Wenn Branchen-Riese Meta im XR-Bereich massiv den Rotstift ansetzt, entsteht daraus in der öffentlichen Wahrnehmung schnell ein Abgesang: "VR ist gescheitert", rufen die Skeptiker. Doch diese Diagnose greift zu kurz. Was wir erleben, ist nicht das Scheitern einer Technologie, sondern das Ende einer überzogenen Plattform-Euphorie. Für Learning & Development ist das eine gute Nachricht: Denn Meta ist nicht gleich VR – und eine Quest-Brille ist nicht gleich immersives Lernen. Die Zukunft gehört Smart Glasses.
Das Hardware-Dilemma: Von Klötzen zu Sonnenbrillen
Warum hat es trotz vieler Vorzeige-Piloten (man denke an die Deutsche Bahn) bislang nicht flächendeckend gefunkt beim immersiven Lernen mit VR-Brille? Das beginnt bei der Hardware. Auf der OEB im Dezember in Berlin habe ich selbst wieder ein VR-Headset ausprobiert: Die Anwendung war gut, die Erfahrung mit der Brille nicht. Statt mich auf meine Bewegungen oder mein Gegenüber zu konzentrieren, war ich permanent abgelenkt.
Doch die Wende steht bevor. Die CES 2026 in Las Vegas hat gezeigt, dass "Smart Glasses" erwachsen geworden sind. Aktuelle Modelle sind leichter, alltagstauglicher, bieten längere Akkulaufzeiten als bislang, besseren Sound und sogar Korrekturlinsen. Modelle wie die RayNeo Air 4 Pro wiegen weniger als 100 Gramm, sehen aus wie eine Sonnenbrille und lassen sich mit Smartphone, PC oder Konsole verbinden. Wenn das Display zur Brille wird, bemerkt der Kollege am Nachbartisch nicht einmal mehr, dass gerade immersiv gelernt wird. Der "Mal-eben-zwischendurch"-Faktor ist endlich da.
Doch Hardware allein reicht nicht. Eine Brille ist zunächst nur ein Display. Entscheidend ist, was darauf läuft – und wie. Und hier liegt eines der Kernprobleme der vergangenen Jahre: Viele immersive Lernformate waren eng an einzelne Plattformen gebunden, etwa an Quest. Metas Kurswechsel macht damit ein strukturelles Risiko sichtbar, das VR-Projekte seit Langem begleitet: die Abhängigkeit von proprietären Ökosystemen und damit verbundene Investitionen, die Skalierung erschweren oder verhindern.
KI als Enabler: Die Befreiung aus dem goldenen Käfig
Ein weiteres Hemmnis früher VR-Lernprojekte lag in ihrer Starrheit. Einmal programmierte Szenarien, hoher Entwicklungsaufwand, wenig Flexibilität. Genau hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel. KI kann aus statischen Simulationen lernfähige Systeme machen: mit adaptiven Lernpfaden, dynamischen Szenarien und kontextsensitivem Feedback.
Virtuelle Rollenfiguren lassen sich über KI-basierte Dialogmodelle glaubwürdiger und variabler gestalten – ein entscheidender Faktor für Soft-Skills-Trainings, Führung, Beratung oder Kundenkommunikation. Lernende können Situationen wiederholen, variieren und reflektieren, ohne dass jede Änderung manuell programmiert werden muss.
Hinzu kommt ein ökonomischer Aspekt, der in der Praxis oft ausschlaggebend ist. KI senkt die Eintrittshürden. Automatisierte Generierung von 3D-Assets, Szenarien oder Varianten reduziert Entwicklungszeiten und Kosten. Immersives Lernen wird damit weniger abhängig von spezialisierten Studios und Großinvestitionen. Entscheidend: KI-gestützte XR-Ansätze lassen sich grundsätzlich hardware- und herstellerunabhängig denken – und damit skalieren.
Warum am Ende alle profitieren könnten
Wir erleben ein vertrautes Muster der Technikgeschichte: Erst kommt der Hype der Wenigen, dann die Standardisierung für viele. Während der große "Metaverse-Entwurf" an Bedeutung verliert, gewinnt die reale Anwendung. Die Technologien öffnet sich, wird modularer, alltagstauglicher – und wirtschaftlich interessanter.
Der große Metaverse-Entwurf mag an Bedeutung verlieren. Das ist kein Verlust, sondern eine Chance. Organisationen könnten leichter immersive Lernformate einsetzen, ohne sich langfristig an einzelne Plattformen zu binden. Lernende profitieren von flexibleren, besser integrierten Formaten. Und Anbieter, die auf offene Architekturen, modulare Inhalte und Plattformunabhängigkeit gesetzt haben, dürften jetzt Rückenwind bekommen und immersives Lernen eine neue Chance.
Lesetipp: Mit Virtual Reality wird der Lernerfolg sichtbar
Über die Kolumnistin: Gudrun Porath ist freie Journalistin. Sie beobachtet unter anderem für das Haufe Personal-Portal und die Zeitschrift "personalmagazin - neues lernen" die Trends auf dem E-Learning-Markt.