Interview Prof. Dr. Ralf Ludwig, CSO LMU München

Brücken bauen: Was der neue Nachhaltigkeits-Chef der LMU plant


Interview: Was der neue Nachhaltigkeits-Chef der LMU plant

Seit November 2025 hat die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit Prof. Dr. Ralf Ludwig ihren ersten Chief Sustainability Officer. Die selbst- und sendungsbewusste LMU zählt zu Europas Top-Unis und belegt regelmäßig Spitzenplätze in akademischen Rankings – bloß in Sachen Nachhaltigkeit hielt sie sich bislang eher zurück. Das soll sich jetzt ändern. 

Professor Ludwig, die LMU hat Sie im November 2025 zum ersten Chief Sustainability Officer berufen. Warum? Und: Warum gerade jetzt?

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert: Der Hochschulrahmenvertrag und das Hochschulinnovationsgesetz setzen Nachhaltigkeit klar auf die Agenda und das neue Präsidium der LMU erkennt das Thema als strategisch relevant an. Die Einrichtung dieser CSO-Stelle ist – ganz unabhängig von meiner Person – ein klares Signal nach innen und außen, dass wir das Thema ernsthaft angehen und die LMU auch bei der Nachhaltigkeit ganz vorn mitspielen will.

Ein strategischer Neustart für die LMU

Die LMU ist ein Riesengebilde mit 18 Fakultäten, zahlreichen über München verteilten Standorten und rund 55.000 Studierenden. Wie wollen Sie all das unter einen Nachhaltigkeits-Hut bringen?

Es gibt an der LMU schon seit Jahren sehr viele Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit, aber sie sind wenig gebündelt, wenig sichtbar und kaum vernetzt. Im vergangenen Jahr ist uns ein erster Aufschlag gelungen: eine konsolidierte Homepage, die alle Aktivitäten zusammenführt und zeigt, was an der LMU in den unterschiedlichen Bereichen bereits passiert.

Meine Aufgabe als CSO ist es, das Thema Nachhaltigkeit in die Gesamtstrategie der LMU zu integrieren, und dazu braucht es alle Player. Wir haben in allen Fächergruppen sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die das Thema aus unterschiedlichen fachlichen und methodischen Perspektiven betrachten. Sie zusammenzubringen und ein interdisziplinäreres Verständnis dafür zu entwickeln, was Nachhaltigkeit im universitären Kontext eigentlich bedeuten kann, ist eine spannende Aufgabe.

Erst wenn wir wissen, wie wir performen, können wir beurteilen, wo und wie wir uns verbessern können und müssen.

Wo liegen denn die größeren Herausforderungen: eher in Forschung und Lehre oder im Betrieb?

Alle Bereiche haben ihre ganz spezifischen Fragestellungen und Herausforderungen. Die LMU hat viele Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, verteilt über die ganze Stadt. Die energetische Sanierung, das Emissionsmonitoring und das Ressourcenmanagement sind enorme Herausforderungen. Das ist auch nicht mein originäres Fachgebiet, deshalb braucht es ein Team. In der Verwaltung und in den betrieblichen Abläufen gibt es bereits viel Kompetenz an der LMU.

Wie fangen Sie an?

Meine Aufgabe ist es jetzt, die richtigen Leute mit diesen operativen Kompetenzen zu vernetzen und hier auch Brücken zur Forschung und zum Studium zu bauen. Wir müssen vernünftige und belastbare Aussagen treffen können – Treibhausgasbilanzierung, Monitoring, Messung und Berichterstattung müssen Teil der Gesamtstrategie werden. Daran wird derzeit gewissenhaft gearbeitet. Erst wenn wir wissen, wie wir performen, können wir beurteilen, wo und wie wir uns verbessern können und müssen.

Wie ist Ihre neue Rolle finanziell ausgestattet?

Ich bin erst seit Kurzem im Amt, noch sind nicht alle Entscheidungen getroffen, was die Ausstattung angeht. Auf jeden Fall stehen Mittel zur Verfügung, die es ermöglichen, mit den Menschen an der LMU im Gespräch zu sein, also Veranstaltungen zu organisieren, Workshops und Seminare auszurichten und mich mit den Nachhaltigkeitsbeauftragten der Fakultäten oder auch anderer Universitäten zu vernetzen.

Und organisatorisch?

Die erforderlichen Prozesse und eine klare Struktur bauen wir gerade in Abstimmung mit dem Präsidenten und dem Präsidium auf. Mir geht es dabei ausdrücklich nicht um disziplinarische Weisungsbefugnis, sondern um ein leistungsfähiges, tatkräftiges Team, das alle relevanten Bereiche abdeckt. Wir können dabei zum Beispiel auf langjährige Erfahrungen aus dem Steuerkreis Nachhaltigkeit, dem Nachhaltigkeitsausschuss oder dem Münchener Zentrum für Nachhaltigkeit (MZN) zurückgreifen und wissen, wer die engagierten Köpfe sind, die gemeinsam etwas bewegen wollen.

… man hat in seiner Bubble das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen und das Gleiche wollen: Alle wollen Zukunft, alle wollen Nachhaltigkeit. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Wo sehen Sie Quick Wins und an welchen Stellen werden Sie eher dicke Bretter bohren müssen?

In der Forschung und der Lehre sehe ich kein Nadelöhr. Ich glaube, die meisten, die sich in dem Themenfeld engagieren, haben ähnliche Vorstellungen davon, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung ein ganz wesentliches Thema ist. Schwieriger wird es sein, die Nachhaltigkeit in der Forschung und die betriebliche Nachhaltigkeit an der Universität zusammenzubringen. Da müssen wir schauen, ob und wie man hier tragfähige Brücken bauen kann.

Anreize für Studierende schaffen

Wie reagieren denn die Studierenden auf das Nachhaltigkeitsengagement an der LMU, finden die das gut?

Spontan würde ich gern sagen: „Ja, natürlich.“ Ich komme aus den Geowissenschaften, da sind Umweltthemen immer ein Heimspiel, und man hat in seiner Bubble das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen und das Gleiche wollen: Alle wollen Zukunft, alle wollen Nachhaltigkeit. Aber ganz so einfach ist es nicht. Bei der Sustainability Week an der LMU im Oktober 2025 ist es uns zum Beispiel nicht gelungen, Studierende in großem Umfang zu mobilisieren. Obwohl wir ein tolles inhaltliches Angebot mit vielen wissenschaftlich relevanten und in der Lehre ausgewiesenen Persönlichkeiten hatten. Die mäßige Resonanz kann viele Ursachen haben: Wir haben das zum ersten Mal gemacht und vielleicht haben wir nicht die richtigen Kanäle bespielt. Außerdem gibt es an der LMU ein riesiges Veranstaltungsangebot. Vielleicht sind es auch Pandemie-Nachwirkungen oder auch fehlende Anreize. Da setzen wir an.

Fehlende Anreize?

Ja, zum Beispiel in Form von anrechnungsfähigen ECTS-Punkten in Bachelor- oder Masterstudiengängen. Das ist ernüchternd, denn wir brauchen eine intrinsische Motivation. Das gilt nicht nur für die Studierenden. Ich hatte auch gedacht, dass wir unter den Dozierenden mehr Personen erreichen. Aber das ist jetzt eine der Aufgaben: die Nachhaltigkeit an der LMU so zu platzieren – über die LMU Green-Homepage einerseits, und einschlägige Veranstaltungen andererseits –, dass das Thema quer durch alle Fakultäten als wichtig erkannt wird. Es war vielleicht ein wenig naiv zu glauben, dass die Leute schon kommen, wenn man ein neues Angebot zu Zukunftsthemen macht. Wir reagieren jetzt auch darauf, indem wir Nachhaltigkeit stärker curricular verankern.

Das heißt?

Zum Beispiel, dass wir als erste Universität in Bayern Bildung für nachhaltige Entwicklung als Erweiterungsfach im Lehramt ins Staatsexamen bringen. Außerdem führen wir ein interdisziplinäres Nebenfach Nachhaltigkeit ein, offen für Studierende aller Fachrichtungen. Das ist eine messbare Zusatzqualifikation und ein wichtiger Hebel.

Was, glauben Sie, ist entscheidend für den Erfolg Ihrer neuen Rolle?

Ohne Rückhalt der Hochschulleitung geht es nicht. Im Moment habe ich aber sehr klar den Eindruck, dass das Präsidium das Thema ernsthaft unterstützt und sichtbar machen will. Jetzt ist der Startschuss gefallen. Außerdem haben wir einen breiten Fundus an Menschen, die sich mit Nachhaltigkeit und Zukunftsgestaltung beschäftigen. Diese Zukunftskompetenz müssen wir an der LMU ganz nach vorn tragen und gesellschaftlich nutzbar machen. Gerade in Zeiten, in denen man das Gefühl haben muss, dass die Themen angesichts des Weltgeschehens immer mehr in den Hintergrund treten, wollen wir beharrlich bleiben.

Ralf Ludwig

ist Professor für angewandte Physische Geografie, Prodekan der Fakultät für Geowissenschaften und CSO der LMU. Er forscht zu den Folgen des Klimawandels auf natürliche Systeme und Mensch-Umwelt-Beziehungen.


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion