veranstaltet regelmäßige Mitgliedertreffen und Konferenzen, bietet Workshops, veröffentlicht Whitepaper, Leitlinien und Handlungsempfehlungen, und bringt Menschen aus Wirtschaft und Politik zusammen. Zu den Mitgliedern zählen Schwergewichte wie die Otto Group, ING, Telekom oder Zalando.
Der Anspruch der CDR-Initiative: digitale Verantwortung soll in Unternehmen zur Selbstverständlichkeit und die Digitalisierung menschen- und werteorientiert gestaltet werden. Ihr Themenspektrum reicht von Datenschutz und IT-Sicherheit über Nachhaltigkeit bis hin zur Berücksichtigung ethischer Anforderungen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Zweifellos: Das ist ein weites Feld.
Bloß nicht zerstrubbeln
Dessen ist man sich in der Initiative sehr wohl bewusst und will Unternehmen den Einstieg ins Thema möglichst einfach machen, damit die sich nicht „in tausenden Definitionen und Spielarten zerstrubbeln“, so Frank Esselmann. „Wir haben dieses riesige Thema strukturiert, indem wir Handlungsfelder definiert haben, indem wir Ziele zu den Handlungsfeldern definiert haben und indem wir derzeit mit den Entwicklungspartnern einen immer besseren, standardisierten Prozess definieren, wie man eigentlich anfängt.“
Aufschlussreiche Erkenntnisse darüber, wo ein Unternehmen in Sachen Corporate Digital Responsibility steht, liefert der kostenlose CDR-Quick-Check. Mehr als 100 Unternehmen haben diesen Check schon absolviert, eines davon ist die Mobil ISC. Der mittelständische IT-Dienstleister ist ein Rechenzentrumsbetreiber für gesetzliche Krankenkassen, hat also mit sehr sensiblen Daten und höchsten IT-Sicherheitsstandards zu tun.
Warum CDR und Nachhaltigkeit zusammengehören
Für Svenja Fischer, Corporate Sustainability Managerin der Mobil ISC, gehören CDR und Nachhaltigkeitsmanagement klar zusammen: Die IT sei so etwas wie das unsichtbare künstliche Herz der Mobil ISC, sagt sie. Digitalisierung ist für die Mobil ISC zugleich Geschäftsbasis und größter Hebel im Nachhaltigkeitsmanagement, denn sie betrifft Energieeffizienz, Ressourcennutzung und Emissionen ebenso wie Fragen von Transparenz und Fairness oder den verantwortungsvollen Umgang mit Daten.
Die Mobil ISC stieß über eine Informationsveranstaltung zum „Digitalen Datenputz“ auf die CDR-Initiative. Solch eine Rechner-Aufräumaktion, sagt Svenja Fischer, lohnt sich in vielerlei Hinsicht: aus Datenschutzgründen, aus Informationssicherheitsgründen, aus ökologischen Gründen, für ein besseres Ressourcenverständnis und auch für die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden.
Im vergangenen Dezember vereinbarten die Mobil ISC und die CDR-Initiative eine Entwicklungspartnerschaft. Die Mobil ISC will damit ihre CDR-Bildung stärken, mehr Wertschöpfung durch eine kontrollierte KI-Nutzung erzielen und ihr Lieferanten- und Ressourcenmanagement voranbringen, die CDR-Initiative profitiert vom Know-how des Unternehmens in puncto Digitalisierung des Gesundheitssystems.
Ein gutes Informationssicherheitsmanagement zahlt auf das Bestehen eines Unternehmens ein.
