"Wer Trump nur als Narzissten betrachtet, unterschätzt die Gefahr"
Personalmagazin: Herr Oehler, wenn Führungskräfte in Unternehmen einen solchen Zickzackkurs hinlegen würden wie Donald Trump in der Politik, würde man ihnen Planlosigkeit oder Überforderung vorwerfen. Aktuell sehen wir im Irankrieg einmal mehr, dass sich seine Aussagen oft als falsch erweisen, er diesen zuwiderhandelt oder kurz darauf eine 180-Grad-Wende hinlegt. Wie erklären Sie sich Trumps Verhalten?
Kurt Theodor Oehler: Es sieht so aus, als ob Donald Trump planlos agieren würde, als ob er überhaupt keine Konstanz in seinem Denken, Fühlen und Handeln hätte. Das stimmt aber nicht. Dahinter steckt ein System. Und jeder Mensch hat ein solches System im Kopf – auch Sie, ich und Führungskräfte in Unternehmen: das magische Modell.
Das unbewusste "magische Modell": Kindheit prägt das Führungsverhalten
Personalmagazin: Erklären Sie doch Führungskräften kurz: Was ist ein "magisches Modell"?
Oehler: Es entsteht in der Regel in der Kindheit, in der eigenen Familie: dadurch, wie sie funktioniert, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen, welche Stärken und Schwächen sie haben. Alle Familien sind anders: streng, autoritär, zerfallen, harmonisch oder liebevoll. Das prägt Menschen. Die Psychodynamik der Elternfamilie wird verinnerlicht und wirkt später lebenslang handlungsleitend. Im Erwachsenenalter reinszenieren wir in sogenannten Sekundärgruppen, also in allen anderen Lebensbereichen, was wir als Kind erlebt haben.
Personalmagazin: Warum ist das magisch?
Oehler: Weil es oft unlogisch wirkt – und vor allem, weil Menschen sich nicht bewusst sind, dass sie nach einem solchen inneren System handeln.
Personalmagazin: Damit versuchen Sie also, die irrational wirkende Politik von Trump zu erklären. Wie ist denn in seiner Familie die Dynamik und welche Prägungen sind dabei aus Ihrer Sicht entscheidend?
Oehler: Dafür muss man die Gesamtheit aller Vorstellungen und Gefühle bei allen Mitgliedern der Familie betrachten, also beim Vater Fred, bei der Mutter Mary Anne und bei den fünf Kindern Maryanne, Freddy, Elizabeth, Donald und Robert. Die Familie Trump war chaotisch und schwierig. Donalds Vater war ein destruktiver Manipulator, ein autoritärer Kerl im Quadrat. Er hat die ganze Familie in Bann geschlagen. Die Mutter hingegen war krank, schwach, oft im Bett oder im Krankenhaus. Sie konnte den Kindern nicht durchgängig eine liebevolle, herzliche Familienatmosphäre bieten. Im Gegenteil: Das Umfeld war emotional defizitär. Das hat Donald als zweitjüngstes Kind besonders betroffen. Er ist psychisch auf dem Stand eines dreijährigen Kindes stehen geblieben.
Personalmagazin: Woran machen Sie das fest?
Oehler: Zum Beispiel hat er 2020 die Wahl verloren und das bis heute nicht akzeptiert. Er redet darum herum und will es nicht wahrhaben.
Für die Trumps zählt nur der Sieg
Personalmagazin: Trump scheint der Hass auf die intellektuelle Elite anzutreiben. Wo kommt das aus Ihrer Sicht her? Gab es da eine frühkindliche Kränkung, an der er sich abarbeitet?
Oehler: Ja. Im Innersten fühlt sich Trump klein, minderwertig, schlecht und als Versager – wie ein ungeliebtes Kind. Das kompensiert er durch Größenwahn. Der Vater hat ihm beigebracht: Du bist der König und vor allem ein Killer. Um die Position zu halten, musst Du alles zerstören, was Dir in den Weg kommt – also alle, die nicht loyal sind oder ihm widersprechen. Sein Vater Fred Trump maß den Wert von Menschen an Geld und Reichtum. Auch das Lügen hat Donald von seinem Vater. Der hat sich mit Tricks und Betrügereien durchgesetzt – aus machtpolitischem Kalkül. Nur der Sieg zählt, egal, wie man ihn erringt.
Personalmagazin: Welche Rolle spielen die Geschwister von Donald Trump Ihrer Meinung nach für sein Verhalten?
