KI-Weiterbildung: Erst die Praxis öffnet die Augen
27 Prozent der Unternehmen haben ihre Beschäftigten bereits im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) geschult. 2024 waren es noch zwölf Prozent. Das zeigt die aktuelle Weiterbildungsstudie des Tüv-Verbands. Gleichzeitig geben jedoch 45 Prozent der Befragten an, keinen Bedarf für den Ausbau von KI-Kompetenzen zu sehen. Diese Diskrepanz verweist auf ein grundlegendes Problem: Unternehmen erkennen den Weiterbildungsbedarf häufig erst dann, wenn sie bereits erste Erfahrungen mit der Technologie gesammelt haben.
Für die Studie hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Tüv-Verbands zwischen Januar und März 2026 rund 500 Weiterbildungsverantwortliche, Geschäftsführungen sowie Vorstände aus Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden in Deutschland befragt.
Erfahrung mit KI schafft Problembewusstsein
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Unternehmen, die KI bereits einsetzen, erkennen deutlich häufiger die Notwendigkeit, ihre Beschäftigten darin weiterzubilden. Insgesamt bejahen 40 Prozent die Aussage, dass der Bedarf an KI-Qualifikationen wächst; in Unternehmen mit KI-Nutzung liegt dieser Anteil mit 57 Prozent deutlich höher. Beim Thema Lerninhalte herrscht mehr Einigkeit: 72 Prozent halten es für relevant, praxisnahe KI-Kenntnisse aufzubauen, um mit Tools vertraut zu werden. 67 Prozent halten grundlegendes Wissen über Funktionsweise und Einsatzmöglichkeiten für wichtig. Spezifisches und fortgeschrittenes Know-how schätzen sie dagegen deutlich seltener als dringlich ein.
Zudem zeigen sich Unterschiede zwischen kleinen und großen Unternehmen: Während nur 38 Prozent der Betriebe mit 20 bis 49 Mitarbeitenden einen steigenden Bedarf an KI-Kompetenzen sehen, sind es in Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten 52 Prozent. Noch deutlicher wird die Kluft beim Weiterbildungsbedarf insgesamt: Die Hälfte der Befragten sieht einen hohen Bedarf für Weiterbildung im KI-Bereich – bei großen Unternehmen sind es sieben von zehn, bei kleinen nicht einmal jeder oder jede Zweite (46 Prozent).
Joachim Bühler, Geschäftsführer des Tüv-Verbands, führt diese Wahrnehmungslücke auf einen einfachen Mechanismus zurück. In der Online-Pressekonferenz zur Studie erklärte er: Ohne konkrete Anwendung fehle oft das Verständnis dafür, welche Kompetenzen erforderlich sind. Nur wer weiß, was möglich ist, erkenne auch, was fehlt. Tatsächlich setzen große Unternehmen generative KI-Tools wie Chat GPT, Gemini, Claude oder Copilot mit 68 Prozent deutlich häufiger ein als kleinere Betriebe (53 Prozent). Sie liegen damit über beziehungsweise unter dem Gesamtdurchschnitt von 56 Prozent.
Unternehmen mit KI-Erfahrung erkennen auch deren Wirkung stärker: Mehr als die Hälfte von ihnen (54 Prozent) erwarten Produktivitäts- und Effizienzgewinne – im Vergleich zu 36 Prozent im Gesamtdurchschnitt. Ebenso sehen sie häufiger Veränderungen der Wettbewerbsbedingungen (40 gegenüber 28 Prozent) sowie die Entstehung neuer Geschäftsmodelle oder Produkte (24 gegenüber 14 Prozent). Es ist also vor allem die praktische Erfahrung, die den Blick für die Potenziale von KI und den daraus entstehenden Qualifizierungsbedarf schärft.
Future Skills: Menschliche Kompetenzen im Fokus
Grundsätzlich messen Unternehmen Weiterbildung weiterhin eine hohe Bedeutung bei: Mit 87 Prozent hält sie ein Großteil der Befragten für wichtig, wenn auch etwas weniger als 2024 (93 Prozent). Dabei erachten die Befragten vor allem digitale Anwendungskompetenzen als relevant (56 Prozent), gefolgt von Führungskompetenzen (54 Prozent) und technischen Fachkompetenzen (52 Prozent). Geht es um "Future Skills" – also Kompetenzen, die Beschäftigte befähigen, mit technologischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen –, verschiebt sich die Gewichtung jedoch: Neun von zehn Befragten sehen künftig vor allem soziale und menschliche Kompetenzen als entscheidend, gefolgt von technologischen und digitalen Kompetenzen (sieben von zehn) sowie transformativen und nachhaltigkeitsbezogenen Fähigkeiten (sechs von zehn).
Immerhin drei Viertel der Befragten geben an, allen Mitarbeitenden Weiterbildungsangebote zu machen. Pro Person investieren sie im Schnitt ein bis fünf Weiterbildungstage und bis zu 1.000 Euro jährlich. Gleichzeitig sind Weiterbildungen bisher eher selten strategisch verankert: Nur drei von zehn befragten Unternehmen verfügen über eine schriftlich fixierte Weiterbildungsstrategie.
Weiterbildung: Staatliche Unterstützung mit unzureichender Wirkung
Aus Sicht der Studie sollten Unternehmen Weiterbildung stärker strategisch verankern und insbesondere den Aufbau von KI-, Digital- und Cyberkompetenzen systematisch vorantreiben. Gleichzeitig sehen die Befragten die Verantwortung für berufliche Weiterbildung klar verteilt: 98 Prozent verorten sie bei den Unternehmen, 86 Prozent auch bei den Beschäftigten selbst. Politik und öffentliche Institutionen spielen aus Sicht der Unternehmen ebenfalls eine Rolle, werden jedoch deutlich seltener genannt.
Die Wirksamkeit staatlicher Unterstützung bewerten die Befragten kritisch: Nur gut ein Drittel sieht in Förderinstrumenten und steuerlichen Anreizen einen wirksamen Impuls für betriebliche Weiterbildung. Lediglich 15 Prozent halten die bestehenden Angebote für übersichtlich und gut zugänglich. "Deutschland braucht eine Bildungsoffensive für KI-, Digital- und Cyberkompetenzen", sagt Bühler. Die nationale Weiterbildungsstrategie sei ein Schritt in die richtige Richtung, doch viele Angebote, vorwiegend für den Mittelstand, seien zu wenig bekannt oder zu komplex. "Die Bedeutung von Weiterbildung ist in der Politik angekommen. Jetzt kommt es darauf an, die Unterstützung für die Unternehmen auf ihre Praxistauglichkeit hin zu überprüfen und entsprechend nachzusteuern."
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