Learntec 2026: Qualität schlägt Quantität
Professorin Anja Schmitz von der Hochschule Karlsruhe brachte dies in ihrem Vortrag am ersten Messetag auf den Punkt. Sie sprach über die Auswirkungen der Polykrise auf das Lernen und lernförderliche Narrative, die es braucht, um das Potenzial von Mitarbeitenden (Pluripotenzial) auszuschöpfen. Einige Unternehmen setzen dabei mittlerweile nicht nur auf Menschen, sondern auch auf KI-Agenten. Dahinter steht die Vorstellung, dass künftig nicht nur Menschen lernen und qualifiziert werden, sondern dass auch KI-Agenten Aufgaben übernehmen, Entscheidungen vorbereiten und Prozesse begleiten.
Franz Strukelj, Leiter der Volkswagen Group Academy, formulierte in seiner öffentlichen Keynote, dass Mensch und Maschine künftig gemeinsam Wertschöpfung erzeugen werden. Unternehmen müssten deshalb lernen, KI nicht nur zu nutzen, sondern in ihre Systeme und Prozesse zu integrieren. Andrew Smith, Learning Consultant bei Accenture, warnte in seiner Keynote davor, sich zu übernehmen. Er appellierte an die Zuhörerinnen und Zuhörer im voll besetzten Konferenzsaal, langsam mit KI-Agenten zu starten und zielgerichtet vorzugehen, anstatt gleich einen Rundumschlag vorzunehmen.
Digitales Lernen: Vom Tool zur echten Integration
Sowohl auf der Messe als auch auf dem Kongress wurden klassische E-Learning-Fragen sowie reine Lernplattformen deutlich seltener thematisiert als noch vor wenigen Jahren. Stattdessen dominierten Themen wie Kompetenzarchitektur, AI Literacy, arbeitsintegriertes Lernen, personalisierte Lernpfade und die Verbindung von Lernen mit realen Arbeitsprozessen. Bei etablierten Anbietern wie Startups war zudem KI-Coaching (Conversational AI) ein zentrales Thema. Viele Anbieter präsentierten ihre Systeme nicht mehr als Lernplattformen im engeren Sinne, sondern als Wissens-, Workflow- oder Skills-Systeme.
Auch immersive Lernformen waren präsent, allerdings in einem pragmatischeren Kontext als in der früheren Metaverse-Diskussion. XR- und VR-Anwendungen wurden meist im Zusammenhang mit konkreten Trainings- und Anwendungsszenarien präsentiert. Parallel dazu gewannen die Themen Governance, Datenschutz, digitale Souveränität und Deepfakes sichtbar an Bedeutung. Damit spiegelte die Messe eine Entwicklung wider, die derzeit viele Unternehmen beschäftigt. Die KI-Euphorie der vergangenen Jahre wird zunehmend von Fragen nach Regulierung, Transparenz und organisatorischer Umsetzung begleitet.
Besucherzahlen der Learntec weiterhin rückläufig
Während viele Aussteller die hohe Qualität der Gespräche und Diskussionen mit gut vorbereiteten Besuchern lobten, zeigte sich bei deren Anzahl ein differenzierteres Bild. Die Learntec verzeichnete mehr als 11.000 Besucher aus 34 Ländern sowie mehr als 340 ausstellende Unternehmen aus 20 Ländern. Diese verteilten sich zum größten Teil auf zwei Hallen, während die Büromöbelhersteller im Rahmen der "New Work Evolution" in einer dritten Halle Platz fanden. Damit blieb die Messe hinter den Werten von 2024 zurück, als noch mehr als 14.000 Besucher und 419 Aussteller gezählt wurden. Gleichzeitig betont die Messe, dass insbesondere die Anzahl der am unternehmensnahen Lernen interessierten Besucher stabil geblieben sei, während der schulische Bereich schwächer ausfiel. Dies sei demnach auf die stockende Umsetzung des Digital-Pakts 2.0 zurückzuführen.
Learntec entwickelt sich weiter
Obwohl das deutschsprachige Publikum auf der Learntec nach wie vor dominiert, gab es auch in diesem Jahr zahlreiche englischsprachige Angebote zu Themen wie "Future of Work" oder "Agentic AI". Für eine bessere Orientierung wurden die entsprechenden Vorträge und Workshops zudem in zwei feststehende Konferenzräume gelegt. Dort war unter anderem die international bekannte britische Lernexpertin Laura Overton zu hören, die sich mit dem Thema "Führung in unsicheren Zeiten" befasste. Auch die Vielfalt der angebotenen Formate – vom Vortrag über Workshops auf der Messe und im Kongress bis hin zu speziellen Masterclasses – hat zugenommen.
Im nächsten Jahr kehrt die Learntec vom Frühsommer zurück an den Jahresanfang und wird vom 2. bis 4. Februar 2027 stattfinden. Die Veranstalter begründen diesen Schritt mit Gesprächen mit Ausstellern und Partnern, für die der Jahresanfang strategisch günstiger ist. Zudem kann so eine Terminkollision mit der für die Branche ebenso wichtigen Messe "Learning Technologies", die in diesem Jahr direkt vor der Learntec terminiert war, vermieden werden.
Umfassenderer Überblick über digitale Lerntechnologien
"Wir brauchen die Learntec." Diesen Satz hörte man von vielen Ausstellern. Auf keiner anderen Messe im deutschsprachigen Raum ist für Aussteller und Besucher ein umfassenderer Überblick über digitale Lerntechnologien möglich. Gleichzeitig stehen sowohl die Branche als auch die Learntec selbst vor Herausforderungen, die nicht nur mit der angespannten Wirtschaftslage, sondern auch zunehmend mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben. An einigen Ständen wurde von einem Unternehmen berichtet, das seine Lernplattform komplett durch eine selbst entwickelte, KI-basierte Lösung ersetzen will. Gleichzeitig fragen sich die Aussteller, wie sie ihre Kunden zukünftig am besten erreichen können.
Das stellt auch die Learntec vor Herausforderungen. Sie hat unter anderem mit einer Erweiterung ihres Programmbeirats darauf reagiert. Neu in den Programmbeirat berufen wurden: Professor Dr. Anja Schmitz von der Hochschule Karlsruhe, Torsten Fell aus Werdum, der seit Jahren das Programm für die XR/VR-Arena der Messe betreut, der XR-Spezialist Christian Steiner aus Dormagen, Prof. Dr. Matthias Wölfel vom Institute for Intelligent Interaction and Immersive Experience in Karlsruhe sowie Bianca Baumann, Vice President Learning Solutions & Innovation der Unternehmensberatung Ardent, Toronto, Kanada.
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