Global Talent Trends Report 2026

Wenn "exponentielle Leistung" zur Überlebensfrage wird


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KI verändert die Arbeitswelt in einem Tempo, das klassische HR-Strategien an ihre Grenzen bringt. Produktivität allein reicht nicht mehr aus – gefragt ist eine neue Art, Arbeit grundlegend zu denken und zu gestalten. Der "Global Talent Trends Report 2026" von Mercer zeigt, worauf es jetzt ankommt – und wo Unternehmen noch deutlich aufholen müssen.

Unternehmen stehen vor einer Phase beschleunigter Transformation, in der klassische Effizienzsteigerungen nicht mehr ausreichen. Laut "Global Talent Trends Report 2026" wird "Exponentielle Leistung" – verstanden als deutlicher Sprung bei Produktivität, Agilität und Wirkung –  zur Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist dabei nicht allein der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, sondern die Fähigkeit, Arbeit neu zu gestalten. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die sogenannte "Mensch-Maschine-Gleichung" zu lösen, um in einem volatilen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben.

Das "Talent-Paradoxon" als zentrales Risiko

Der Report stellt fest, dass sich Unternehmen in einem widersprüchlichen Zustand befinden: Einerseits planen 99 Prozent der Führungskräfte einen Stellenabbau durch KI, andererseits gilt der Fachkräftemangel (Talent Scarcity) als das größte Risiko für das Unternehmenswachstum. 54 Prozent der C-Suite sehen Talentknappheit als wichtigsten makroökonomischen Treiber ihrer Personalplanung. 59 Prozent der HR-Verantwortlichen stufen die Rekrutierung von Talenten mit digitalen Kompetenzen als größte Herausforderung für 2026 ein. "Talent Intelligence" als die strategische Fähigkeit, Daten und Erkenntnisse über die Belegschaft (Workforce Intelligence) systematisch zu nutzen, um vorausschauend zu planen und in einem volatilen Umfeld agil zu agieren, wird als ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal für den Unternehmenserfolg eingestuft.

Die Entstehung der "Skills-Based Organization"

Der Report belegt eine Abkehr von starren Jobprofilen hin zu einem dynamischen, kompetenzbasierten Modell. So beabsichtigen 63 Prozent der befragten Unternehmen, ihre HR-Prozesse stärker an benötigten Kompetenzen auszurichten. Gleichzeitig zeigen die Mitarbeitenden eine hohe Lernbereitschaft: 63 Prozent zeigten sich in der Umfrage bereit, auf eine Gehaltserhöhung von 10 Prozent zu verzichten, wenn sie im Gegenzug Möglichkeiten zur Weiterbildung in KI- und Digitalkompetenzen erhalten. Das kann sich für Unternehmen doppelt lohnen, denn Investoren honorieren dies: 77 Prozent ziehen Unternehmen vor, die KI-Schulungen und Weiterbildung systematisch fördern und ausbauen.

Die Neuerfindung der HR-Funktion und die Fusion mit IT

Laut Report muss sich HR  von einer administrativen Unterstützungseinheit zum "Workforce Architect" entwickeln. Da Technologie- und Personalstrategie untrennbar miteinander verwoben sind, erwarten 56 Prozent der HR-Leiter einen strukturellen Wandel, in dem HR- und IT-Abteilungen verschmelzen werden. Die Zukunft der HR liegt demnach darin, Menschen und digitale Agenten (KI) Seite an Seite zu managen. Aber: Bisher sehen nur 8 Prozent der C-Suite HR als strategisch eingebettet an, obwohl Unternehmen mit einer solchen Einbettung eine deutlich höhere Resilienz (76 Prozent) aufweisen.

"Thriving"-Krise und das Vertrauensdefizit

Der Report zeigt auch Widersprüche auf. Einerseits sagen 83 Prozent der befragten Mitarbeitenden, die KI habe sie bei der Arbeit produtkiver und effizienter gemacht. Andererseits ist das Wohlbefinden am Arbeitsplatz massiv zurückgegangen. Der Anteil der Mitarbeitenden, die sich im Job erfolgreich und zufrieden fühlen ("Thriving"), ist demnach von 66 Prozent im Jahr 2024 auf 44 Prozent im Jahr 2026 gesunken. Von 28 Prozent im Jahr 2024 auf 40 Prozent in der aktuellen Studie gestiegen ist gleichzeitig die Angst, durch KI den Arbeitsplatz zu verlieren (FOBO, Fear of Becoming Obsolete). Auch gibt es eine Empathie-Lücke: Während 62 Prozent der befragten Beschäftigten glauben, dass Führungskräfte die psychologischen Folgen von KI unterschätzen, berücksichtigen nur 19 Prozent der HR-Verantwortlichen diese Effekte in ihren Strategien.

Das traditionelle Performance Management wird laut Report als ineffektiv betrachtet, nur 52 Prozent der HR-Leiter halten ihre aktuellen Prozesse für wirksam.

Zusammenfassendes Fazit

Der Report verdichtet viele Entwicklungen, die sich bereits in anderen Studien abzeichnen: die Verschiebung hin zu Skills, die strategische Aufwertung von People Analytics und die wachsende Bedeutung von KI für Organisationsdesign. Neu ist weniger die Diagnose als die Zuspitzung: Die Autorinnen und Autoren definieren exponentielle Leistungsfähigkeit als notwendige Bedingung für das Überleben von Unternehmen – nicht mehr als ambitioniertes Ziel.

Offen bleibt allerdings, wie schnell Organisationen diese Transformation realistisch umsetzen können. Die im Report aufgezeigten Lücken – etwa zwischen HR und C-Level oder zwischen Technologieeinsatz und tatsächlichem Nutzen – deuten darauf hin, dass viele Unternehmen noch am Anfang stehen. Oder, wie es  Andrea Anderson, Leitung Strategic People Advisory bei Mercer Deutschland, formuliert: "Das Bewusstsein bei allen Stakeholdern und die Technologien sind vorhanden – die Aufgabe ist jetzt, die Umsetzung in großem Maßstab zu schaffen und dabei den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen".

Die Studie "Global Talent Trends 2026" wurde von der Unternehmensberatung Mercer, einem Geschäftsbereich von Marsh (NYSE: MRSH), durchgeführt und Ende März 2026 veröffentlicht. Befragt wurden weltweit 12.000 Führungskräfte (C-Suite), HR-Verantwortliche, Investoren und Mitarbeitende. Die Datenerhebung erfolgte im Zeitraum von September bis Oktober 2025.


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Schlagworte zum Thema:  Studie , Künstliche Intelligenz (KI)
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