Digitales Lernen

Der Markt für Lernplattformen wächst weiter


Lernplattformen

Der Markt für kommerzielle Lernplattformen im Corporate Learning wächst weiter, aber unter anderen Vorzeichen als noch vor wenigen Jahren. Im Fokus stehen Kostenkontrolle, nachweisbarer Business Impact, Konsolidierung und die Frage, wie KI sinnvoll in Arbeits- und Lernprozesse eingebettet werden kann. 

Wie die aktuellen Anforderungen an eine Lernplattform aussehen könnten, schilderte kürzlich in München auf einer Veranstaltung des KI-Video-Tools-Anbieters Synthesia (London) Marcus Neubronner, Senior Director der SensorIntelligence Academy der Sick AG, Waldkirch. Neubronner war wie viele andere Vertreter großer Unternehmen dorthin gekommen, weil sie große Teile ihrer Lerninhalte auf Videos umstellen, die mit Synthesia einfach umgesetzt und skaliert werden können. Die Videos entsprechen dem Scorm-Standard, der Interoperabilität, Wiederverwendbarkeit und Kompatibilität mit Lernplattformen sicherstellt. Das Unternehmen hat seine Lernplattform konsequent mit einem Skill-Management-Ansatz verzahnt. Grundlage ist ein Learning Management System, das um ein integriertes Skill-System erweitert wurde. Jede Rolle im Unternehmen ist mit einem spezifischen Kompetenzprofil hinterlegt. Neue Mitarbeitende erhalten beim Einstieg automatisch Zugriff auf eine strukturierte Lernumgebung, die genau die Inhalte bereitstellt, die für ihre Rolle relevant sind.

Das Beispiel verdeutlicht zwei zentrale Trends: Erstens wird Skill-Management zum integralen Bestandteil von Lernplattformen, zweitens verschiebt sich der Fokus von der reinen Bereitstellung von Inhalten hin zu deren kontinuierlicher Produktion und Anpassung. Die Trends veranschaulichen auch Zahlen, wie sie etwa der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum verkündet: Demnach sehen 63 Prozent der Unternehmen Skill Gaps als größte Barriere für ihre Weiterentwicklung, 85 Prozent wollen deshalb gezielt in Qualifizierung und damit auch Lernplattformen als nötige Infrastruktur investieren. 

Von LXP und LMS zu einer Lernplattform

Weder die klassischen Learning-Management-Systeme (LMS), bei denen Compliance und die Verwaltung sowie Dokumentation des Lernens im Vordergrund standen, noch die jüngeren Learning-Experience-Plattformen (LXP), die als "Netflix des Lernens" gepriesen werden und mit von Algorithmen gesteuerten persönlichen Lernempfehlungen das selbstbestimmte Lernen fördern sollen, sind für diese Anforderungen die alleinige Lösung. In den "Digital Learning Realities 2025" von Fosway bewerteten Unternehmen klassische LMS im Lern-Ökosystem zwar noch deutlich erfolgreicher als LXPs: 41 Prozent nannten LMS "most successful", weitere 36 Prozent "quite successful", während LXPs nur auf 15 bzw. 11 Prozent kamen. Vielmehr werden LXP-Funktionalitäten zunehmend KI-getrieben in LMS integriert. 

Das Marktforschungsunternehmen Gartner geht in einer Analyse vom September 2025 noch weiter. Demnach könnten bis Ende 2026 40 Prozent der Enterprise-Apps aufgabenspezifische KI-Agents enthalten. Für Lernplattformen bedeutet das: Sie konkurrieren künftig nicht nur mit anderen Lernanbietern, sondern auch mit agentischen Frontends in der gesamten Enterprise-Softwarelandschaft. 

Lernempfehlungssysteme: Selbstkontrolle fördert Erfolg

KI-gestützte Empfehlungssysteme und KI-basierte Lernsysteme versprechen eine wirksamere Individualisierung. Die neuere Forschung in diesem Bereich ist jedoch vorsichtiger als das Marketing. Ein im Jahr 2026 publizierter Artikel von Wissenschaftlern der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zu KI-basierten Lernempfehlungssystemen zeigt beispielsweise, dass Kontrolle und Wahlfreiheit der Lernenden zentral bleiben. Demnach hängt die positive Wirkung eines personalisierten Systems stark davon ab, wie viel Kontrolle die Nutzenden selbst haben.

Wenn Mitarbeitende die Preisgabe ihrer Daten – eine notwendige Voraussetzung für das Funktionieren von Empfehlungssystemen – als freiwillig (statt verpflichtend) empfinden, nehmen sie das System als vertrauenswürdiger wahr und machen sich weniger Sorgen um ihren Datenschutz. Dies führt zu einer besseren Gesamtbewertung und steigert die Bereitschaft, das System tatsächlich zu nutzen. Wer also von einer Personalisierung des Lernens profitieren und eine erfolgreiche individuelle Förderung erreichen will, tut gut daran, den Lernenden die Wahlfreiheit über ihre Daten zu lassen.

Lernplattformen für Corporate Learning: Fünf bestimmende Trends

Erstens bleibt Best-of-Breed stark. Fosway sieht keine HRIS-/HCM-Roadmaps, die die Dominanz spezialisierter Lernsysteme kurzfristig brechen würden. Bislang arbeiten nur zwölf Prozent der Organisationen mit dem Lernmodul ihrer HR-Suite. Gleichzeitig holen HCM-Anbieter funktional auf, vor allem, weil Themen wie Skills und KI Druck erzeugen und sie ihre finanziellen Möglichkeiten nutzen, um spezialisierte Lösungen hinzuzukaufen. So hat etwa Workday mit dem Erwerb des Startups Sana Labs aus Stockholm einen Vorreiter bei KI-Agenten fürs Lernen und eigenen Angaben zufolge auch den ersten Anbieter einer KI-Lernplattform erworben. Laut Fosway hat Sana im aktuellen 9-Grid-Learning-Systems zudem den größten Sprung sowohl bei Innovationen als auch bei Marktpräsenz gemacht.

