Die Cashew-Story: Was hinter dem Trendprodukt steckt
Ob im Müsli, im roten Curry oder einer veganen Mayonnaise: Der Cashewkern ist aus vielen europäischen Küchen kaum mehr wegzudenken. Fast 4 Millionen Tonnen wurden 2023 weltweit geerntet, davon wanderten fast 67.000 Tonnen nach Deutschland, 2024 sogar noch mehr (fast 70.000 Tonnen). Der Handel mit Cashews ist längst ein weltweites Milliardengeschäft. Doch woher kommt der Cashewkern eigentlich und wie wird er geerntet? Über eine Geschichte, die kaum jemand kennt und in der viel nachhaltiges Potenzial steckt.
Giftige Schalen, verderbliche Äpfel, hartnäckige Mythen
Der bis zu 15 Meter hohe Cashewbaum bildet birnenförmige Fruchtstiele, die Cashewäpfel heißen, aber nur Scheinfrüchte sind. Die nierenförmigen Cashewnüsse wachsen nicht im Inneren, sondern unterhalb dieser Fruchtstiele. Sie sind die eigentlichen Früchte des Baums. In der hölzernen Schale steckt der grob zwei bis drei Zentimeter große Cashewkern.
Doch es gibt ein Problem: Die unbehandelte Schale enthält ein giftiges Öl, diese muss erst erhitzt, getrocknet, geknackt und entfernt werden. Das ist aufwendig und birgt auch für Arbeiter:innen verschiedene Risiken. Besonders afrikanische Erzeugerländer verfügen häufig nicht über die erforderliche Technologie, um diese Nüsse zu verarbeiten. Ein Großteil wird daher nicht vor Ort behandelt, sondern nach Vietnam oder Indien exportiert. Das verursacht Emissionen und reduziert die Wertschöpfung im Erzeugungsland.
Kaum bekannt und noch weniger genutzt ist der Cashewapfel. Während Cashewäpfel in Côte d'Ivoire – dem weltweit größten Exporteur von Cashewnüssen – und Benin (Platz vier) fast vollständig vor Ort entsorgt werden, ist das in Brasilien (Platz 10) ganz anders: Hier gibt es ein großes Business für Säfte aus „Caju“. Das Produkt ist in Supermärkten und an Fruchtbars zu finden, die Nachfrage ist groß. So groß, dass sogar Coca-Cola einen „Néctar de Caju“ anbietet.
Dass der Cashewapfel außerhalb Brasiliens bislang kaum genutzt wird, hat zwei Gründe: Der Cashewapfel ist sehr empfindlich und verdirbt nach etwa einem Tag. Er wird daher nicht ins Ausland exportiert und nur selten im Inland transportiert. Zudem hält sich besonders in afrikanischen Ländern ein hartnäckiger Mythos: Der Cashewapfel soll giftig sein. Dabei steckt er voller Nährstoffe und hat einen süßen Geschmack.
Säfte, Süßungsmittel, Fleischersatz: Der neue Wert des Abfalls
„Wir geben dem Cashewapfel einen Mehrwert, den er verdient“ sagt Simon Debade, Gründer und CEO von Akoua. Zusammen mit Partnern in Benin erntet er Cashewäpfel und produziert daraus Cashewsaft, Limonade und Sirup für den deutschen Markt sowie Cashewsaft und Likör für Benin. „Diese Früchte, die normalerweise im Müll landen, können wir jetzt verarbeiten. Das ist ein ökologischer Erfolg“ meint Debade. Und er könne zeigen, wie aus einem vermeintlichen Abfallprodukt ein natürliches Süßungsmittel entsteht.
Nicht nur Simon Debade habe den Mehrwert der Cashews entdeckt, sagt Beate Weiskopf von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie leitet ein regionales Projekt zur Stärkung der Cashew-Wertschöpfungskette in der ECOWAS Region, welches von der Bundesregierung, der EU und der OACPS finanziert wird. Es soll die Einkommens- und Beschäftigungsaussichten in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft verbessern, indem Produktion, Verarbeitung und Handel mit Reis und Cashew unterstützt werden.
„Eine wachsende Zahl von Unternehmen in Westafrika beginnt, sich für den Cashewapfel zu interessieren. Und immer mehr Menschen in Ghana, Benin und Côte d'Ivoire produzieren Säfte, Suppen oder getrocknete Früchte“, stellt Weiskopf fest. Durch ihre Arbeit hat sie auch die Gründer von Tolaro Global kennengelernt: Das Unternehmen stellt unter anderem Fleischersatzprodukte her, ebenfalls in Benin und auch aus Cashewäpfeln. Das steigende Interesse führt Weiskopf auch auf hauseigene Fortbildungen zurück, in denen Mitarbeiter:innen zeigen, welches Potenzial im Cashewapfel steckt.
