Business-Aktivismus

Wer (hat) Macht (über) deine IT?


Kolumne: Wer (hat) Macht (über) deine IT?

Nachhaltigkeit und Souveränität hängen untrennbar zusammen. Doch während sich Unternehmen um die Resilienz von Lieferketten und Infrastruktur sorgen, haben sie beim Digitalen oft noch blinde Flecken. Das wurde unserer Kolumnistin Jule Bosch in einem „What-the-fuck-Moment“ bewusst.

Was war dein letzter What-The-Fuck-Moment? Das letzte Mal, als du gedacht hast, „Huch, hier stimmt doch was nicht!“ oder „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ oder auch „Was zum Teufel soll das?!“ Und nein, ich spreche nicht von der Überraschungsportion schwarzer Oliven auf deiner Pizza letzten Samstag beim Italiener. Ich meine einen echten, gesellschaftlich relevanten What-The-Fuck-Moment.

Meiner ist noch nicht lange her. Ich war eingeladen, einen Vortrag über Zukunftsmut beim Jahreskickoff-Event eines großen Food Unternehmens zu halten. Und weil ich schonmal da war, hörte ich mir auch die Eröffnungsrede des Geschäftsführers an. Der war in einem früheren (Berufs-) Leben Historiker und brachte das aktuelle politische Geschehen wirklich fantastisch auf den Punkt. Noch dazu unterhaltsam. Neben sportlichen Höhepunkten des letzten Jahres spielten geopolitische Zusammenhänge und die Rolle von Trump und den USA darin eine der Hauptrollen.

Verständlich, schließlich hat ein großes Food Unternehmen globale Lieferketten, weshalb das, was in der Welt passiert, sich direkt und indirekt auf das Business auswirkt – beispielsweise in Sachen Energiepreise. Ich nickte also zustimmend, als von einer kritischen Abhängigkeit Europas die Rede war. Nach einer halben Stunde wechselte der Fokus vom Weltgeschehen zum Unternehmensgeschehen.

Von Souveränität sprechen – und sich digital voll in die Abhängigkeit begeben

Der What-The-Fuck-Moment traf mich gerade in dem Moment, als voller Stolz verkündet wurde, wie weit das Unternehmen bereits damit war, in der ganzen Firma das Betriebssystem eines großen US-Amerikanischen Tech-Konzerns auszurollen und lediglich problematisiert wurde, dass das Rollout etwas kompliziert, weil recht umfangreich sei. Moment… war nicht eben noch von einer kritischen Abhängigkeit die Rede gewesen? Und hatte eigentlich niemand mitbekommen, dass Richter:innen und Staatsanwält:innen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag erst kürzlich ihre Kreditkarten und den Zugang zu einer Vielzahl von Online-Diensten gesperrt bekamen, weil sie Urteile gefällt hatten, die Trump nicht in den Kram passten?

Ich dachte also: Huch, hier stimmt doch was nicht! Wie kann es sein, dass erfolgreichen Unternehmen zwar klar ist, wie kritisch die Abhängigkeit von Despoten in Sachen Energieversorgung und Lieferketten ist, die digitale Infrastruktur aber wie selbstverständlich weiterhin unhinterfragt von US-Konzernen kommt, die nachweislich Interessen ebendieser Despoten durchsetzen? Wie kann es sein, dass die Abhängigkeit in Sachen Lieferketten problematisiert wird, aber digitale Lieferketten nicht Teil solcher Überlegungen sind? Ob das im geschilderten Zusammenhang unhinterfragt war, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht wurde auch lange und intensiv darüber nachgedacht und eine durchaus fundierte Entscheidung getroffen.

Wahrscheinlicher ist, dass hier im Großen genau wie im Kleinen eine ähnliche Dynamik am Werk ist. Schließlich hätte ich auch mich selbst fragen können: Warum um alles in der Welt, verwende ich für meine Arbeit weder europäische KI (was ja vergleichsweise einfach wäre), noch Open-Source-Betriebssysteme? Alle Welt spricht von digitaler Souveränität…. und ich mache einfach weiter wie bisher? Und würde sich nicht vielleicht im Großen schneller etwas ändern, wenn wir im Kleinen allesamt sehr viel bewusster mit unseren Daten und Systemen umgingen?

Was Den Haag kann, können auch Konzerne

Ich klage also keinesfalls irgendein Unternehmen an, sich in dieser Sache noch in der Pre-Trump Ära zu befinden. Ich würde aber sehr viel ruhiger schlafen, wüsste ich, dass dieser What-The-Fuck-Moment sich ab sofort rasant in den Führungsetagen herumsprechen wird – und zwar nicht erst, wenn wir die Konsequenzen des Nicht-Handelns zu spüren bekommen.

Hier daher eine Gesprächsvorlage für das nächste Networking Event: Überspringe direkt das Wetter-Thema und würze deinen Small Talk mit einer Prise Geopolitik. Ungefähr so: „Und, auf welchem Betriebssystem läuft eigentlich eure IT?” Und dann: anders machen. Denn so schwer kann die Sache nicht sein. Erst 2025 hat der Internationale Strafgerichtshof – wohlgemerkt eine Behörde! – die IT auf Open Source umgestellt. Also: Weitersagen! Und für tiefere Insights zum Thema „Digitale Souveränität“ unbedingt diesen Artikel von Karsten Zunke lesen.

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