KI an Business Schools

"Viele KI-Experimente enden auf dem Schneidetisch"


Sarah Toms

Die Business School IMD in Lausanne hat bereits 2023 erste Schritte in Richtung einer fundierten KI-Strategie unternommen. Ein Interview mit Lerntechnologie­expertin Sarah Toms, Chief Innovation Officer an der IMD.

Personalmagazin: Business Schools gelten derzeit nicht als Vorreiter auf dem Gebiet der KI, obwohl sich viele dieser Thematik angenommen haben. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Studierende sich mehr praktische Anwendungen der KI in ihrem Studium wünschen. Verschlafen Business Schools den KI-Trend?

Sarah Toms: Der Hochschulsektor ist ziemlich spät in das KI-Thema eingestiegen. Ein Hauptgrund war Risikoempfinden, Angst – und vielfach auch ein mangelndes Verständnis der Technologie. Vielerorts fehlte Lehrpersonal, das kreativ darüber nachdenken konnte, wie sich diese Technologie in den Lehrplan integrieren lässt und wie sich Didaktik verändern muss. KI verlangt von uns, anders zu denken. Aber Institutionen – und insbesondere Lehrkräfte – haben sehr viel Macht und Eigenverantwortung. Sie gestalten, was in Programmen und Lehrveranstaltungen tatsächlich passiert. Sie müssen sich verändern und das werden sie. Aber wie bei anderen Technologie-Revolutionen braucht das Zeit.

Personalmagazin: Was genau machen Sie bei IMD anders?

Sarah Toms: Als ich vor drei Jahren an die IMD kam, fiel mir sofort diese andere Kultur auf: ein starker Hunger nach Innovation und Experimenten. Es macht einen Unterschied, Menschen so einzusetzen, dass KI wirklich ihr Hauptfokus und täglicher Job ist. Dass sie morgens aufstehen und über KI-Einsatzmöglichkeiten nachdenken – und sie den Raum bekommen, das auch umzusetzen. Dafür muss man Stellen neu klassifizieren und Rollen verändern. Wir haben früh einen Maschinenraum für KI aufgebaut, um unsere Prinzipien praktisch zu verankern: Datenschutz, Sicherheit, Erklärbarkeit, Nachhaltigkeit oder Wahl zwischen Eigenentwicklung versus Zukauf. Heute haben wir GenAI Business Labs und ein Multi-LLM-Tool, mit dem Lehrende aus Finance, Supply Chain, Strategy und anderen Disziplinen synthetische Daten, Prompts und reale Problemstellungen in Klassenzimmer bringen können. Dieser frühe Start hat unseren Reifegrad stark erhöht – und erlaubt uns jetzt, schneller zu werden und eine Führungsrolle in einem sich schnell wandelnden Umfeld zu übernehmen.

Klare Strategie für KI-Aktivitäten an Business Schools

Personalmagazin: Einige Marktbeobachter sprechen von einem Wild-West-Szenario: KI-Aktivitäten an Business Schools bestehen oft einfach aus "Trial and Error". Bei Ihnen auch?

Sarah Toms: Experimente sind wichtig, aber es braucht eine klare Strategie. Das gilt für jeden Bereich der Wirtschaftshochschulen, da KI eine Querschnittsfähigkeit ist – mit Blick auf Lernende, Kunden, Dozenten und Mitarbeitende.

Personalmagazin: Wie sieht Ihre Strategie konkret aus?

Sarah Toms: Wir haben unsere Strategie in vier Säulen gegliedert, die unsere Kernaktivitäten abbildet. Die erste heißt "Teaching with AI". Damit ist gemeint, dass Lehrende KI nutzen, um ihre Arbeit im Unterricht voranzubringen. Die zweite Säule ist "Learning with AI": Unsere Studierenden und Teilnehmenden arbeiten selbst mit den KI-Tools – einige sind Standardprodukte, andere wurden von IMD selbst entwickelt. Die dritte heißt "Work with AI" und betrifft Bereiche wie Marketing, Business Development, Finance, HR und Learning Innovation. Die vierte ist "Research with AI", also die Forschung mit KI. Diese Vier-Säulen-Struktur habe ich nicht selbst erfunden, sondern mit Stolz von der Harvard Business School kopiert. Aber bei den konkreten Zielen unterscheiden wir uns deutlich. In "Learning with AI" geht es etwa darum, Interaktivität und Personalisierung des Lernens zu steigern. Im Bereich "Work with AI" suchen wir nach Produktivitäts- und Kreativitätsgewinnen für uns als Business School – etwa in Bezug auf Fehlerquote im Finance-Team, Durchlaufzeit von Rechnungen oder Entlastung von administrativen Aufgaben und mehr Zeit für Gespräche mit Studierenden.

Personalmagazin: Wie gehen Sie mit dem Marktdruck um, immer an der Spitze dessen zu sein, was mit KI möglich ist – ohne die langfristige Strategie aus den Augen zu verlieren?

Sarah Toms: Ich bin eine große Befürworterin von Bottom-up-Innovation. Man beobachtet, was entsteht, und schaut mit offener, divergenter Denkweise: Welche interessanten neuen Verhaltensweisen und Use Cases tauchen auf, die wir später skalieren können? Wir geben Lehrenden Plattformen, Dos und Dont‘s und sagen: Legt los. Mal sehen, was daraus wird. Wir haben Sicherheitsleitplanken, aber nicht zu viel Struktur. Für kurzfristige Innovation ist das entscheidend. Und es ist völlig okay, wenn die Mehrheit dieser Anwendungsfälle scheitert. Es ist wie beim Schreiben eines Buchs oder Komponieren eines Songs: Vieles endet auf dem Schneidetisch.
Daneben braucht es Top-down-Innovation. Sie beantwortet die strategischen Fragen: Wohin gehen wir? Welchen neuen Mehrwert können wir schaffen? Wie skalieren wir? Wie sieht unser Trainingsplan aus? Was ist mit Kosten, Rollout und Nutzenmessung? 

KI als Kernkompetenz für den MBA

Personalmagazin: Lange Zeit waren Business Schools durch die Bank davon überzeugt, dass die Kernkompetenz eines MBA allgemeine Managementfähigkeiten sind und nicht so sehr technische Fähigkeiten. Hat sich das geändert? Ist KI eine Kernkompetenz für einen MBA?

Sarah Toms: Ja. KI ist eine Kernkompetenz – nicht nur für MBA-Absolventen, sondern eigentlich für alle, schon in der Schule. Wir brauchen die Fähigkeit, KI in die Zukunft zu denken. Die Führungskräfte von morgen müssen mehr technisches Verständnis mitbringen und verstehen, wie diese Systeme funktionieren, wie sie arbeiten und wie man sie zum Guten einsetzt.

Personalmagazin: Wie spiegelt sich das in Ihrem MBA-Programm wider? 

Sarah Toms: KI ist inzwischen ein fester Bestandteil unseres MBA. Eine Lehrkraft ist Experte für KI-Transformation. Der Einsatz von KI spielt im Pflichtcurriculum eine zentrale Rolle – auch in einer der unserer größten Business-Simulationen. Es geht darum, KI in einem wirtschaftlichen Kontext praktisch anzuwenden. 

Personalmagazin: Häufig hängt der Einsatz von KI im Unterricht davon ab, wie gut die Lehrenden mit KI umgehen können. Und das kann sehr unterschiedlich sein…

Sarah Toms: Deshalb haben wir eine Mitarbeiterin im Lehrkräftebüro, die das Onboarding und Training der Lehrenden verantwortet. Es gibt ein Mentoring-Programm, mehrmals im Jahr ganztägige Trainings, regelmäßige Brown-Bag-Lunches und Hospitanzen, bei denen Lehrende Kolleginnen und Kollegen begleiten. Unser Learning-Innovation-Team arbeitet zudem eng mit Lehrkräften, Lern-Managern und Programmkoordinatoren zusammen, um zu unterstützen – besonders dann, wenn die Dozierenden mit neuen Tools noch nicht vertraut sind.

Personalmagazin: Dennoch gibt es doch sicher Unterschiede in der KI-Expertise und technologischen Offenheit der Lehrkräfte, oder?

Sarah Toms: Natürlich. Auch bei uns sieht man die typische Adoptionskurve: Early Adopter, viele die folgen und dann der Rest. Wir kommen gerade in diese Phase, in der der Rest langsam dazukommt. Es gibt Lehrende, die sagen: Ich habe die ersten Runden verpasst. Kann mir jemand helfen aufzuholen? Wichtig ist, dass niemand das Gefühl bekommt, den Anschluss verloren zu haben. Es ist okay, kein Early Adopter zu sein. Entscheidend ist, dass es in der Einrichtung Personen gibt, die die Lehrkräfte unterstützen können, wenn diese bereit sind. 

Innovation des Lernprozesses

Personalmagazin: Welche Rolle spielt KI im Unterricht? Ist sie eher ein Nachhilfelehrer, ein Mitgestalter, ein Coach – oder etwas ganz anderes?

Sarah Toms: Es kommt darauf an. Wir haben uns Chancen und Begrenzungen sehr genau angeschaut. Eine frühe Erkenntnis war: Nur ein kleiner Prozentsatz von Studierenden hebt in einer Vorlesung die Hand und stellt eine Frage. Dabei ist genau das ein zentraler Teil des Lernprozesses. Es geht darum, das Fragenstellen zu demokratisieren. Deshalb zeichnen wir Vorlesungen auf, entfernen alle personenbezogenen Informationen und stellen die Inhalte den Lernenden danach KI-gestützt zur Verfügung. Inzwischen betrifft das unseren gesamten MBA, den EMBA, einen Großteil unserer Online- und Open-Programme – und zunehmend auch maßgeschneiderte Weiterbildungsprogramme für Führungskräfte. Das Großartige ist: Jede Person im Kurs kann eine Frage stellen, auch sechs Monate später. 

Personalmagazin: KI ist also ein Didaktikbooster?

Sarah Toms: Ja – und noch mehr. Es liefert Lehrenden unglaublich reichhaltige Daten. Sie können aus den Fragen lernen, Programme für künftige Kohorten verbessern oder im laufenden Programm schnell nachsteuern. Außerdem haben wir das Prinzip umgedreht: Jetzt stellt die KI Fragen. Das ist relevant für Rollenspiele, Coaching, KI-Beratung und Reflexionsprozesse. Wir nutzen Best Practices aus dem Coaching und haben unsere KI-Tools so weiterentwickelt, dass sie Menschen durch strukturierte Reflexion führen. Wenn das den Lernerfolg steigert und den Transfer von Wissen in die Praxis verbessert, war oft KI beteiligt.

Personalmagazin: Betrachten Sie das noch als Verbesserung der Qualität oder schon als echte Innovation des Lernprozesses?

Sarah Toms: Das sind Innovationen. Entscheidend ist aber, dass wir sie im Lernfluss verankern. Der Mensch, der lernt, hat sich biologisch nicht verändert. Aber wir können heute wissenschaftliche Erkenntnisse über nachhaltiges Lernen in den digitalen Raum übertragen. Die letzte große digitale Bildungsrevolution kam über MOOCs. Dort wurden oft passive Lernansätze einfach skaliert. So lernen wir aber nicht. Deshalb geht es jetzt darum, die beste Pädagogik einzusetzen, um Lernen anwendbar und nachhaltig zu machen: Lernen im Arbeitsfluss, adaptive Assessments, psychometrische Assessments, Lernen auf Knopfdruck. KI bringt die nächste große Entwicklungsstufe des Lernens.

Personalmagazin: Das klingt sehr euphorisch. Aber ist das wirklich schon Realität – zum Beispiel bei dem von Ihnen angesprochenen Thema Personalisierung des Lernens?

Sarah Toms: Absolut. Wir haben die Initiative in unserem einjährigen MBA gestartet. Dort gibt es traditionell zwei starke Teile: Business Skills wie Finance, Marketing oder Geopolitik – und Leadership-Kompetenzen. Im KI-Zeitalter können wir nun zusätzlich Querschnittskompetenzen über das gesamte Curriculum hinweg messen, etwa Problemlösung, kreatives Denken oder Storytelling. Insgesamt arbeiten wir mit zehn solcher Kompetenzen. Mein Team hat gemeinsam mit den Lehrenden Aufgaben ausgewählt, die diese Kompetenzen sichtbar machen. Anschließend nutzen wir KI, Frameworks und Trainingsdaten, um Entwicklungen über das gesamte Curriculum hinweg zu analysieren. Die Studierenden erhalten viermal im Jahr einen umfangreichen Bericht, den sie mit dem Team des MBA im Detail durchgehen. Diese übergreifenden Kompetenzen sind damit zu einem wichtigen Bestandteil unseres Curriculums geworden. Und nun übertragen wir den Ansatz auch auf unsere Executive-Education-Programme.

Personalmagazin: KI hat allerdings immer wieder Probleme mit Halluzinationen und in Trainingsdaten waren möglicherweise Diskriminierungen enthalten. Wer validiert die KI-Feedbacks zur Lernentwicklung?