Oehler: Donald Trumps Bruder Freddy war acht Jahre älter. Er wollte aus der Familie ausbrechen und ein eigenes Leben führen. Er wurde ein erfolgreicher TWA-Pilot. Aber die Familie hat es nicht akzeptiert, dass er ein autonomer Mensch sein wollte. Sie hat ihn kritisiert, fertig- und kleingemacht. Er wurde Alkoholiker und starb früh, mit 43 Jahren. Die Schwestern hatten ebenso wie die Mutter nichts zu sagen, obwohl sie beruflich durchaus erfolgreich waren – Maryanne war Bundesrichterin, Elizabeth Bankerin. Sie liefen nebenher und hatten sich in die Familienbelange nicht einzumischen. Der kleine Bruder Robert wiederum wurde zum treuen Anhänger von Donald, zu seinem besten Freund.
Als der Vater älter wurde, trat Donald als Nachfolger in seine Fußstapfen. Er war der Auserwählte. Der ältere Bruder war sein Feind, die Schwestern und die Mutter Beiwerk und der kleine Bruder der treue Gefährte, der ihm wie sein Vater immer wieder aus der Patsche geholfen hat.
Tech-Giganten wie Peter Thiel sind die neuen Oligarchen
Personalmagazin: Sie sagen, dass dieses magische Modell von Menschen reinszeniert wird. Wie sieht man das bei Trump und seiner Politik?
Oehler: Er sieht sich als der Größte und auch die USA sind für ihn die Mächtigsten. Niemand darf daran rütteln. Wer das infrage stellt, wird wie sein Bruder Freddy vernichtet – durch Drohung, Anklagen und öffentliche Demütigung. In der Weltpolitik gilt ihm China als größter Feind, die eigentliche Bedrohung. Bisher kann er das Land nicht niederringen. Er hofft, dass es sich durch sein System selbst zerstört. Und die Schwestern und die Mutter sind wie Europa: zerfallen, zergliedert, unbedeutend.
Die Rolle seines kleinen Bruders Robert nimmt Putin für ihn ein. Putin hat vorgemacht, wie man sich politisch mit Gewalt und Rücksichtslosigkeit durchsetzt. Deshalb wird Trump nie etwas tun, was Putin wirklich schaden könnte. Und den Vaterersatz findet er in der republikanischen Partei und den Tech-Giganten, die ihn unterstützen und im Hintergrund die Strippen ziehen.
Personalmagazin: Die Bedeutung der Tech-Giganten heben Sie in Ihrem Buch besonders hervor…
Oehler: Die Tech-Giganten sind die neuen Oligarchen – allen voran der heimliche Regisseur und Strippenzieher Peter Thiel: Sie sind mächtige Unterstützer und Erfüllungsgehilfen, die seinen Anordnungen gehorchen. Mit Trump verbindet sie eine extreme Verachtung der Demokratie und ihrer Institutionen. Sie sind dabei, den amerikanischen Staat zu zerschlagen und alle Gewissheiten umzustürzen. Sie fordern rein markt- und technologiebasierte Entscheidungsstrukturen. Prinzipien aus der Unternehmenswelt wollen sie auf die Strukturen der Politik übertragen: klare Führung, schnelle Entscheidungsprozesse und keine demokratische Mitsprache. Technologische Überlegenheit und Überwachung sollen ihre Macht sichern. Sie folgen den Thesen des französisch- amerikanischen Literaturwissenschaftlers, Anthropologen und Philosophen René Girards, der die Dominanz destruktiver Aggression propagierte.
An Trump schätzen sie seine Zerstörungskraft und sind deshalb zumindest vorübergehend bereit, ihn als eine Art König zu akzeptieren, als einen Herrscher, umgeben von einem Untertanenvolk, das zu ihm aufschaut. Um das zu verdeutlichen, muss bei Trump alles golden glänzen, wie sein Golfklub, wie der große Saal neben dem Weißen Haus.
Ein magischer Mann der Tat
Personalmagazin: Trump folgt damit einem archaischen, monarchistischen Modell. Sie bezeichnen ihn in Ihrem Buch als Mann des 19. Jahrhunderts – und als nicht mehr zeitgemäß. Er schafft es aber, sich sehr medienwirksam für das Social-Media-Zeitalter zu inszenieren und Begeisterung für seinen autokratischen Führungsstil auszulösen. Lohnt sich in unsicheren Zeiten aggressives, rücksichtsloses Verhalten also doch?
Oehler: Der Erfolg von Trump und seine Wiederwahl hat unterschiedliche Gründe: Verunsicherung durch Globalisierung und Migration, rasante Digitalisierung und Vorrücken künstlicher Intelligenz, die finanzielle Unterstützung der Tech-Oligarchen und ihr Einfluss auf soziale Medien. Entscheidend ist auch: Trump hat nicht nur ein magisches Modell im Kopf, er ist selbst ein Magier.
Personalmagazin: Wie meinen Sie das?
