Migrationswende

Fachkräfteeinwanderung stark rückläufig

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zeigt: Deutschland erlebt derzeit eine Migrationswende. Für HR-Verantwortliche ist das eine schlechte Nachricht, denn ausgerechnet die bislang verlässlichsten Arbeitskräftequellen versiegen.

Produktion_Logistik_Junger Mann mit Checkliste in Lagerhalle

Die Gesamtnettozuwanderung nach Deutschland lag 2025 bei nur noch 235.000 Personen – der niedrigste Wert seit 2010 (Ausnahme: Corona-Jahre). Zum Vergleich: 2023 waren es noch 663.000. Migrationsexperte Wido Geis-Thöne identifiziert im aktuellen IW-Kurzbericht mehrere Entwicklungen, die gleichzeitig wirken und deren Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt gravierend sein könnten.

Rückwanderung aus Osteuropa: ein strukturelles Problem

Besonders alarmierend für HR: Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsländern haben lange die Fachkräftebasis gestützt – doch der Trend kehrt sich um. 2025 verließen per Saldo 45.000 mehr Personen aus diesen Ländern Deutschland, als von dort zuzogen. 2024 waren es bereits 35.000. Zum Vergleich: 2023 kamen noch 42.000 mehr, als gingen.

Der Grund: Auch Polen, Rumänien und Co. sind vom demografischen Wandel betroffen. Die dortigen Arbeitsmärkte werden enger, die Lohnunterschiede zu Deutschland schrumpfen. Laut IW ist nicht damit zu rechnen, dass sich das ändert. "Politik und Wirtschaft müssen darauf hinarbeiten, die Arbeitskräfte aus den neuen EU-Mitgliedsländern durch Personen aus anderen Herkunftsländern zu ersetzen", so Geis-Thöne.

Auch die Zuwanderung aus dem Westbalkan – ebenfalls stark erwerbsorientiert – verliert an Dynamik. 2025 lag der Wanderungssaldo noch bei 39.000 Personen, 2022 war er deutlich höher. Angesichts einer schrumpfenden Gesamtbevölkerung von nur 16,8 Millionen Menschen in diesen sechs Ländern sind die dortigen Migrationspotenziale demografisch begrenzt.

Erwerbsmigration aus Drittstaaten: Lichtblick im Abschwung

Etwas Hoffnung machen die Zahlen zur Erwerbsmigration aus außereuropäischen Ländern: Zwischen Ende 2023 und Ende 2025 stiegen die entsprechenden Aufenthaltstitel um 33.000 bzw. 13,6 Prozent. Auch die Bildungsmigration legte um 15,3 Prozent zu. Diese für die Fachkräftesicherung besonders relevanten Bereiche blieben von der Migrationswende bislang weitgehend verschont.

Geis-Thöne mahnt jedoch zur Vorsicht: Sollte es durch die Industriekrise für ausländische MINT-Fachkräfte schwieriger werden, eine qualifikationsadäquate Stelle zu finden, könnte sich auch das ändern – denn eine solche Stelle ist oft Voraussetzung für den Aufenthaltstitel.

Asylzahlen sinken – vor allem wegen der Lage in Syrien

Die Zahl der Asylerstanträge ist zwischen 2023 und 2025 von 329.000 auf 113.000 gesunken. Den größten Anteil daran hat der Rückgang syrischer Asylsuchender (von 103.000 auf 23.000), der vor allem auf das Ende des Assad-Regimes 2024 zurückzuführen ist. Auch Anträge von Afghaninnen und Afghanen (−27.000) und türkischen Staatsangehörigen (−49.000) gingen deutlich zurück. Die Nettozuwanderung ukrainischer Geflüchteter lag 2025 bei 89.000 Personen – damit stellen Ukrainerinnen und Ukrainer weiter die größte Einzelgruppe dar, wobei weniger zuwanderten als noch im Vorjahr (116.000).

Warnsignal: Immer mehr Deutsche wandern aus

Beunruhigend ist auch: Immer mehr Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit wandern ab. 2025 verließen das Land knapp 97.000 mehr, als zuzogen – 30 Prozent mehr als 2023 (74.000). "Damit ist zwar noch kein kritisches Niveau erreicht", sagt Geis-Thöne, "jedoch ist der Anstieg ein deutliches Warnsignal." Denn angesichts des demografischen Wandels kann sich Deutschland kaum leisten, hoch qualifizierte Fachkräfte zu verlieren.

Was HR-Verantwortliche und die Politik jetzt tun müssen

Das IW empfiehlt ein Bündel an Maßnahmen: schnellere Visaverfahren für Drittstaatsangehörige, niedrigere Steuer- und Abgabenbelastung zur Steigerung der Attraktivität Deutschlands als Arbeitsort, sowie die Öffnung westbalkan-ähnlicher Zugangswege für weitere Herkunftsländer, auch für Arbeitskräfte mit niedrigerem formalem Qualifikationsniveau.

 

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