Bauen für die Bundeswehr: mehr und schneller
Sabotage, Spionage, Cyberattacken – Deutschland sieht sich mit einer verschärften Bedrohungslage konfrontiert. Bereits im Jahr 2022 wurde infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eine Zeitenwende in der deutschen Sicherheits- und Außenpolitik ausgerufen. Als Reaktion darauf soll die Bundeswehr verteidigungsfähig werden. 100 Milliarden Euro umfasst das Sondervermögen, das unter anderem für die Modernisierung der Infrastruktur zur Verfügung steht. Im Gebäudebereich gibt es viel zu tun.
In einigen Kasernen bröckelt in den Stuben der Putz von den Wänden, in Sanitärräumen blüht der Schimmel. Sie müssen auf Vordermann gebracht werden. Zwar wurden laut "Infrastrukturbericht der Bundeswehr 2024" in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Sanierungsstau aufzulösen – die Investitionen betrugen im Jahr 2024 rund 1,6 Milliarden Euro – dennoch bleibt die Gebäudeertüchtigung eine Herkulesaufgabe. Zudem fließt Geld in den Neubau von Unterkünften.
Kasernenbau in modularer und serieller Bauweise
Im Rahmen des im Juni 2025 begonnenen Pilotprojekts "Bundeswehr-Bauprogramm Unterkünfte" in Kooperation mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ist laut einem Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr die Errichtung von 76 Gebäuden mit mehr als 7.150 modernen Unterkünften in 31 Liegenschaften bis 2031 geplant. Weiterhin ist der Bau von 270 Kompaniegebäuden vorgesehen, in denen 40.000 Unterbringungsplätze für Wehrdienstleistende entstehen. Baubeginn: voraussichtlich 2027. Ab dann könnten auf den Liegenschaften die ersten Gebäude hochgezogen werden – in modularer und serieller Bauweise.
Die Grundlage bildet das "German Armed Forces Contractor Augmentation Program", das seit 2017 erfolgreich bei Auslandseinsätzen genutzt wird, um schnell und lageangepasst Unterbringungs- und Sanitätseinrichtungen bereitzustellen. Auf der Bundeswehrwebseite ist zu lesen, dass die Errichtung einer containerbasierten Unterkunft für 1.000 Personen in einem Einsatzcamp rund 270 Kalendertage beträgt.
Weiter heißt es dort, dass in einem Full-Service-Ansatz sämtliche Leistungen von der Planung über den Bau, bis hin zum Betrieb, unmittelbar abgerufen und zügig realisiert werden können. Es sollen vier Standard-Typengebäude bundesweit einheitlich für sämtliche Neubauten zur Anwendung kommen. Die Größen und Formen der Module für die Sanitärräume und die jeweils 35 Quadratmeter umfassenden Schlafstuben für vier Personen stehen ebenfalls fest. Laut Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ermöglicht das Programm den "Kasernenbau am Fließband". Soweit die Theorie.
Die Immobilienbranche steht in den Startlöchern
Für die Praxis kommt die Immobilien- und Bauwirtschaft ins Spiel. Hier stehen schon etliche Unternehmen in den Startlöchern, allen voran Anbieter von seriellen und modularen Bausystemen. Aus Sicht der Kleusberg GmbH & Co. KG ist die Bauweise prädestiniert, schnell und zuverlässig den immensen Bedarf der Bundeswehr zu decken, ohne Kompromisse bei der Qualität eingehen zu müssen. Das Familienunternehmen hat bereits auf dem Gelände der Universität der Bundeswehr in München fünf Wohnhäuser mit 180 Einzelunterkünften für Studierende in Modulbauweise errichtet.
Die B&O Bau GmbH wurde mehrfach von der BImA und anderen Stakeholdern angesprochen: Es ging um Überlegungen, in Holzhybridbauweise Soldatenunterkünfte zu sanieren und zu bauen. "Aus meiner Sicht stehen wir für konkretisierende Impulse seitens des Bundes bereit", sagt Joachim Siepmann, Mitglied der Geschäftsführung. Gute Lösungen habe man konzeptionell und produktionstechnisch in der Tasche.
Die schweizerische Nokera AG will sich an Ausschreibungen des Verteidigungsministeriums und der BImA beteiligen. Und Valentina Ikstadt, Vertriebsleiterin bei der Daiwa House Modular Europe GmbH, ist überzeugt: "Gerade bei Unterkünften für Soldatinnen und Soldaten, können wir mit bestehenden Lösungen unterstützen und konkrete Konzepte einbringen." Ihrer Meinung nach fehlen aber klare Vorgaben vom Bund.
Die Niederlande, wo ebenfalls mehr Unterkünfte für die Streitkräfte gebaut werden müssen, machen es anders. Hier bringt der vom Verteidigungsministerium installierte Commandopost Vastgoed (deutsch: Immobilienkommandoposten) seit Oktober 2025 Militär und Bauunternehmen an einen Tisch, damit alle an einem Strang ziehen.
Zivile Umnutzung von Militärflächen gestoppt
Doch nicht überall wird das Bauen für die Bundeswehr als Option gesehen. Zumindest gegenwärtig nicht. Für die meisten Wohnungsunternehmen ist die Bundeswehr als Kooperationspartner jedenfalls wenig interessant. Scheinbar muss erst verdaut werden, dass das Verteidigungsministerium die Umwandlungen von 187 Militärflächen zu zivilen Nutzungen, darunter für dringend benötigten Wohnraum, gestoppt hat.
Etwa in Heidelberg, wo die Konversion der 100 Hektar großen ehemaligen US-Kaserne "Patrick-Henry-Village" in einen Stadtteil für 10.000 Menschen und 5.000 Arbeitsplätze geplant war. Die Hälfte der Wohnungen sollte im preisgünstigen Segment entstehen: 30 Prozent davon gefördert, für junge Familien, Starterhaushalte (Studierende und Auszubildende) und Senioren. Oder in Kiel, wo gleich acht Standorte betroffen sind. Andernorts wird weitergeplant. In Düsseldorf beispielsweise hält die Stadt in Absprache mit der BImA am städtebaulichen Wettbewerb für das Gelände der Bergischen Kaserne im Stadtteil Hubbelrath fest. Wohl auch deshalb, weil von den beabsichtigten 1.000 Wohnungen 450 Einheiten für Bedienstete der BImA vorgesehen sind. Außerdem bleibt abzuwarten, wie endgültig das Aus tatsächlich ist.
Wohnungsunternehmen positionieren sich als Kooperationspartner
Der Immobilienkonzern Vonovia SE geht mit der Gemengelage pragmatisch um. Das Unternehmen bot sich öffentlich proaktiv an, neue Wohnungen für Soldatinnen und Soldaten zu realisieren. "Dank unserer langjährigen Erfahrung im Wohnungsbau können wir passende Unterkünfte auch für Angehörige und Beschäftigte der Bundeswehr bauen und im Rahmen von Kooperationen Belegungsrechte an die Bundeswehr, an Unternehmen und an Organisationen vergeben", so eine Sprecherin. Der Bau und die Bewirtschaftung von Wohnungen für Dritte sei Teil der Wachstumsstrategie für die kommenden Jahre.
Bei der Vivawest GmbH kann man sich ebenfalls vorstellen für die Bundeswehr die Bagger rollen zu lassen, "wenn die Rahmenbedingungen stimmen", betont Unternehmenssprecher Gregor Boldt. Konkrete Pläne gebe es aber nicht. Ohnehin könnte es zweckdienlich sein, dass Bundeswehr und Wohnungsunternehmen kooperieren, um gemeinsam sowohl Masse als auch Klasse zu erstellen, die für unterschiedliche Zielgruppen nutzbar ist. Sollte der personelle Aufwuchs der Bundeswehr dann nicht in geplanter Stärke stattfinden, ließen sich die Modulbauten kurzerhand umkonfigurieren und andernorts verwenden.
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