Oehler: Er beherrscht die Massensuggestion durch hypnoseförderndes Auftreten. Wenn man sich die Gesetzmäßigkeiten der Hypnose ansieht, merkt man, wie hypnotisch er wirkt: eine monotone rhythmische Stimme, eingängige Sprachmuster wie "Make America Great Again", auffällige Markenzeichen wie die rote Schirmmütze und die blonden Haare, ausdrucksvolle Mimik und schöne Frauen an seiner Seite. Das wirkt auf viele Menschen wie Magie. Und er ist ein Mann der Tat. Er inszeniert sich nicht nur, er tut etwas – beispielsweise erhöht er weltweit die Zölle – und das gefällt vielen. Auch wenn das ein großes Risiko darstellt und den Menschen in den USA schaden kann.
Personalmagazin: Sie haben Trump nicht untersucht, sondern für Ihre Analyse vor allem Bücher über Donald Trump herangezogen sowie Material aus dem Internet. Inwiefern sichern Sie Ihre Methode gegen Verzerrungen ab?
Oehler: Es stimmt, ich habe nie mit Trump gesprochen. Deshalb bin ich auf andere Mittel angewiesen: auf sein eigenes Buch, auf das Buch seiner Nichte Mary L. Trump, auf Biografien, auf öffentliche Auftritte, auf das, was er konkret sagt und tut. Das ergibt ein riesiges Bündel an Informationen. Ich kann Donald Trump nicht psychologisch testen, aber das würde nicht entscheidend weiterführen. Selbst ein psychiatrisches Gutachten beruht darauf, zu hören, was jemand sagt, und zu beobachten, was jemand tut. Insofern ist der Unterschied kleiner, als oft behauptet wird.
Personalmagazin: Haben Ihre Berufskollegen nicht eingewandt, dass so eine Ferndiagnose der Ethik Ihrer Profession widerspricht?
Oehler: Ich habe ein Buch über Putin geschrieben und dort tatsächlich eine Diagnose gestellt. Das wurde mir angekreidet. Es hieß, das sei unethisch. Aber man muss es tun: sich Gedanken über das Verhalten und Denken von Trump, Putin, Netanjahu, Erdogan und weiteren autokratischen Führern machen. Denn das entscheidet über unsere Zukunft.
Die Tech-Giganten sind mächtige Unterstützer und Erfüllungsgehilfen von Trump. Mit ihm verbindet sie eine extreme Verachtung der Demokratie und ihrer Institutionen. Sie sind dabei, den amerikanischen Staat zu zerschlagen.
Personalmagazin: Viele sagen schlicht, Trump sei ein Narzisst, ein Populist und ein Machtmensch. Inwiefern geht die Erklärung mithilfe des magischen Modells Ihrer Meinung zufolge darüber hinaus?
Oehler: Wer Trump nur als Narzissten betrachtet, unterschätzt die Gefahr. Man muss noch etwas anderes mitdenken: Das dreijährige Kind in ihm kann eine Niederlage nicht annehmen. Diese droht aber mit den Midterm-Wahlen im November: Er könnte dann Macht verlieren und zur lahmen Ente werden.
Als Strategie gegen den drohenden Machtverlust bieten sich ihm zwei Möglichkeiten: die Wahlen zu manipulieren oder zu verhindern. Manipulation versucht er schon jetzt. Und wenn er spürt, dass er verlieren könnte, wird er mit allen Mitteln versuchen, die Niederlage zu verhindern – wenn nötig, die Wahlen absagen. Und Gründe finden. Als Selenskyj bei ihm war, sagte Trump: "Du musst dich doch deiner Wiederwahl stellen." Selenskyj antwortete: "Wir haben Krieg, da kann man keine Wahlen durchführen." Trump hat gelacht. Das könnte auch sein Ansatz werden: einen Krieg, einen Notstand, irgendeine große Eskalation anzetteln, um die Wahlen abzusagen.
Personalmagazin: Was kann man gegen die Gefahr tun, die von Donald Trump ausgeht?
Oehler: Die größte Gefahr geht nur kurzfristig von Donald Trump aus, langfristig aber von den Tech-Oligarchen. Dem kann man einerseits strenge gesetzgeberische Kontrolle und Regulierung der Tech-Konzerne entgegensetzen. Andererseits auch konstruktive Aggression: Im gruppendynamischen Prozess spielt diese Idee eine wichtige Rolle. Das bedeutet, dass Menschen nicht nur destruktiv miteinander kommunizieren können, sondern auch gemeinsam schöpferische Bündnisse einzugehen in der Lage sind – weil sie das erfolgreicher macht.
Was Führungskräfte aus Trumps Psychologie lernen können
Personalmagazin: Was können Führungskräfte in der Wirtschaft aus Ihrer Analyse der Psychodynamik von Donald Trumps Familie lernen?
