Kolumne E-Learning

Die Kunst der richtigen Reihenfolge


Mathematisches Denken: Das Huhn und das Ei

Notwendige, scheinbar zukunftsträchtige Skills zu schulen reicht nicht, um der Transformation der Arbeitswelt gerecht zu werden. Wie wir künftig arbeiten wollen - das ist die Frage, die wir zuerst stellen müssten, fordert Kolumnistin Gudrun Porath.

Unternehmen suchen derzeit intensiv nach den Skills der Zukunft. Sie investieren in Skill-Taxonomien, Kompetenzmodelle und KI-gestützte Skill Intelligence. Lernplattformen sollen Skill-Gaps erkennen und schließen helfen. Dahinter steht eine scheinbar einfache Annahme: Wenn die richtigen Fähigkeiten identifiziert und entwickelt werden, gelingt auch die Transformation. Doch was, wenn wir gerade den zweiten Schritt vor dem ersten machen?

Skill Krise als Design Krise

Diese Frage stellte Dr. Fady Michel, System Designer und Innovationsberater, beim Future Workforce Summit der International Coaching Federation (ICF) Ende Juni in Berlin. Seine These: "The Skills Crisis is actually a Design Crisis." Gemeint war keineswegs, dass Unternehmen keine Kompetenzprobleme hätten. Seine Argumentation zielte auf etwas Anderes: Wir versuchen, Fähigkeiten für eine Zukunft zu entwickeln, deren Arbeitsmodell wir selbst noch gar nicht entworfen haben. 
In vielen Unternehmen beginnt Transformation aktuell mit einer Analyse fehlender Kompetenzen. Welche Skills benötigen wir für KI? Welche Rollen verändern sich? Welche Qualifikationen fehlen?  Was ergibt die KI-gestützte Auswertung der Stellenanzeigen im Internet? Das wirkt, als lasse sich die Zukunft aus den heute erkennbaren Kompetenzlücken ableiten. 

Architektur von KI und Mensch Interaktion gefragt

Fady Michel dreht diese Logik um. Jede Strategie, so seine Argumentation, enthält unausgesprochene Annahmen darüber, wie künftig gearbeitet wird und welche menschlichen Fähigkeiten dafür erforderlich sind. Diese Annahmen bleiben jedoch häufig implizit. Unternehmen sprechen über neue Kompetenzen, ohne zuvor bewusst zu gestalten, wie Entscheidungen künftig getroffen werden, welche Verantwortung Teams übernehmen sollen oder wie Menschen und KI zusammenarbeiten werden. Erst aus dieser "Human Architecture" ergeben sich die Fähigkeiten, die tatsächlich benötigt werden. Diese Sichtweise erklärt, warum so viele Kompetenzinitiativen hinter den Erwartungen zurückbleiben. 
Viele Unternehmen investieren derzeit in AI-Literacy-Programme, verpflichtende Schulungen nach dem AI Act oder Prompting-Workshops. Das ist sinnvoll. Gleichzeitig bleibt häufig offen, welche Rolle KI künftig im Unternehmen tatsächlich übernehmen soll.

Kompetenzen allein reichen nicht

Andere Beiträge des Summit knüpften an Fadys Gedanken an. Immer wieder zur Sprache kam etwa, dass bei der Einführung von KI selten die Technologie der Engpass sei, sondern die Fähigkeit von Organisationen, Vertrauen aufzubauen, Verantwortung neu zu verteilen und Menschen in den Wandel einzubeziehen. Kritisiert wurde auch die Erwartung, Trainings oder digitale Lerntechnologien könnten strukturelle Probleme lösen. Solange Organisationen unverändert bleiben, entfalten auch neue Kompetenzen oft nicht die gewünschte Wirkung.

Die richtigen Fragen stellen

Bislang lautet die Frage häufig: Welche Skills brauchen wir in fünf Jahren? Vielleicht müsste sie künftig heißen: Wie wollen wir in fünf Jahren eigentlich arbeiten?
Denn erst wenn klar ist, wie Entscheidungen entstehen, wie Verantwortung verteilt wird und welche Aufgaben Menschen gemeinsam mit KI übernehmen, lassen sich die dafür notwendigen Kompetenzen bestimmen.
 

Über die Kolumnistin: Gudrun Porath ist freie Journalistin. Sie beobachtet unter anderem für das Haufe Personal-Portal und die Zeitschrift "personalmagazin - neues lernen" die Trends auf dem E-Learning-Markt.

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