Zweitens konsolidiert sich der Markt weiter funktional. Lernsysteme, Authoring und Content wachsen zusammen. Laut Fosway ist Authoring inzwischen eine Basiserwartung und Content-Anbieter entwickeln sich zu Plattformanbietern, auch ohne die Technologie selbst zu entwickeln. Ein Beispiel ist die Lernplattform Avendoo der Magh & Boppert GmbH aus Paderborn, die bei Fosway aktuell als "Core Challenger" aufgeführt wird und für solche Lösungen bekannt ist. Plattformen wiederum bauen eigene Content- oder GenAI-Funktionen aus. Dadurch werden Kaufentscheidungen von Einzellösungen hin zu Wertschöpfungsketten verschoben.

Drittens bleibt auch 2026 KI das große Thema, aber die praktische Nutzung ist ungleichmäßig. Besonders gefragt sind derzeit Content-Erstellung, Übersetzung und Lokalisierung, also Effizienzgewinne in der Produktion von Lerninhalten, weniger schon die vollständige Neugestaltung von Lernarchitekturen. Auch KI-Coaches oder KI-Lernbegleiter zeigen laut "Digital Learning Realities 2025" noch keinen nennenswerten Impact. Das ist wichtig, weil der Marktdiskurs oft so klingt, als ob immersive, agentische oder coachartige Interfaces klassische Formate bereits verdrängt hätten. Das ist empirisch nicht gedeckt. Aktuell hat etwa Cornerstone OnDemand einen KI-gestützten Course Assistant und einen Adaptive Learning Agent als neue KI-Funktionen angekündigt.

Viertens ist Skills-Management zwar strategisch gewollt und nötig, technisch jedoch schwach standardisiert. Fosway zufolge ist die fehlende Standardisierung im Skills-Management der größte Flaschenhals vieler Lernökosysteme. 

Fünftens wird Enterprise-Learning teurer und architektonisch komplexer. Es zählen nicht nur die Lizenz- und Implementierungskosten, sondern auch die laufenden Betriebs-, Integrations- und Innovationskosten. Fosway weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zusatzkosten für KI künftig stärker sichtbar werden dürften, etwa über Tokens oder Premium-Funktionen. 

Die Fosway 9-Grid-Betrachtung für Learning Systems zeigt eine ausdifferenzierte Anbieterlandschaft. Bei den Suiten werden 2026 unter anderem Cornerstone und Docebo als "Strategic Leader” geführt, während die Lernmodule der großen Anbieter SAP Successfactors Learning, Workday Learning, Oracle Learning Cloud und Scheer IMC bei den "Strategic Challengers” liegen. Im Feld der Core Leader finden sich etwa 360Learning, Access Group, Learning Pool, Litmos, Rise Up, Skillsoft Percipio, Thrive, Totara und Zensai. Unter den Spezialisten bleiben Degreed, Microsoft Viva Learning oder Axonify relevant. Dabei sollte jedoch der jeweilige Use Case über die Auswahl entscheiden. 

Business Outcome wird wichtiger

Die größte Herausforderung für Unternehmen und Anbieter liegt derzeit nicht bei neuen Funktionen, sondern bei der Kausalität zwischen Plattformnutzung und Geschäftsergebnis. Fosway weist selbst darauf hin, dass L&D historisch eher Aktivitäten als Ergebnisse berichtet. MCP (Model Context Protocol), Agenten und eine bessere Datenverknüpfung könnten dies ändern, aber nur, wenn die Daten zu Kompetenzen, Lernen und Leistung konsistent sind. Schlechte Daten werden durch KI nicht besser, sondern nur schneller verwertet. Offen bleibt auch die Frage, wie sich die wirtschaftliche Lage auf Kaufentscheidungen auswirkt. 

Lernplattformen werden nicht verschwinden, aber ihre Rolle wird sich verändern müssen. Weder die totale Übermacht der großen HCM-Suiten noch die vollständige Zersplitterung in Spezialtools ist wahrscheinlich. Plausibler ist ein hybrider Markt: große Suiten für Governance, Compliance und Stammdaten, spezialisierte Tools für Skills, Frontline, Customer Education oder kollaboratives Lernen und darüber eine Integrations- und zunehmend agentische Schicht. 

Die potenzielle Kundschaft wächst jedenfalls, beispielsweise in Nischenmärkten wie Einkaufsverbänden im Handwerk. Diese bieten ihren Mitgliedern digitale Lernplattformen für Auszubildende und Mitarbeitende an, da sie für sich genommen zu klein sind, um selbst zu investieren, gleichzeitig aber zunehmenden Schulungsdruck verspüren. Hier haben auch kleinere Lösungen wie Reteach eine Chance. In Deutschland finden sich außerdem langjährig etablierte kleinere Anbieter wie die Traperto GmbH (Düsseldorf), die Edyoucated GmbH (Münster), die Reflect AG (Oberhausen) oder die Fischer, Knoblauch & Co. GmbH & Co. KGaA (München) und die Haufe Akademie (Freiburg). Diese Anbieter werden häufig neben den großen Systemen in Unternehmen genutzt.

Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 5/2026. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.


Das könnte Sie auch interssieren:

KI treibt den Markt für digitales Lernen

Digitale Weiterbildung als System- und Überlebensfrage

Learning Ecosystems: Lernen im Ökosystem


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion