Sieben Lernmythen, die HR abhaken sollte
Vieles von dem, was in der Personalentwicklung als gesichertes Wissen gilt, hat eine erstaunlich dünne Grundlage.
Weitverbreitete Irrtümer zum Thema Lernen
Dazu zählt etwa die Idee, dass Menschen unterschiedliche Lerntypen haben, dass Ebbinghaus' Vergessenskurve direkt auf den Arbeitsalltag übertragbar ist oder dass formale Trainings nur zehn Prozent zum Lernerfolg beitragen. Solche Modelle stecken in Ausbildungen, hängen in Seminarräumen und prägen Lerndesigns. Dass sie wissenschaftlich kaum haltbar sind, fällt dabei selten auf. Ein Überblick über sieben Irrtümer, die die Personalentwicklung bis heute prägen – basierend auf dem Buch "Lernmythen aufgedeckt" von Yvonne Konstanze Behnke (Haufe, 2025).
Mythos 1: Lerntypen – der Zombie unter den Mythen
Der Mythos: Wer als visueller Typ gilt, lernt besser mit Bildern. Wer auditiv ist, braucht vor allem Podcasts. Also bitte die Lernumgebung entsprechend anpassen!
Warum er falsch ist: Lerntypen sind seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt – und halten sich trotzdem hartnäckig, sogar in Trainerausbildungen. Studien belegen: Lernmedien an vermeintliche Lerntypen anzupassen, verbessert den Lernerfolg nicht. Hinzu kommt, dass viele Menschen ihren Lerntyptest einfach so beantworten, dass er ihre Vorannahme bestätigt.
Warum er schadet: Wer Mitarbeitende in Schubladen steckt, verschwendet Potenzial. Außerdem wird Scrap Learning produziert – also Lerninhalte, die in Trainings vermittelt, aber nie am Arbeitsplatz angewendet werden.
Mythos 2: 70-20-10 – Managermythos ohne solide Evidenz
Der Mythos: 70 Prozent des Lernens passiert "on the job", 20 Prozent im Austausch mit anderen, nur zehn Prozent in formalen Trainings. Kurse und Seminare sind also ziemlich überbewertet.
Warum er falsch ist: Die Zahlen stammen aus den Meinungen von 191 ausgewählten Führungskräften am Ende ihrer Karriere – keine repräsentative Studie, keine belastbaren Daten. Das Modell vereinfacht stark und ignoriert, wie unterschiedlich Lernende, Lernziele und Lernsettings sind. Nur rund ein Fünftel der Beschäftigten lernt überhaupt erfolgreich selbstgesteuert.
Warum er schadet: Wer formale Bildung systematisch unterbewertet, riskiert Lücken bei komplexem Wissen und sicherheitskritischen Themen. Zudem verpufft das meiste, was Mitarbeitende informell lernen – wenn der Transfer nicht gezielt vorbereitet wird.
Mythos 3: Gamification – Brokkoli mit Schokoladensoße
Der Mythos: Punkte, Badges und Ranglisten machen selbst langweilige Lerninhalte spannend. Einfach ein paar Spielelemente darüberstreuen – und schon sind alle Feuer und Flamme.
Warum er falsch ist: Gamification erzeugt Motivation nicht aus dem Nichts. Sind die Inhalte irrelevant, nützen auch die buntesten Badges nichts. Schlecht konzipiert belohnt Gamification sogar falsches Verhalten – etwa Tempo statt Verständnis – und kann Lernende verärgern oder dazu bewegen, das E-Learning abzubrechen.
Warum er schadet: Teams investieren Zeit und Geld in spielerische Oberflächen, ohne das didaktische Fundament zu stärken. Das Ergebnis: hohe Abbruchquoten und kein Praxistransfer.
Mythos 4: Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns – der Sparflammen-Mythos
Der Mythos: Unser Gehirn läuft die meiste Zeit im Leerlauf. 90 Prozent schlummern ungenutzt vor sich hin – wer die richtigen Techniken kennt, kann dieses Potenzial wecken und sich auf ein neues geistiges Level hieven. Albert Einstein soll das Geheimnis gekannt haben.
Warum er falsch ist: Hirnscans zeigen eindeutig, dass unser Gehirn immer aktiv ist – ob wir lernen, schlafen oder einfach auf dem Sofa sitzen. Kein Bereich bleibt dauerhaft ungenutzt. Das Gehirn verbraucht rund 20 Prozent unserer gesamten Energie, obwohl es nur zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht. Evolutionär wäre ein 90-Prozent-Leerlauf schlicht absurd. Und das Einstein-Zitat, auf das sich der Mythos gerne stützt? Erfunden – niemand hat je einen Beleg dafür gefunden.
