Kolumne Praxisschock

Weiterbildung wirksam machen


Weiterbildung wirksam machen

Noch immer denken viele Unternehmen, für eine erfolgreiche Weiterbildung ist es ausreichend, gute Inhalte ansprechend zu vermitteln. Doch Wirkung entsteht nicht durch Vermittlung, sondern durch Anwendung, gibt Boris Grundl zu bedenken und erklärt in seiner Kolumne, wie das Wunder der mentalen Transformation tatsächlich wahr wird. 

Wir wissen heute: 10 Prozent des Umsetzungserfolges bei Weiterbildungen kommen durch Frontalvermittlung, 20 Prozent durch Interaktion und 70 Prozent durch das Erleben am Arbeitsplatz. Das heißt konkret: Nur wer sich nach einem Impuls der Einsicht (egal ob über ein Buch, einen Vortrag oder ein Seminar) im gewohnten Umfeld bewusst anders verhalten kann – ohne durch dieses Umfeld wieder in alte Muster gedrängt zu werden –, hat überhaupt die Chance, aus einer unbewussten Inkompetenz eine unbewusste Kompetenz zu machen.

Das bedeutet: Wenn innere Situationen nicht bewusst gemacht werden, zeigen sie sich außen als "Schicksal". Genau das erleben Unternehmen: teure Maßnahmen, wenig Transfer, sinkendes Vertrauen. Der Praxisschock beginnt hier: Wer nicht präzise weiß, welchen Entwicklungsschritt jeder einzelne Mensch als nächstes braucht, verbrennt Budget und Motivation.

Wie können Menschen wirklich wachsen?

Technologie skaliert nur, was Menschen zuvor verstanden haben. Die Zeit Illusion von der Selbstoptimierung ist vorbei. Wir sehen steigende mentale Belastung – nicht, weil es an Tools fehlt, sondern weil Menschen nicht lernen, mental mit der Veränderungsgeschwindigkeit mitzuwachsen. Weiterbildung muss deshalb mentale Kompetenz systematisch aufbauen: Bewusstsein, Selbstführung, Verantwortung. Sonst bleibt sie ein Wellnessangebot – kurzfristig angenehm, langfristig wirkungslos.

Die Wahrheit, die viele umgehen: Mit wachsender Verantwortung werden Probleme nicht weniger, sondern größer. Was sich ändern muss, ist unser Umgang damit. Statt dem nächsten Heilsversprechen hinterherzulaufen ("danach wird alles besser"), braucht es ein System, das frühe Anwendungserfolge erzeugt, Fortschritt messbar macht und Transfer konsequent sichert. Geschwindigkeit ohne glasklare Richtung ist nur teures Kreiseln. Richtung entsteht durch ein überzeugendes Zielbild. 

Präsenz und Ergebnisorientierung im Fokus

Nach über 25 Jahren in der Branche und der Transformation von 320 Firmenkulturen stechen in meinen Augen zwei Ergebnisse in ihrer Wirkung besonders hervor: Präsenz und Ergebnisorientierung. Präsenz verbessert die Veränderungskompetenz sowie die Kommunikationsfähigkeit enorm, Ergebnisorientierung räumt mit der Seuche "Beschäftigungswahn" auf und gibt Orientierung.

Was heißt das praktisch? 

1. Messbarkeit vor Meinung: Wenn zentrale Führungsparameter (Kompetenzen, Verantwortungsbewusstsein, Identifikation) nicht valide gemessen werden, bleibt Wirkung Behauptung.

2. Transfer vor Event: Seminare sind Startpunkte, keine Lösungen. Begleitung in Einzel- und Gruppensettings ist Pflicht, nicht Kür. 

3. Tiefe vor Trends: Menschen sind in der Tiefe ähnlich – oberflächliche Generationsdebatten lenken ab. 

4. Haltungen vor Hacks: Werkzeuge sparen nur dann Zeit, wenn die innere Haltung sie trägt. 

5. Ergebnis vor Aufwand: Fortschritt muss in Zahlen sichtbar werden: Zufriedenheit, Produktivität, Fehlzeiten, Bindung.

Am Ende ist Weiterbildung nur so gut wie die Verantwortung, die sie erzeugt. Starke Menschen schaffen starke Ergebnisse und bauen starke Unternehmen. Das ist kein "Mehr vom Gleichen", sondern ein anderes Niveau: klare Methodik, frühe Wirkung, konsequente Begleitung und transparente Messung.

Weiterbildung scheitert noch zu oft dort, wo Onboarding endet. Denn was zählt, ist die Umsetzung danach: reale Gespräche, echte Entscheidungen, sichtbare Ergebnisse. Das Umfeld eines Menschen prägt Leistung und Gesundheit. Deshalb muss Führung lernen, die Realität zu halten, bis sie Früchte trägt – nicht den Druck zu erhöhen, sondern das Bewusstsein. Es geht nicht darum, Menschen zu "überlisten", sondern um Einsicht. Mitarbeitende überzeugen sich selbst, wenn sie Klarheit über den Nutzen, den Weg und den messbaren Fortschritt haben.

Was wirkungsvolle Weiterbildung braucht

  • Klarheit vor Aktivität: erst Zielbild, dann Maßnahmen.
  • Messbar machen: valide Führungsparameter regelmäßig erfassen.
  • Transfer sichern: Umsetzungsbegleitung als Standard etablieren.
  • Explizite Verantwortung: Ergebnisorientierung für Aufgaben mit klarem Effekt, Termin, Qualität.
  • Früh anwenden: kleine, echte Umsetzungsschritte innerhalb von Tagen und Wochen.
  • Tiefe kultivieren: Haltungen und Werkzeuge gemeinsam trainieren.
  • Ergebnisse zeigen: Fortschritt in Zufriedenheit, Leistung und Kosten sichtbar machen.

Wer das ernst nimmt, wird auch gebucht, wenn Weiterbildungsbudgets reduziert werden.


Über den Kolumnisten: Boris Grundl ist Führungskräftetrainer und gilt bei Managern und Managerinnen sowie Medien als "Der Menschenentwickler" (Süddeutsche Zeitung). Er ist Inhaber des Grundl Leadership Instituts, das Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dafür erforscht, testet und lehrt das Institut hochwertige, praxisrelevante Unterscheidungen - als Voraussetzung für Wahrnehmung und Erkenntnis.


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