Lehren aus dem Berliner Stromausfall
Am 3.1.2026 begann für viele Mitarbeitende der Howoge AG in Berlin der Ausnahmezustand. An jenem Samstag verübten Personen einen Brandanschlag auf das Stromnetz, sodass in zunächst rund 45.000 Haushalten im Bezirk Steglitz-Zehlendorf der Strom und die Heizung ausfiel.
Etwa 1.800 der betroffenen Wohneinheiten sind im Bestand der Howoge – damit stand das landeseigene Wohnungsunternehmen vor gewaltigen Herausforderungen. "Auf einen Stromausfall in dieser Dimension waren wir nicht vorbereitet", so Howoge-Pressesprecherin Sabine Pentrop.
Blackout als Lehrstück für Wohnungsunternehmen
Für Wohnungsunternehmen in ganz Deutschland war der Mega-Blackout ein Weckruf – zumal sich schon vorher die Anzeichen gemehrt hatten, dass ein solcher Fall eintreten könnte. Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, zählt auf:
Der flächendeckende Stromausfall in Spanien und Portugal im letzten Jahr, eine massive hybride Kriegsführung Russlands, aber auch Cyberangriffe aus China auf die europäische Infrastruktur erfordern nach seinen Worten "eine ganz andere Breite und Tiefe der Vorbereitungen". Bereits im September 2025 kam es im Berliner Südosten, verursacht ebenfalls durch einen Anschlag, zu einem rund 60-stündigen Stromausfall. Nun gelte es, die Erfahrungen der betroffenen Berliner Wohnungsunternehmen auszuwerten und für die gesamte Branche aufzubereiten, sagt Gedaschko.
Wie sehen die Erfahrungen mit dem Stromausfall aus?
Die Howoge hatte Glück im Unglück. Das gilt besonders für die Thermometersiedlung, eine von Hochhäusern geprägte Großsiedlung im Ortsteil Lichterfelde-Süd mit 1.700 Wohneinheiten. Diese wurde bereits am Tag nach dem Blackout wieder mit Strom versorgt. Bis zum besagten 7. Januar dauerte der Stromausfall hingegen in einem Neubauprojekt mit 130 Wohnungen in der Sven-Hedin-Straße. Dort erwies sich der gute energetische Zustand der 2024 fertiggestellten Häuser als Vorteil: Zum Ende des Ausnahmezustands wurde in den Treppenhäusern immerhin noch eine Temperatur zwischen 14,5 und 16 Grad Celsius gemessen.
Während des Blackouts ließ die Howoge ihre Mieterinnen und Mieter nicht allein. "In beiden betroffenen Siedlungen haben wir unmittelbar nach Bekanntwerden des Stromausfalls unsere Krisenprozesse aktiviert und Mitarbeitende vor Ort eingesetzt", berichtet Pentrop. In der Thermometersiedlung war demnach der Quartiersleiter über viele Stunden präsent, wobei er vom Bereitschaftshausmeister unterstützt wurde. "Wir haben die Lage eng begleitet und vulnerable Haushalte gezielt aufgesucht", sagt die Sprecherin. "Zudem wurde ein durch unseren lokalen Partner betriebener Wärmeort finanziell unterstützt – inklusive Notstrom, warmen Getränken, Lebensmitteln und Lademöglichkeiten."
Ähnlich ging die Degewo AG vor, bei der in der Spitze sogar 3.500 Wohneinheiten vom Stromausfall betroffen waren. Unmittelbar nach dessen Bekanntwerden seien von der Degewo beauftragte Dienstleister vor Ort gewesen, erklärt Pressesprecher Stefan Weidelich. Diese hätten Maßnahmen eingeleitet, um die Strom-, Heizungs- und Wasserversorgung – in engem Austausch mit den zuständigen Energieversorgern – wiederherzustellen. Über die Website des Unternehmens seien die Mieter über den aktuellen Stand informiert worden. Zudem habe die Degewo gemeinsam mit dem Tochterunternehmen Sophia Unterstützungsangebote für ältere, kranke oder mobilitätseingeschränkte Bewohnerinnen und Bewohner organisiert.
Risikoanalysen und Maßnahmen für die Zukunft
"Ein Stromausfall dieser Dauer und in diesem Umfang stellte für alle Beteiligten eine außergewöhnliche Situation dar", stellt Weidelich fest. Dabei habe es sich gezeigt, dass die internen Melde- und Reaktionsketten funktioniert hätten. Derzeit würden die Ereignisse detailliert ausgewertet. "Auf dieser Grundlage", so der Pressesprecher, "wird die Degewo die bestehenden Risikoanalysen weiter vertiefen, zusätzliche Notstromlösungen prüfen und die Zusammenarbeit mit Energieversorgern, Notfallorganisationen und weiteren Partnern weiter ausbauen."
Gedanken über die Vorbereitung auf einen zukünftigen ähnlichen Fall macht sich auch die Howoge. "Wir werden die Themen Großschadenslage und Blackout noch enger in den Fokus nehmen", stellt Pressesprecherin Pentrop in Aussicht. "Im technischen Bereich prüfen wir die weitere Verbesserung und Ausweitung unserer Gebäudeausstattung insbesondere mit Blick auf die Verkehrssicherheit." Zu bedenken sei dabei die Ausrüstung der Gebäude mit kapazitätsstärkeren Speichern. Ziel sei es, die Verkehrssicherheit sicherzustellen, sodass zum Beispiel Jalousien automatisch hochfahren könnten, Klingel- und Entrauchungsanlagen funktionierten und Treppenhäuser beleuchtet seien.
