Nachhaltigkeit im Krisenmodus – deshalb bleibt sie relevant
Die vielfältigen Krisen führen in Unternehmen zu Dauerstress. Tritt da Nachhaltigkeit in den Hintergrund? „In Teilen schon, gerade wenn es gilt, neue Ressourcen aufzubauen“, sagt Prof. Dr. Rüdiger Hahn, Professor für Sustainability Management an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Gerade in Europa hätten Unternehmen wegen der CSRD-Anforderungen viele Ressourcen aufgebaut. Da wundere es nicht, wenn nun erst einmal ein Gang zurückgeschaltet wird.
Dennoch bleibt der Stellenwert von Nachhaltigkeit aus seiner Sicht stabil. Die Basisbedingungen hätten sich nicht geändert: Der Klimawandel bleibt, ebenso der Druck für Unternehmen, die daraus entstehenden Risiken zu managen. „Nachhaltigkeit ist erwachsen geworden. Es ist kein Blümchenfreund-Thema mehr, sondern eine knallharte betriebswirtschaftliche Anforderung“, sagt Hahn.
Wie hat sich Nachhaltigkeit in diesen Krisenzeiten verändert? Was ist ihr Stellenwert heute? Sieben Thesen:
1. Resilienz und Risikominimierung treten in den Vordergrund
Die Kommunikationsagentur Weber Shandwick hat eine datenbasierte semantische Analyse durchgeführt, wie Nachhaltigkeitsthemen in klassischen und sozialen Medien kommuniziert werden ( siehe hier). Das Ergebnis: „Begriffe wie ESG, Nachhaltigkeit oder Diversity werden deutlich weniger genutzt als noch ein Jahr zuvor. Stattdessen treten Worte wie Resilienz, Risikominimierung, Innovation oder Zukunftsfähigkeit in den Vordergrund“, sagt Charly Uster, Account Director Sustainability bei Weber Shandwick.
Das ist mehr als nur ein Sprachtrend. Dauerkrisen verschieben Prioritäten. Daher gewinnt alles an Bedeutung, was hilft, Krisen zu bewältigen. Oft sind das Aspekte der Nachhaltigkeit, nur eben anders formuliert. „Solche Begriffe sind wertneutraler und stehen höher in der Agenda, während ,Nachhaltigkeit' oder ,Diversity' teilweise zu kulturellen Kampfbegriffen geworden sind – vor allem für Unternehmen, die international tätig sind“, sagt Uster.
Hahn teilt diese Beobachtung: „Man merkt, dass Nachhaltigkeit keine Ideologie ist, sondern dass es im Kern um die Erhaltung von Ressourcen für die Menschheit geht.“ Das gibt dem Thema Gewicht – auch ohne das Wort „Nachhaltigkeit“.
2. Das Management der Lieferketten wird ein zentraler Treiber von Nachhaltigkeit
Jens Kürten, Inhaber von JK Consulting und Mitgründer von eco-vox, bietet Nachhaltigkeitsberatung vor allem für mittelständische Unternehmen. Er hat einen Schwerpunkt in der Baubranche, lange Zeit eher ein Sorgenkind in puncto Nachhaltigkeit. Wie Kürten berichtet, müssten die Unternehmen der Baubranche jetzt zunehmend ihre Nachhaltigkeitsleistungen nachweisen. Dies erwarten große Konzerne wie Deutsche Bahn, Autobahn GmbH oder Verwaltungen, die jetzt an ihren Scope-3-Klimazielen arbeiten. „Dadurch entsteht bei den Unternehmen der Baubranche ein Markt- und Kundendruck, der viel direkter und motivierender wirkt als irgendeine Regulatorik aus Brüssel oder Berlin“, sagt Kürten. „Nachhaltigkeit wird zur Eintrittskarte bei Ausschreibungen. Kann man seine Leistungen in diesem Bereich nicht nachweisen, wird man Schwierigkeiten bei den Ausschreibungen haben.“ Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, wo das Geschäft ohnehin gefährdeter ist, können es sich Firmen nicht leisten, durch fehlendes Nachhaltigkeitsengagement Aufträge zu verlieren.
Nicht zuletzt auch durch die CSRD-Anforderungen oder durch das Lieferkettengesetz ist das Thema tief im Geschäftsalltag verwurzelt. Es ist strukturell verankert und kann nicht mehr einfach beiseitegeschoben werden. „Jetzt wird ganz klar, dass Nachhaltigkeit langfristig dem Menschen und damit auch der Wirtschaft nutzt“, sagt Hahn.
