Auslaufmodell oder Siedlungstyp mit Perspektive?
Kleine Großsiedlungen sind mehrgeschossige Wohnensembles, die von der Wiederaufbauzeit bis zur Wende errichtet wurden – nach ähnlichen und teilweise gleichen Prinzipien wie die großen Pendants in den Groß- und Mittelstädten. Auf Bitten der ostdeutschen Regionalverbände des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen hat das Kompetenzzentrum Großsiedlungen eine Studie erstellt, die nach rund einjähriger Arbeit nun vorliegt.
Sie stellt 30 übertragbare Beispiele der Erneuerung kleiner Großsiedlungen in den Städten mit 5.000 bis 20.000 Einwohnern der neuen Länder vor. Die Auswertung erfasst alle Bereiche, die von Mehrfamilienhäusern mit sieben und mehr Wohnungen der 1950er bis 1980er Jahre geprägt sind. Dr. Bernd Hunger, Vorstandsvorsitzender des Vereins Kompetenzzentrum Großsiedlungen, erklärt, warum die Siedlungen im ländlichen Raum mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Immense Umbau- und Ergänzungspotenziale
Herr Dr. Hunger, im Fokus des Kompetenzzentrums Großsiedlungen standen bislang vor allem Wohngebiete in Großstädten: Warum nun die Hinwendung zum ländlichen Raum?
Dr. Bernd Hunger: Die Zukunft der Großsiedlungen wird überwiegend am Beispiel großer Wohngebiete in Groß- und Mittelstädten diskutiert. Mittlerweile hat die Politik die Bedeutung einer ausbalancierten Siedlungsstruktur erkannt und will den ländlichen Raum mehr unterstützen, was sich unter anderem an der Gründung der Kleinstadt-Akademie zeigt. Damit rückt auch die Perspektive der dort errichteten "kleinen Großsiedlungen" neu ins Licht.
Wie erfolgte die Untersuchung konkret?
Die Regionalverbände der neuen Länder haben angeregt, die kleinstädtischen Quartiere, in denen sich ein erheblicher Anteil ihrer Bestände befindet, in den Blick zu nehmen. Daraufhin haben wir mit ihrer Hilfe in jedem der ostdeutschen Flächenländer sechs Quartiere ausgewählt und den erreichten Entwicklungsstand sowie die realisierten Projekte gemeinsam mit den dortigen Wohnungsunternehmen dokumentiert. Es entstand eine breite Palette innovativer und übertragbarer Lösungen, die zeigen, wie Rückbau, Erneuerung und ergänzender Neubau im Zusammenspiel funktionieren können.
Bezahlbar, stabil, unterschätzt: Was die Siedlungen leisten
Warum sind diese Wohnsiedlungen und Gebäudeensembles so bedeutsam?
Die kleinen Siedlungen sind wichtige Bausteine im Mosaik kleinstädtischer und ländlicher Wohnmilieus. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist bezahlbares und sicheres Wohnen für die Menschen unverzichtbar. Die Siedlungen liefern dies – und bergen immense Umbau- und Ergänzungspotenziale. Sie sind ein stabilisierender Teil kritischer Infrastruktur.
Ist das auch für die alten Länder relevant?
Auf jeden Fall. Dort gibt es nach der Anzahl sogar deutlich mehr Wohnungen in kleinstädtischen Großsiedlungen als in den neuen Ländern. Eine gesamtdeutsche Betrachtung hätte unser kleines Team überfordert. Die vorliegende Studie sehen wir als ersten Schritt, der jedoch bereits viele übertragbare Erkenntnisse geliefert hat. Für Unternehmen und Verwaltungen in Groß- und Mittelstädten dürfte es interessant sein, wie kreativ die "Kleinen" mit den gleichen Bautypen und ähnlichen Problemkonstellationen umgehen.
Wir hoffen, dass unsere Studie auf breites Interesse stößt und einen Anstoß gibt, dass sich Politik und Fachwelt mehr noch als bisher mit einem Siedlungstyp beschäftigen, der nur selten in der öffentlichen Wahrnehmung seinen Platz findet.
Kleine Großsiedlungen in kleinen Städten und im ländlichen Raum
Das Interview und einen ausführlichen Beitrag zur Studie lesen Sie in Ausgabe DW 09 2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Das gesamte Heft gibt es auch in der DW-App .
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