Oehler: Es sieht heute, gerade angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen und des Rechtsrucks, so aus, als ob autoritäres Verhalten eine gute Lösung wäre. In Wirklichkeit ist die Demokratie als Krone der Gesellschaftsentwicklung die beste Lösung. Keine andere Staatsform kann komplexe Probleme so differenziert bewältigen. Demokratie funktioniert allerdings nur mit Menschen, die demokratiereif sind. Diese Reife entsteht nicht durch Überstülpen, sondern von innen heraus: durch Vertrauen, Miteinander, die Integration von Minderheiten und die Bereitschaft, für gemeinsame Werte einzustehen. Wenn das gelingt, explodiert die Kreativität – in Fußballmannschaften, in Staaten, in kleinen und großen Gruppen und auch in Unternehmen.
Personalmagazin: Unternehmen sind aber keine Demokratien …
Oehler: Das stimmt, Unternehmen sind oft autoritär aufgebaut, ein Boss bestimmt. Aber dauerhafter Erfolg entsteht in der Wirtschaft nicht allein aus Dominanz, sondern aus einer funktionierenden Gruppe. Das wollen die Tech-Giganten mithilfe künstlicher Intelligenz ändern. Sie glauben, dass sie in Sekundenschnelle ein System optimieren können, wofür ein demokratischer Prozess Monate oder Jahre braucht. Nur ein Diktator, so ihre Vorstellung, könnte die Kompetenz haben, diese mächtige Zukunft zu gestalten. Deshalb untergraben sie die Demokratie.
Personalmagazin: In einigen deutschen oder europäischen Unternehmen liegt nach einer Phase eher demokratischer Führung, die Mitarbeitende stark einbindet, wieder stärker autoritäre Führung im Trend. Was würden Sie Führungskräften diesbezüglich raten?
Oehler: Ein Unternehmen ist nur dann erfolgreich, wenn Mitarbeitende ihre Ideen einbringen. Nur so entsteht Innovation. Menschen möchten von anderen Menschen gesehen werden – dann setzen sie sich für die Ziele eines Unternehmens ein und geben sich Mühe. Das ist wie beim Militär: Soldaten kämpfen für ihre Gruppe, für ihre Kameraden und ihre Vorgesetzten, denen sie vertrauen – nicht für eine abstrakte Ideologie. Ehrgeiz und Erfolgswillen von Führung reichen also nicht. Dafür braucht es menschliche Kontakte und zwischenmenschliche Kompetenz. Letztlich kommt es auf die intellektuelle und die emotionale Intelligenz der Führungskräfte an.
Dieser Beitrag ist erschienen in neues lernen, Ausgabe 3/2026, das Fachmagazin für Personalentwicklung. Sie finden weitere Inhalte zu diesem Beitrag ebenso wie weitere Artikel zum Thema im Heft, im Digitalmagazin und in der App Personalmagazin - neues lernen.
Das könnte Sie zum Thema Leadership auch interessieren:
Führungskräfteentwicklung: Führen mit Charisma
Renaissance der autoritären Führung?
Trumps toxische Methode: Person statt Sache im Visier
-
Business Schools aus Frankreich bleiben vorn
59
-
Gender AI Gap: Männer nutzen KI häufiger als Frauen
26
-
Microlearning: Beispiele, Nutzen und Kosten im Überblick
19
-
Die besten Business Schools für Master in Management
17
-
Investitionen in Weiterbildung nehmen zu, aber verpuffen
17
-
Wenn KI das Coaching übernimmt
16
-
Skill Management heißt Fähigkeiten identifizieren, einsetzen und entwickeln
15
-
Nicht jeder Change ist eine Transformation
15
-
Mini-MBA: Gut und günstig, aber weniger wertvoll
14
-
So bauen Sie einen Talent Pool auf
13
-
"Wer Trump nur als Narzissten betrachtet, unterschätzt die Gefahr"
22.06.2026
-
Vertrauen als Erfolgsfaktor für Unternehmen
18.06.2026
-
Wie Learning Circles den Lerntransfer integrieren
17.06.2026
-
Podcast Folge 83: Lernreise mit Diana Knodel
16.06.2026
-
Trendradar sieht KI-Strategie und Cybersecurity im Zentrum der Transformation
12.06.2026
-
St. Galler Leadership Award 2026: Die Finalisten stehen fest
11.06.2026
-
Der Weg zur Selbstwahrnehmung
05.06.2026
-
Die drei unsichtbaren Fallen der Selbstentwicklung
05.06.2026
-
Wie Führungskräfte ihre eigenen Kompetenzen stärken
05.06.2026
-
Von der Erkenntnis zur Verhaltensänderung
05.06.2026