3. Nachhaltigkeit entscheidet über die Kreditwürdigkeit
Ein anderer Faktor, der Nachhaltigkeit mehr Nachdruck verleiht, ist Kapitalbedarf. Bei jedem größeren Kredit fragen die Banken nach dem Nachhaltigkeitsprofil. Konditionen sind je nach ESG-Profil unterschiedlich. Kürten rät, sich früh vorzubereiten: „Es kann gut ein paar Monate dauern, bis man alle nötigen Dokumente und Daten für sein Nachhaltigkeitsprofil zusammengestellt hat. Wenn man dringend Fremdkapital braucht, kann das zum Problem werden. Denn wer die Fragebögen der Banken nicht umfassend beantworten kann, muss ggf. mit schlechteren Konditionen rechnen.“
4. Die Kreislaufwirtschaft treibt Nachhaltigkeitsthemen
In der Verfügbarkeit von Rohstoffen und in der Kreislaufwirtschaft sieht Uster einen weiteren Treiber. Wer seine Produkte auf Kreislaufwirtschaft umstelle, mache sich unabhängiger von Rohstoffen, betont Uster. Hier sieht sie zugleich einen Nutzen für die Kunden: „Wenn ich Produkte herstelle, die länger haltbar und reparierbar sind, spart der Kunde dadurch am Ende Geld. Damit werden nachhaltige Produkte für ihn interessanter – auch wenn ich gar nicht von Nachhaltigkeit spreche.“
5. International bleibt Nachhaltigkeit gefragt
Einige Kunden von Jens Kürten sind in den USA und Kanada aktiv. Von ihnen weiß er: „Es gibt immer noch viele US-amerikanische Unternehmen, für die Nachhaltigkeit und Klimawandel ein großes Thema ist. Entsprechend sind dort Nachhaltigkeitsassessments nach wie vor wichtig.“ Wer in den USA geschäftlich aktiv sein wolle, müsse weiterhin mit Nachfragen zu seinem Nachhaltigkeitsprofil rechnen.
Charly Uster verweist auf China, das einen eigenen Nachhaltigkeitsreporting-Standard veröffentlicht hat. Für sie ergeben sich daraus gleich zwei Motive für europäische Firmen, in puncto Nachhaltigkeit nicht nachzulassen: „Wenn wir in Europa nicht mehr die Standards setzen, wer tut es dann? Wir sollten uns deshalb das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen.“ Nicht zu vernachlässigen sei außerdem, dass absehbar auch für den chinesischen Markt Nachhaltigkeit zur Zugangsvoraussetzung wird.
6. Beim Employer Branding ist Nachhaltigkeit zentrales Thema
Der Hörsaal von Prof. Hahn ist noch genauso gut gefüllt wie vor vier Jahren. Und als er im vorletzten Semester gemeinsam mit seinem Kollegen für Personalwirtschaft ein Seminar zu Arbeitgeberattraktivität und Nachhaltigkeit durchführte, zeigte sich auch sehr deutlich: Nachhaltigkeit ist für das Employer Branding nach wie vor ein zentrales Thema, das Mitarbeiter:Innen anzieht. Ein Aspekt, der im Kampf um die Talente nicht vernachlässigt werden darf.
7. Nachhaltigkeit ist vorausschauendes Management von Krisen
Auch der Klimawandel bleibt mit seinen Folgen ein Thema, das Unternehmen zum Handeln treibt. So bedeute es zum Beispiel. ein Risiko für Unternehmen, wenn der Rhein kein Wasser mehr führt. „Wenn ich sehe, was Klimawandel kostet und welche Risiken irgendwann nicht mehr versicherbar sind, dann ist es wirtschaftliches Harakiri, wenn ich mich nicht darum kümmere“, sagt Hahn. „Ohne Nachhaltigkeit werden wir mehr und stärkere Krisen haben. Gerade das sollte uns in Krisenzeiten anhalten, bei Nachhaltigkeit nicht nachzulassen.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Resilienz und ESG: Wie werden Wirtschaft und Gesellschaft krisenfest?
Risikomanagement: Krisenprävention als wertvolle Ergänzung (€)
-
Die wichtigsten Sustainability-Events 2026
199
-
Plan A oder die Macht des glücklichen Zufalls
36
-
Nachhaltigkeit im Krisenmodus – deshalb bleibt sie relevant
16
-
Zwischen zwei Welten: ESG-Backlash in den USA
14
-
VSME: Ohne Wesentlichkeitsanalyse leidet die Vergleichbarkeit
10
-
Greentech Festival 2025: Zwischen grüner Vision und harter Realität
6
-
The Week: Wie Unternehmen Gespräche über Nachhaltigkeit anzetteln
6
-
Daniel Dahm – Lebensdienlichkeit als Maßstab
6
-
Die Cashew-Story: Was hinter dem Trendprodukt steckt
5
-
„Das Handeln ist in vielen Unternehmen deutlich zu kurz gekommen“
5
-
Rat der Europäischen Union gibt grünes Licht für Omnibus I
25.02.2026
-
Nachhaltigkeit trotz Krisen durchsetzen - fünf Tipps
16.02.2026
-
Dr. Daniel Dahm – Lebensdienlichkeit als Maßstab
13.02.2026
-
Die wichtigsten Sustainability-Events 2026
12.02.2026
-
Nachhaltigkeit im Krisenmodus – deshalb bleibt sie relevant
06.02.2026
-
Forschungsprojekt „ENaQ“: Im Labor der Energiewende
03.02.2026
-
Omnibus I: Auswirkungen auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung im Mittelstand
19.01.2026
-
Neuer Vorstand bringt frischen Wind: BAUM startet ins Jahr 2026
16.01.2026
-
Osapiens wird zum Einhorn: 100 Millionen US-Dollar von Investor
14.01.2026
-
Brücken bauen: Was der neue Nachhaltigkeits-Chef der LMU plant
13.01.2026