Von Frauen, Männern und der Wirtschaft: Lebensgrundlage Cashew
„Die Bauern, welche die Cashews pflücken, verdienen bisher nur wenig Geld, da nur der Kern verkauft werden kann. Indem wir vor Ort den Saft aus den Cashewäpfeln gewinnen, schaffen wir langfristig mehr Arbeitsplätze“, erklärt Debade. Die zusätzliche Verarbeitung der Cashewäpfel soll den Gewinn der Bauern laut Debade um etwa 30 Prozent erhöhen. Am meisten sollen von diesem neuen Geschäft jedoch die ansässigen Frauen profitieren.
Thérèse Orou-Ali leitet die Produktion von Akoua in Benin. Sie arbeitet mit einer Frauenkooperative von etwa 500 bis 600 Frauen zusammen, die Cashewäpfel pflücken und zur Fabrik bringen, wo diese verlesen, gewaschen, gepresst, pasteurisiert und abgefüllt werden. „Anfangs ging es mir nur darum, weniger Lebensmittel zu verschwenden. Dann traf ich die Frauen auf der Plantage. Inzwischen sind sie es, die mich weiter motivieren“, betont Simon Debade. Während man sich in Deutschland auf eine Rente verlassen könne, müssten die Menschen in Benin bis ins hohe Alter jeden Tag arbeiten gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Die meisten Cashew-Plantagen in Benin sind im Besitz von Männern. Anstatt zu Hause zu bleiben, könnten deren Frauen nun aber auch tätig werden, meint Simon Debade. Indem sie die Cashewäpfel selbstständig pflücken und zu Akoua bringen, wo sie pro Kilogramm bezahlt werden. Und das bedeutet für die Frauen: Eigener Umsatz, eigenes Geld. So sieht das auch Beate Weiskopf von der GIZ: „Cashewäpfel können wirklich eine Einkommensquelle für die Frauen vor Ort werden. Allerdings ist es wichtig, dass sie ihre unternehmerischen Fähigkeiten weiterentwickeln und dass das neue Geschäft dann nicht von anderen übernommen wird.“
Hat der Cashewapfel eine Zukunft?
„Unsere größte Herausforderung ist, auf den deutschen Markt zu kommen. Wir haben ein Produkt, das den Menschen noch nicht bekannt ist. Ohne ein großes Marketingbudget ist das sehr schwierig“ sagt Simon Debade. Auch Beate Weiskopf sieht Potenzial für Cashewsaft, aber dafür müsste das Produkt tatsächlich mehr vermarktet werden. Hierfür brauche es mehr Geld und Bewusstsein, das schon bei den Jüngsten geschärft wird: „Warum nicht etwa in Schulen gehen und den Kindern die Cashew in ihrer Vielfalt näherbringen, damit sie diese mehr wertschätzen?“
Immerhin: Bei der 18th ACA Annual Cashew Conference 2024 in Benin verkündete die beninische Regierung, dass sie in Zukunft mehr in die Verarbeitung der Cashewnuss und des Apfels investieren wolle.
Seit der Gründung von Akoua im Jahr 2021 hat Simon Debade einiges unternommen: Nach einer Crowdfunding-Kampagne im Jahr 2022 stellte der Beniner 2023 seine Idee bei der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ vor. Dort konnte er zwar keinen Investor gewinnen, dafür aber eine große Reichweite für sein Unternehmen. Sollte Akoua in Zukunft einen Investor finden, wäre der Fahrplan klar: Die Produktionsstätte um Maschinen erweitern, (Bio-)Zertifizierungen anstreben und die Produktion hochschrauben. Debade denkt aber auch weiter: „Wir verstehen uns als First Mover mit dem, was wir in Europa tun. Wenn bald auch andere den Cashewapfel verarbeiten, wie beim Beispiel der Mango, haben wir viel erreicht.“
Weniger Lebensmittel verschwenden, Emissionen reduzieren, neue Arbeitsplätze schaffen und die lokale Wertschöpfung vorantreiben. Am Beispiel von Akoua wird deutlich: Die nachhaltige Transformation braucht nicht immer neue Technologien oder regulatorische Pflichten. Nachhaltige Transformation kann auch bedeuten, auf vorhandene Produkte und Geschäftsmodelle zu schauen und umzudenken. Und wer weiß: Vielleicht kennt irgendwann jeder die Geschichte der Cashew. Und vielleicht gibt es Cashewsaft dann auch in deutschen Supermärkten zu kaufen.
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