Warum er schadet: Wer glaubt, verborgene Gehirnreserven ließen sich mit speziellem Training oder Wundertechniken anzapfen, investiert Zeit und Geld in Scharlatanerie statt in wissenschaftlich fundierte Lernmethoden. Außerdem steckt in der Idee eine gefährliche Vereinfachung: Wer schlechter lernt, dem fehlt eben nicht die magische Aktivierungstechnik – sondern vielleicht die richtigen Strategien, ausreichend Schlaf oder sinnvolle Wiederholung.
Mythos 5: Selbstgesteuertes Lernen – je weniger Anleitung, desto besser
Der Mythos: Im Zeitalter von New Work und New Learning wissen Mitarbeitende selbst am besten, was, wie und wann sie lernen müssen. Autonomie ist alles – wer anleitet, gängelt.
Warum er falsch ist: Selbstgesteuertes Lernen ist eine Kompetenz, die erst entwickelt werden muss. Ohne sich klare Ziele zu setzen, gutes Zeitmanagement zu betreiben, Feedback zu erhalten und sich selbst zu reflektieren, kommen viele Lernende nicht weit. Fehlende Struktur führt zu Überforderung, Aufschieberitis oder Abbruch.
Warum er schadet: Wer Mitarbeitende mit einer Lernplattform alleinlässt, wird schnell merken: Kaum jemand nutzt sie, viele geben frustriert auf. Selbstgesteuert zu lernen, klingt einfacher als es ist – besonders am Anfang brauchen Lernende Orientierung und Unterstützung.
Mythos 6: Die Ebbinghaus-Vergessenskurve – ein Klassiker auf wackligen Beinen
Der Mythos: Nach 20 Minuten sind 40 Prozent des Gelernten weg, nach einer Stunde 55 Prozent, nach einem Monat ganze 90 Prozent. Unser Gedächtnis gleicht einem Sieb – und die Kurve zeigt genau, wie schnell es leckt.
Warum er falsch ist: Ebbinghaus hatte genau einen Probanden – sich selbst. Und er ließ ihn sinnlose Drei-Buchstaben-Silben auswendig lernen. Das hat mit realen Lernsituationen wenig zu tun. Wie schnell wir vergessen, hängt nicht von einem festen Zeitplan ab – sondern davon, wie relevant ein Inhalt ist, was wir schon wissen, wie wir uns dabei fühlen und in welchem sozialen Kontext wir lernen. Was uns etwas bedeutet, behalten wir anders als sinnlose Silben.
Warum er schadet: Bis heute nutzen LMS-Anbieter die Kurve, um Wiederholungstools zu verkaufen – oft ohne zu fragen, ob die Zahlen überhaupt stimmen. Dabei geht das Einzige, das wirklich belegt ist, fast unter: Wer regelmäßig wiederholt, lernt nachhaltiger.
Mythos 7: Die Lernpyramide – Irrtum mit langer Halbwertszeit
Der Mythos: Wir merken uns zehn Prozent von dem, was wir lesen, 20 Prozent von dem, was wir hören – und 90 Prozent von dem, was wir selbst tun oder anderen erklären. Also: weg mit den Seminaren, her mit dem Erfahrungslernen.
Warum er falsch ist: Die Prozentzahlen sind schlicht erfunden. Edgar Dale, auf den sich das Modell beruft, hat nie Prozentzahlen verwendet. Sein "Cone of Experience" sollte nur den Abstraktionsgrad von Lehrmethoden veranschaulichen – keine Gedächtnisleistungen abbilden. Die Zahlen wurden irgendwann einfach hinzugedichtet. Auch das berühmte Konfuzius-Zitat "Sage es mir, und ich vergesse es ..." stammt nicht von Konfuzius. Und: Selbst etwas zu tun garantiert nicht, dass man es versteht. Wer etwas falsch verstanden hat, erklärt es auch falsch weiter. Der Grundgedanke, dass aktives Lernen – Ausprobieren, Anwenden, Erklären – Wissen oft tiefer verankert als passives Rezipieren, ist nicht per se falsch. Das zeigen auch seriöse Befunde aus der Lernpsychologie. Das Problem ist nicht die Intuition hinter dem Modell – sondern die pseudogenauen Zahlen, die aus ihr eine Scheinwissenschaft gemacht haben.
Warum er schadet: Wer Lerndesign an frei erfundenen Prozentzahlen ausrichtet, trifft strukturell falsche Entscheidungen – etwa wenn formale Lernformate systematisch abgewertet werden, obwohl sie für komplexe Inhalte unverzichtbar sind.
| Buchtipp: Alle sieben Mythen – und viele mehr – nimmt Yvonne Konstanze Behnke ausführlich in ihrem Buch "Lernmythen aufgedeckt" (Haufe, 2025) unter die Lupe, das Sie im Haufe-Shop bestellen können. In ihrem neuen Band " Neue Lernmythen aufgedeckt" (Haufe, 2026) geht sie einen Schritt weiter, indem sie nicht nur klassische Irrtümer analysiert, sondern auch neue Herausforderungen in der digitalen Welt beleuchtet – insbesondere beim Einsatz von KI. |
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