(Svenja Fischer, Mobil ISC)
„Das Tolle an der Initiative ist, dass sie unter anderem das Thema Informationssicherheit aus der Nische herausholt“, sagt die Managerin. „Ein gutes Informationssicherheitsmanagement zahlt auf das Bestehen eines Unternehmens ein. Wenn da etwas passiert – ein Stromausfall oder ähnliches – dann ist die Wertschöpfung des Unternehmens gestört. In diesen Punkten die Qualität hochzuhalten, ist Teil der digitalen Verantwortung. Die Initiative motiviert Unternehmen, sich mehr damit zu beschäftigen.“
IT-Sicherheit ist existenziell
Digitale Verantwortung ist vielschichtig. Welche Aspekte wie wichtig sind, unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen. Für alle gleichermaßen relevant sind Themen wie KI-Ethik oder Cybersecurity. Diese Themen haben, wen wundert’s, in letzter Zeit stark an Bedeutung gewonnen. „Unternehmen wünschen sich insbesondere, wenn es um Cybersecurity und digitale Souveränität geht, mehr Resilienz. Wie man sie bekommt, ist umstritten“, erklärt Frank Esselmann. Immer mehr Unternehmen würden sich beispielsweise gern von dominierenden Cloud-Computing-Anbietern wie Amazon Web Services (AWS) oder Microsoft Azure unabhängig machen. Dass auch solche Abhängigkeiten mit Nachhaltigkeit zu tun haben, brachte Karsten Zunke unlängst in seinem lesenswerten Artikel Digitale Souveränität – das vergessene Puzzlestück im Nachhaltigkeitsmanagement auf den Punkt. Er schreibt: „Die Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Giganten ist in deutschen Unternehmen massiv. Doch ist das nur ein IT-Problem? Keineswegs. Digitale Souveränität ist eine Frage der Governance, der Resilienz und der langfristigen Zukunftsfähigkeit – und damit auch eine Frage des Nachhaltigkeitsmanagements.“
Größte Herausforderung: der Mensch
Interessanterweise ist der wichtigste Treiber dafür, dass sich Unternehmen mit digitaler Verantwortung befassen, die Mitarbeitereinbindung. Das jedenfalls zeigt die Auswertung der CDR-Quick Checks. Frank Esselmann erklärt: „Die größte Sorge ist die fehlende Kooperation der Mitarbeiter bei dem digitalen Wandel und den Transformationsprozessen. Also nicht der offene Angriff gegen das Unternehmen, sondern einfach das schleppende Umsetzen von Richtungswechseln.“
Die Unternehmen wollen Mitarbeitende auch in der Transformation halten und mitnehmen. Wie herausfordernd diese Aufgabe ist, zeigt sich exemplarisch am Einsatz von Künstlicher Intelligenz: In etlichen Unternehmen fürchten Mitarbeitende die KI und blockieren entsprechende Projekte; auch der entgegengesetzte Fall birgt große Risiken: Mitarbeitende nutzen ohne Wissen des Unternehmens öffentlich zugängliche KI-Anwendungen, verwenden dabei munter vertrauliche Daten und verstoßen gegen Datenschutzvorgaben. Auch in puncto Cybersecurity sind sensibilisierte Mitarbeitende enorm wichtig: Das größte Einfallstor für Cybercrime ist immer noch der Mensch. Es ist also allemal sinnvoll, einen, wie Esselmann es nennt, „gesamtheitlichen Verantwortlichkeitsdialog“ zu führen, um Sorgen zu nehmen, Regeln zu kommunizieren und Risiken zu minimieren.
Aktuell arbeitet die CDR-Initiative intensiv zum Thema Green AI. In der Vergangenheit gab es solche Formate auch schon zu Desinformation und Hate Speech oder Diversity-Folgenabschätzung. „In der Regel sind das Austauschgremien mit Unternehmen, die Interesse haben, sich zu beteiligen; sie schicken dann ihre Fachleute. Am spannendsten ist es, wenn es einen Dialog zwischen Politik und Unternehmen gibt. Bei Green AI war der ganz hervorragend,“ erzählt Esselmann.
Dass der Initiative die Arbeit ausgeht, ist nicht zu erwarten. Als sie startete, mussten die Beteiligten noch erklären, warum digitale Verantwortung überhaupt ein Thema ist. Heute, sagt Frank Esselmann, sei sie im Zentrum des Geschehens.
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