Bitkom Bildungskonferenz

Digitale Weiterbildung als System- und Überlebensfrage


Junger Mann schreibt am Laptop mit

Die Debatte über digitale Bildung hat eine neue Phase erreicht: weg von Pilotprojekten, hin zu Systemfragen. Das zeigte die Bitkom Bildungskonferenz 2026. Zwei Tage lang diskutierten im virtuellen Raum Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Bildung mit 2.300 Teilnehmenden darüber, wie sich digitale Bildung und Weiterbildung strukturell verankern lässt.

Im Zentrum der Bitkom Bildungskonferenz stand nicht Technologie selbst, sondern ihre Umsetzung. Das zentrale Thema der Konferenz lautete: Wie kann Bildung zwischen Innovation und Verantwortung neu gedacht werden?

Bitkom: "Wir müssen Geschwindigkeit aufnehmen"

Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, erinnerte zur Eröffnung der Konferenz daran, dass Deutschland mit seinem Bildungssystem und der dualen Ausbildung einst den Weltstandard gesetzt hat, das Land heute aber massiv hinter andere Länder zurückgefallen sei. "Es ist nicht so, dass wir nichts tun", so Wintergerst. "Es ist nur so, dass die anderen einfach deutlich schneller sind. Deswegen würde ich mir in den Impulsen für diese Konferenz auch wünschen, dass wir nicht nur inhaltliche Ausgestaltung besprechen, sondern auch, wie wir Geschwindigkeit aufnehmen, um unser Bildungssystem neu zu denken."

Arbeitsmarkt: Weiterbildung wird zur Daueranforderung

Den Schwerpunkt digitale Berufs- und Weiterbildung am zweiten Konferenztag eröffnete Andrea Nahles, Vorsitzende des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit. Sie machte deutlich, dass Weiterbildung zur dauerhaften Aufgabe im Erwerbsleben wird.

"Die Aufforderung, sich permanent zu qualifizieren, ist für alle da", sagte Nahles und verwies darauf, dass die Transformation inzwischen alle Qualifikationsgruppen betrifft. Zugleich rückte sie die strategische Bedeutung in den Mittelpunkt. Die Investition in das Erwerbspersonenpotenzial sei der entscheidende Faktor. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und demografischem Wandel werde Weiterbildung zu einer wirtschaftspolitischen Kernfrage. Nahles lobte die Unternehmen. Diese würden bis zu 40 Milliarden Euro im Jahr in Qualifizierung investieren, um die Mitarbeitenden "mit auf die Transformationsreise" zu nehmen. Nur wenn der Faktor Mensch mitgedacht werden würde, könne das Potenzial von KI gehoben werden. Dafür müssten alle Akteure auf dem deutschen Arbeitsmarkt zusammenwirken.

Politik: Weiterbildung darf kein Privileg bleiben

Auch die Politik setzt hier an. Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, formulierte ein konkretes Ziel: "Bis 2030 wollen wir die Weiterbildungsbeteiligung auf 65 Prozent steigern." Gebers machte auf eine zentrale Lücke aufmerksam: "Von 100 Beschäftigten in Helfer- und Anlerntätigkeiten möchten 31 eine Weiterbildung machen. Aber nicht mal drei können dies mit konkreten Umsetzungsplänen unterlegen."

Ihr Fazit: Weiterbildung dürfe kein Nice-to-have sein, sondern sei Voraussetzung für Beschäftigungssicherung und Wettbewerbsfähigkeit. In diesem Zusammenhang wies Gebers auch auf die Nationale Weiterbildungsstrategie hin und das Online-Portal "mein NOW" der Arbeitsagentur. Dieses Portal soll zukünftig auch mit Hilfe von KI noch präziser Weiterbildungsmöglichkeiten aufzeigen, die zu den individuellen Kompetenzen und Bedarfen passt.

Panel: Unternehmen investieren – aber oft zu kurzfristig

Den zentralen Programmpunkt zur beruflichen Weiterbildung bildete das Panel "Weiterbildung in der Transformation – Wie stärken wir berufliches Lernen im digitalen Zeitalter?", zu dem Bitkom neben Gebers unter anderem auch Elke Hannack vom Deutschen Gewerkschaftsbund und Silke Anger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eingeladen hatte.

Elke Hannack betonte zwar die zentrale Rolle von Weiterbildung als Schlüssel für gute Arbeit und für die Bewältigung der Transformation, kritisierte aber zugleich die Schwerpunkte, die Unternehmen setzen: "Der Großteil wird für Anpassungsqualifizierungen genommen. Der kleinste Teil geht tatsächlich in die berufliche Weiterqualifizierung." Zudem würden häufig strategische Ansätze fehlen, denn nur relativ wenige Unternehmen würden ihre Geschäftsstrategie mit Qualifizierungsstrategien verbinden.

Forschung: Weiterbildung erreicht die Falschen

Neben strukturellen Defiziten wurden auch individuelle Hürden sichtbar. Silke Anger vom IAB verwies auf ungleiche Teilnahmechancen: "Die, die stark von Automatisierung betroffen sind, nehmen am allerwenigsten an Weiterbildung teil." Neben finanziellen Faktoren würden dabei auch psychologische Barrieren eine Rolle spielen. Viele Beschäftigte würden zudem den Aufwand und die Belastung durch Weiterbildung überschätzen.

Programm zeigt klare Richtung – aber auch Lücken

Das Konferenzprogramm zeigte Weiterbildung als verbindendes Element zwischen Technologie und Arbeitsmarkt. Allerdings war es stark auf Bildungspolitik ausgelegt und ließ einige zentrale Fragen unbeantwortet. Zwar gab es praktische Beispiele von der Deutschen Bahn und der Bundeswehr, konkrete Modelle zur Finanzierung, Steuerung oder Organisation von Weiterbildung wurden jedoch kaum vertieft. Auch die betriebliche Lernpraxis und damit die Perspektive von HR und L&D in Unternehmen blieb gegenüber politischen und technologischen Aspekten unterbelichtet.


Das könnte Sie auch interessieren:

KI dominiert den Bildungsmarkt – und verschiebt Kräfteverhältnisse

Damit das Wissen bleibt

Lern-Empowerment statt Pflichtprogramm


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion