Kolumne Praxisschock

Akzeptiere, was ist - und versuche, KI zu verstehen


Künstliche Intelligenz: Akzeptiere, was ist

Große Veränderungen polarisieren: Die einen feiern sie als Fortschritt, die anderen fürchten sie als Bedrohung, weiß Kolumnist Boris Grundl. Doch wie schon bei früheren technologischen Meilensteinen zeigt sich auch bei Künstlicher Intelligenz, dass es vielmehr um ein tiefes Verstehen geht und die Frage, wie wir uns selbst in einer sich wandelnden Welt positionieren.

Wir können nichts verändern, bevor wir es akzeptiert haben. Das gilt für Technologie genau wie für persönliche Entwicklung. Wenn große Veränderungen bevorstehen, bilden sich fast automatisch zwei Pole: Die einen – die Missionare – sind wie berauscht. Sie sehen im Neuen die Erlösung, das Gute, das Fortschrittliche. Die anderen – die Warner – sind überzeugt, dass jetzt die Hölle ihre Tore öffnet.

Erst verstehen, dann urteilen

Diese Dynamik ist alt. Als das Telefon erfunden wurde, fragten viele ernsthaft: "Was soll man mit jemandem besprechen, der 300 Kilometer entfernt wohnt?" Heute führen milliarden Menschen täglich Gespräche über Kontinente hinweg – privat, geschäftlich, lebensverändernd. Als das Auto kam, warnten die Ärzte, die Geschwindigkeit könne Körper und Geist ruinieren. Heute verbindet das Auto ganze Gesellschaften, ermöglicht Mobilität, Wirtschaft und Freiheit – und steht gleichzeitig wieder zur Diskussion, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen.

Es wäre also von Vorteil, zuerst einmal zu verstehen, um was es bei etwas in der Tiefe geht, bevor wir darüber urteilen und es "anpacken" wollen. An diesem tiefen "Verstehenwollen", mangelt es überall.

Da ist der neue Mitarbeiter, der sich verändern soll. Die Chefin, die mich besser verstehen soll. Der Kunde, welcher nichts einsehen will. Die Führungskraft, die mich motivieren soll. Das Projekt, welches mir mehr Spaß machen sollte. Das Unternehmen, welches mir Sinn vermitteln soll. In Summe, das Leben, dass sich mir doch bitte anpassen soll. Doch Mitarbeitende, Chefs, Führungskräfte, Projekte, Unternehmen, oder gar das Leben passen sich selten unserem Denken an.

KI ist der logische Schritt innerhalb der digitalen Evolution

Jetzt steht mit der Künstlichen Intelligenz die nächste Welle an. Und wieder erleben wir dasselbe: Hymnen auf Effizienz und Produktivität auf der einen Seite – Untergangsprophetien, Angst vor Kontrollverlust und Arbeitsplatzverlust auf der anderen. Doch die Wahrheit liegt – wie so oft – jenseits dieser Extreme.

Künstliche Intelligenz ist keine Revolution aus dem Nichts. Sie ist die Konsequenz der Digitalisierung – deren nächste logische Stufe. Wir automatisieren Wissen. Das ist die neue Schwelle. Damit stellen wir uns selbst die unbequeme Frage: Wenn Wissen zunehmend verfügbar und reproduzierbar wird – wofür braucht es uns noch? Was ist die Daseinsberechtigung des Menschen in einer Welt, in der Maschinen alles wissen?

Und diese Frage löst bei jenen große Ängste aus, die innerlich wissen, dass sie der Welt nichts zu geben haben. Mit anderen Worten: die unter dem Hochstapler-Syndrom leiden. Unter der Angst, dass irgendwann mal rauskommt, dass sie eigentlich viel weniger können, als sie vorgeben. Und KI könnte das sichtbar machen. Also ist die Angst berechtigt.

Jede Routine wird automatisiert werden

Die alte Idee, dass Wissen an sich einen Wert schafft, trägt nicht mehr. Denn alles, was wiederholbar ist, wird automatisiert werden. Nicht heute. Nicht morgen. Aber mit der Zeit. Was bleibt, ist das, was sich nicht automatisieren lässt: Bewusstsein. Haltung. Bedeutung. Die Fähigkeit, Sinn zu erkennen. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, wenn Maschinen längst handeln. Darum geht es jetzt: nicht um Euphorie oder Katastrophe, sondern um Integration. Wer die Kraft der KI versteht, versteht auch ihren Platz – als Werkzeug. Nicht mehr. Nicht weniger.

Die eigentliche Herausforderung ist nicht, was KI kann. Sondern wer wir werden, wenn sie vieles für uns übernimmt. Denn jede Technologie spiegelt letztlich nur eines wider: den Menschen, der sie benutzt. Deswegen zurück zum Anfang: Wir können nichts verändern, bevor wir es akzeptiert haben.


Über den Kolumnisten: Boris Grundl ist Führungskräftetrainer und gilt bei Managern und Managerinnen sowie Medien als "Der Menschenentwickler" (Süddeutsche Zeitung). Er ist Inhaber des Grundl Leadership Instituts, das Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dafür erforscht, testet und lehrt das Institut hochwertige, praxisrelevante Unterscheidungen - als Voraussetzung für Wahrnehmung und Erkenntnis.

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