Wer will heute noch Verantwortung übernehmen? Offenbar kaum jemand. Laut aktuellem Gallup Engagement Index wollen nur 14 Prozent der Beschäftigten in Deutschland eine Führungsposition. Vierzehn. Von hundert. Gleichzeitig bewerten nur 16 Prozent ihre Führungskraft als zufriedenstellend. Zwei Zahlen, ein System: Niemand will führen – und niemand ist zufrieden mit denen, die es trotzdem tun.
Work-Life-Balance statt Führungsposition
Dahinter steckt ein Zeitgeist, der sich als Weisheit tarnt: Weniger Probleme gleich mehr Glück. Möglichst wenig Reibung, möglichst viel Komfort. Work-Life-Balance als oberste Lebensphilosophie. Ein einfaches Leben sei ein gutes Leben. Klingt vernünftig. Ist es nicht.
Was wir gerade erleben, ist eine kollektive Flucht vor Verantwortung. Nicht aus Faulheit – aus Angst. Wer Verantwortung übernimmt, kann scheitern. Wer führt, wird sichtbar. Und wer sichtbar ist, wird angreifbar. Also bleibt man lieber unsichtbar. Sicher. Bequem. Und wundert sich dann, warum sich das Leben schal anfühlt.
Denn hier liegt der Denkfehler: Bequemlichkeit und Zufriedenheit sind nicht dasselbe. Wer Widerständen dauerhaft ausweicht, schrumpft. Innerlich. Unmerklich. Aber unaufhaltsam. Jetzt kommt die Stelle, an der die meisten Ratgeber rufen: "Also raus aus der Komfortzone! Mehr Verantwortung! Immer drauf!" Auch das ist falsch. Und gefährlich.
Verantwortung übernehmen - aber anders
Zu viel Verantwortung macht krank. Burnout ist keine Modediagnose und keine Schwäche. Menschen, die dauerhaft über ihre Belastungsgrenze hinaus Verantwortung tragen – für Teams, Ergebnisse, die Versäumnisse anderer, das gesamte System –, brennen aus. Ihr Körper zieht die Notbremse, die ihr Verstand ignoriert hat. Das ist keine Ausnahme. Das ist Alltag in deutschen Unternehmen. Die entscheidende Unterscheidung ist also nicht: Verantwortung ja oder nein. Nicht “mehr” Verantwortung übernehmen, sondern "anders”!
Zu wenig Verantwortung lässt dich verkümmern. Du wächst nicht. Du lernst nichts Neues. Du bleibst unter deinen Möglichkeiten. Das Ergebnis: Langeweile, innere Leere, stille Resignation – und irgendwann die bittere Frage, ob das alles gewesen sein soll.
Zu viel Verantwortung frisst dich auf. Du trägst mehr, als du verarbeiten kannst. Du kompensierst die Schwächen des gesamten Umfelds. Das Ergebnis: Erschöpfung, Zynismus, Zusammenbruch.
Mentale Kräfte einfordern
Jetzt das Wichtigste: Die Frage ist doch, für was wir Verantwortung übernehmen. Und hier arbeiten wir in unserem Institut mit dem "50 zu 50 Prozent"-Modell: Es muss klar sein, welche Verantwortung beim Unternehmen und der Führungskraft liegt. Und was Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst zu verantworten haben.
Allzu oft werden die Mitarbeitenden geschont bei mentalen Herausforderungen. Nach dem Motto: Der arme Mensch muss vor der Welt geschützt werden. Mit dieser Denke werden Menschen systematisch schwach gehalten - und sie begeben sich mehr und mehr in eine Vorwurfsspirale. Es gilt: Menschen sind viel mächtiger, als wir denken. Wir müssen allerdings ihre mentale Kraft einfordern.
Ich weiß, das ist nicht zeitgemäß. Ist mir aber egal. Es funktioniert und liefert die gewünschten Ergebnisse. Menschen müssen zupacken, mental immer stärker werden und bessere Ergebnisse liefern. Modegesellen interessieren mich nicht. Denn wenn diese Modewellen dazu führen, dass alle mental immer schwächer werden, immer mehr ausweichen und kränker werden, dann stimmt was nicht.
Als ich nach meinem Unfall lernen musste, mit einer 90-prozentigen Lähmung ein komplett neues Leben aufzubauen, stand ich jeden Tag vor genau dieser Frage. Zu wenig tun hieß: innerlich aufgeben. Zu viel wollen hieß: an der Realität zerbrechen. Die Lösung war nie "Vollgas" und nie "Schongang". Sie war: Heute das richtige Maß finden. Nicht gestern. Nicht morgen. Heute. Und morgen wieder neu.
Wachstum ist und bleibt unbequem
Das ist unbequem. Und genau darin liegt der springende Punkt: Glück entsteht nicht durch die Abwesenheit von Problemen. Es entsteht durch ihre Überwindung. Durch die mentale Transformation, die passiert, wenn du dich einem Widerstand stellst – und ihn bewältigst. Nicht dem größtmöglichen Widerstand. Dem richtigen. Dem, der dich fordert, ohne dich zu zerstören. Der dich wachsen lässt, statt dich zu brechen.
Die 86 Prozent der Beschäftigten, die nicht führen wollen, haben in einem Punkt recht: Verantwortung um jeden Preis ist Unsinn. Aber ihre Schlussfolgerung ist falsch. Die Lösung ist nicht weniger Verantwortung. Die Lösung ist geistiges Wachstum. Das richtige Maß. Zur richtigen Zeit.
Frag dich also nicht: Wie vermeide ich Probleme? Frag dich: Welche Probleme sind es wert, dass ich sie zu meinen mache? Die Antwort darauf verändert alles.
Über den Kolumnisten: Boris Grundl ist Führungskräftetrainer und gilt bei Managern und Managerinnen sowie Medien als "Der Menschenentwickler" (Süddeutsche Zeitung). Er ist Inhaber des Grundl Leadership Instituts, das Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dafür erforscht, testet und lehrt das Institut hochwertige, praxisrelevante Unterscheidungen - als Voraussetzung für Wahrnehmung und Erkenntnis.