Sarah Toms: Bei KI von der Stange haben Sie absolut recht: Da gibt es viele Verzerrungen und Halluzinationsprobleme. KI ist insbesondere für Frauen und für Kulturen jenseits des nordamerikanischen weißen Mannes nicht repräsentativ genug. Das sind sehr berechtigte Bedenken. Wir wissen aber auch, dass es Werkzeuge, Fähigkeiten und Techniken gibt, mit denen man große Sprachmodelle besser performen lässt. Wenn man sie etwa mit eigenen Daten umgibt. Manche Techniken wie Inhaltsfilterung verringern die Halluzinationsneigung. Man kann sehr genau einstellen, wie kreativ Antworten sein dürfen. Und dann braucht es einen Lifecycle-Ansatz in der Softwareentwicklung: testen, validieren, versionieren, menschlich bewerten. Wir haben Mensch-zu-KI-Vergleiche gemacht, angepasst und ausgewertet. Dabei zeigt sich: Menschen haben ebenfalls viele Biases. In manchen Fällen war die KI weniger voreingenommen. Wichtig ist auch: Unsere Querschnittskompetenzen liefern qualitative, keine quantitativen Informationen. Wir vergeben also keine Punktzahl, sondern beschreiben Stärken und Entwicklungsfelder.

Umgang mit Datenschutz und Datensicherheit

Personalmagazin: Inwiefern haben Studierende die Möglichkeit zu sagen: "Ich stimme dieser KI-Einschätzung nicht zu, weil ich glaube, sie hat da etwas nicht erkannt."

Sarah Toms: Dafür ist das Gespräch mit dem Dean so wichtig. Das Feedback geht dann an mein Team zurück. Man muss akzeptieren, dass es solche Schleifen und Rückkopplungen gibt. Unsere Philosophie ist klar: Wir tun das, um MBA-Studierende oder Teilnehmende von Executive-Education-Kursen in ihrem Wachstum zu unterstützen. Diese Tools sollen keine Waffe sein.

Personalmagazin: Wie können Sie dabei Datenschutz und Datensicherheit garantieren?

Sarah Toms: Dafür haben wir mehrere Mechanismen. Nach Ende eines GenAI-Labs und nach dem Logout eines Studierenden werden alle Daten automatisch gelöscht. Zweitens haben wir klare Vereinbarungen mit den Studierenden: keine personenbezogenen Daten, keine vertraulichen Unternehmensinformationen, nur synthetische Daten. Drittens haben wir Vereinbarungen mit KI-Tool-Anbieter, dass sie unsere Informationen nicht für Trainingszwecke der Modelle nutzen. Alles wird in Europa gehostet. Wir orientieren uns an DSGVO, EU AI Act und den entsprechenden Rahmenbedingungen. 

Personalmagazin: IMD ist eine der renommiertesten Business Schools, die Lern- und Studienprogramme sind nicht günstig. Deshalb müssen sie ihr Wertversprechen einlösen. KI kann eine interessante Lernerfahrung sein. Aber erzeugt sie auch wirklich nachhaltiges Lernen und woran machen Sie das fest – Stichwort KPIs?

Sarah Toms: Die Liste der KPIs ist lang. Ein wichtiger Faktor ist das Engagement über das Programm hinaus. Wir schauen vier oder sechs Wochen später: Kommen die Teilnehmenden zurück und stellen Fragen, weil das Lernen einsickert und sie versuchen, das Gelernte in der realen Welt anzuwenden? Die Antwort lautet: Ja.
Ein weiterer Indikator ist die Zahl der Fragen, die früher nie gestellt und beantwortet worden wären. Wir sprechen von 30.000 Fragen pro Jahr – und das, obwohl wir diese Tools noch nicht auf alle Programme ausgeweitet haben. Dazu kommt unser Impact Office, das Unterschiede misst zwischen Personen mit Zugang zu unseren KI-Tools und solchen ohne Zugang. Wir erhalten durchweg hohe Bewertungen für unsere KI-Tools. Und viele Teilnehmende wählen Programme von IMD gezielt, um Unterstützung bei ihrer KI-Transformation zu erhalten.

Personalmagazin: Wenn Sie zurückblicken auf Ihre bisherige KI-Reise: Was würden Sie heute anders machen?

Sarah Toms: Ich würde mehr Zeit in den internen Beziehungsaufbau investieren. Wenn man technische Teams führt, unterschätzt man leicht Gespräche mit Lehrenden und anderen wichtigen Stakeholdern. Gerade in Innovationsprozessen ist das aber zentral. Denn wer Menschen anfangs nicht ins Boot holt, gewinnt sie später nur schwer zurück – Lehrkräfte erst recht.


Dieses Interview ist erschienen im Sonderheft "Personalmagazin Business Schools". Darin finden Sie auch eine Anbieterübersicht für MBA, Mater und Zertifikate. Hier geht es zum Download.


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