WGLi als Vorreiterin unter den Wohnungsunternehmen
Dass sich auch Vermieter außerhalb Berlins mit der Möglichkeit eines langanhaltenden Blackouts befassen, liegt auf der Hand. Große Wohnungsunternehmen zeigen sich auf Anfrage allerdings nicht sehr auskunftsfreudig in Bezug auf ihre geplanten Maßnahmen. Die Wiro Wohnen in Rostock Wohnungsgesellschaft mbH beispielsweise erklärt, interne Vorbereitung getroffen zu haben, um Anlagen bestmöglich zu schützen, die Mieter zu informieren und die Auswirkungen eines Stromausfalls auf die IT abzufedern. Aus Sicherheitsgründen könnten dazu jedoch keine detaillierten Angaben gemacht werden.
Die Vivawest Wohnen GmbH teilt mit, dass es für ein Wohnungsunternehmen mit Beständen in rund hundert Kommunen schwierig sei, flächendeckend auf einen Stromausfall in der Größenordnung des Berliner Blackouts vorbereitet zu sein. In erster Linie seien die Kommunen und Energieversorger in der Verantwortung, die notwendige Infrastruktur und Krisenpläne vorzuhalten. Vivawest selbst habe sich bereits 2023 im Zusammenhang mit der damals befürchteten Gasmangellage mit dem Thema befasst und organisatorische Maßnahmen für den Einsatz von Stromerzeugern und mobilen Heizzentralen abgestimmt.
Auch die Hamburger Saga Unternehmensgruppe verweist auf die Erfahrungen mit der Energiekrise im Zuge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Die Saga habe einen Krisenstab implementiert, der Notfallpläne fortschreibe und aktualisiere. "Immanenter Bestandteil dieser Notfallpläne", heißt es, "sind Präventionsmaßnahmen, die Organisation von Notstrom- und Notheizungsversorgung, die Kommunikation im Krisenfall sowie der Schutz vulnerabler Gruppen."
Ein Wohnungsunternehmen hat die Gefahr eines großflächigen Stromausfalls allerdings sehr früh erkannt: die Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg eG (WGLi) in Berlin. Sie hatte von der Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen GmbH ein Gutachten über die Folgen eines Blackouts erstellen lassen und daraus Maßnahmen abgeleitet. Ausgangspunkt war nicht so sehr die Angst vor Terroranschlägen als vielmehr der Umbau der Energieversorgung. "Wir erkannten damals", blickt Thomas Kleindienst, bis Ende 2025 Vorstand der WGLi, zurück, "dass durch den wachsenden Anteil an regenerativen Energien die Gefahr von Instabilitäten im Stromnetz zunimmt."
Zu den Maßnahmen gehört laut Kleindienst eine Handlungsanweisung für die Hausmeister. Sie müssen bei Stromausfällen zum Beispiel kontrollieren, ob jemand in einem Aufzug eingesperrt ist. Die Kommunikation erfolgt in diesem Fall über eigene Funktelefone. "Außerdem haben wir für die oberste Etage der Geschäftsstelle ein Notstromaggregat angeschafft, sodass diese Etage als Treffpunkt für den Krisenstab mit den leitenden Mitarbeitern der Genossenschaft dienen kann", sagt Kleindienst.
Eigeninitiative der Mieter einfordern
Darüber hinaus hat die WGLi für die Bewohner und Bewohnerinnen der mehr als 10.000 Wohneinheiten ein sechsseitiges Merkblatt mit konkreten Ratschlägen erarbeitet. "Sie sollten zum Beispiel über einen Wasservorrat und eine ausreichende Zahl an Kerzen verfügen", sagt Kleindienst. Außerdem erhielt jeder Mieterhaushalt eine dynamobetriebene Taschenlampe. "Denn eines muss klar sein", betont der ehemalige WGLi-Vorstand: "Wenn es zu einem großen Stromausfall kommt, ist eine Genossenschaft nicht in der Lage, 22.000 Menschen zu unterstützen. Wir appellieren deshalb an unsere Mitglieder, sich eigenständig zu behelfen und um ihre Nachbarn zu kümmern."
Diesen Aspekt hebt auch GdW-Präsident Gedaschko hervor. "Nur wenn jede Mieterin, jeder Mieter auch selbst für mehrere Tage für sich sorgen kann, bleibt eine schwierige Situation beherrschbar", stellt er fest. Daher will der GdW noch in diesem Jahr die Mieterhaushalte seiner Mitgliedsunternehmen über verschiedene Kanäle darüber informieren, welche private Vorsorge erforderlich ist. Bereits im November 2025 – also vor dem großen Berliner Blackout – hat der GdW eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Resilienz, Krisen und Katastrophen" eingerichtet. Derzeit erarbeitet der Verband zusammen mit seinen Regionalverbänden Leitfäden und Checklisten. Geplant sind zudem Informationsveranstaltungen zur Frage, wie sich die Wohnungsunternehmen auf den Ausfall von Strom, Heizung, Mobilfunk, Wasser, Geldversorgung und Internet vorbereiten können.
Wichtig, sagt Gedaschko, sei aber auch ein grundsätzlicher Aspekt: Weil Wohnungsunternehmen keine Betreiber kritischer Infrastrukturen seien, seien sie kaum in Notfallübungen sowie Abstimmungs- und Koordinierungsprozesse eingebunden. "Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von den Sektoren Wasser, Abwasser und Energie sehr hoch und beeinflusst direkt unsere Fürsorgeaufgabe." Der GdW-Chef sieht hier eine Lücke, die in Zukunft geschlossen werden muss.
Das ist ein Beitrag ist aus der Ausgabe 03/2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Sichern Sie sich den vollen Zugang über den Shop.
Weitere Informationen: Website Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe |
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