Kolumne Praxisschock

40 Milliarden für Weiterbildung – mit welchen Ergebnissen?


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Wissen aufnehmen, in Weiterbildungen sitzen: Das fühlt sich gut an. Dieses Wissen tatsächlich anwenden – das ist anstrengend und erfordert Disziplin, Veränderung, Mut zum Scheitern. Und dieser Mut fehlt, kritisiert Kolumnist Boris Grundl. Denn Wissen ist erst der Anfang.

Du warst letzte Woche auf einem Seminar. Zwei Tage, tolles Hotel, inspirierende Vorträge. Du kamst zurück mit einem Notizbuch voller Ideen, einem guten Gefühl und dem festen Vorsatz, ab jetzt alles anders zu machen. Und dann? Nichts. Gar nichts. Nach drei Tagen ist der Alltag zurück, die Notizen liegen in der Schublade, und alles läuft weiter wie vorher. Herzlichen Glückwunsch: Du hast gerade eine warme Dusche genommen.

Das ist kein Einzelfall. Das ist das Muster. Die Weiterbildungsindustrie in Deutschland bewegt jährlich über 40 Milliarden Euro. Unternehmen schicken ihre Leute auf Seminare, buchen Keynotes, kaufen Online-Kurse. Die Teilnehmenden sind begeistert. Die Feedbackbögen leuchten. Und die Ergebnisse? Bleiben exakt gleich. Studien zeigen: Nur etwa 15 Prozent des Gelernten wird jemals im Alltag angewendet. Der Rest verpufft. Wohlfühl-Dampf.

Weiterbildung scheitert nicht am Wissen sondern am Tun

Die meisten Führungskräfte wissen längst, was zu tun ist. Sie kennen die Theorie. Sie haben die Bücher gelesen, die Podcasts gehört, die Coachings gemacht. Doch sie führen weiter wie gestern. Warum? Weil Kennen und Können zwei völlig verschiedene Dinge sind. Und genau hier liegt die Selbsttäuschung, die unsere gesamte Weiterbildungslandschaft durchzieht: Wir verwechseln das Gefühl, etwas verstanden zu haben, mit der Fähigkeit, es zu tun.

Kennen heißt: Ich habe eine Information aufgenommen. Können heißt: Ich habe mein Verhalten verändert. Zwischen beidem liegt ein Abgrund. Und über diesen Abgrund führt keine Powerpoint-Folie, kein Motivationstag und kein Aha-Erlebnis am Flipchart. Er lässt sich nur überbrücken durch eines: Tun. Wiederholtes, unbequemes, oft schmerzhaftes Tun.

Weiterbildung ist zu Entertainment geworden. Ein bisschen Inspiration. Eine kleine intellektuelle Anregung. Leider ohne jede Konsequenz. Wir konsumieren Wissen wie Netflix-Serien – eine Episode nach der anderen. Beste Unterhaltung. Keine Veränderung. Die Trainings produzieren gute Gefühle. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geben gute Bewertungen. Und alle gehen zufrieden nach Hause. Nur: Zufriedenheit ist nicht Entwicklung. Applaus ist kein Beweis für Wirkung. Gute Gefühle sind kein Ergebnis.

Wissen verändert nichts. Angewandtes Wissen verändert alles.

Das ist der Unterschied, den niemand hören will. Denn angewandtes Wissen bedeutet: Unbequemlichkeit. Reibung. Scheitern. Noch mal probieren. Es bedeutet, dass du morgens in ein Gespräch gehst, vor dem du dich fürchtest, und es trotzdem führst. Dass du aufhörst, Aufgaben selbst zu erledigen, obwohl du es schneller könntest. Dass du einem Mitarbeiter ehrliches Feedback gibst, statt um den heißen Brei herumzureden. Dass du dich dem aussetzt, was dich wirklich fordert – nicht dem, was dich bestätigt.

Ich kenne den Unterschied zwischen Kennen und Können besser als die meisten. Nach meinem Unfall – zu 90 Prozent gelähmt – gab es keine warmen Duschen mehr. Kein Seminar der Welt hätte mir geholfen. Was geholfen hat: jeden Tag einen Millimeter weitergehen. Tun, was wehtut. Nicht die Idee von Fortschritt – sondern der Fortschritt selbst. Bezahlt mit Schweiß, Frustration und der Bereitschaft, immer wieder zu scheitern. Mentaler Muskelkater, jeden einzelnen Tag. Genau das fehlt in der Weiterbildung.

Wachstum braucht mentalen Muskelkater. Nicht Applaus.

Wir brauchen einen fundamentalen Wechsel: weg von der kognitiven Unterhaltung, hin zur mentalen Transformation. Das bedeutet nicht, dass Wissen unwichtig ist. Doch Wissen ist nur der Anfang – und bei den meisten ist es auch das Ende. Echte Entwicklung beginnt dort, wo das Seminar aufhört: im Alltag, in der Umsetzung, im Moment, in dem es unbequem wird. Sie beginnt dort, wo du nicht mehr Teilnehmer bist, sondern Handelnder.

Hör auf, Wissen zu sammeln, das du nicht anwendest. Hör auf, Begeisterung mit Veränderung zu verwechseln. Stell Dir stattdessen eine einzige Frage: Was habe ich in den letzten drei Monaten tatsächlich anders gemacht als vorher? Nicht: Was habe ich gelernt? Sondern: Was habe ich umgesetzt?

Wenn dir keine ehrliche Antwort einfällt, war alles, was du in dieser Zeit an Weiterbildung konsumiert hast, eben wieder nur eine warme Dusche. Angenehm. Folgenlos. Und damit wertlos.

 

Über den Kolumnisten: Boris Grundl ist Führungskräftetrainer und gilt bei Managern und Managerinnen sowie Medien als "Der Menschenentwickler" (Süddeutsche Zeitung). Er ist Inhaber des Grundl Leadership Instituts, das Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dafür erforscht, testet und lehrt das Institut hochwertige, praxisrelevante Unterscheidungen als Voraussetzung für Wahrnehmung und Erkenntnis.
 

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