"Lippenbekenntnisse zum bezahlbaren Wohnen reichen nicht"
Während der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum vielerorts stetig wächst, führen umfangreiche Regelungen und langwierige Genehmigungsverfahren immer häufiger zu Verzögerungen oder zum Scheitern von Bauprojekten. GdW-Präsident Axel Gedaschko fordert pragmatische Lösungen und eine stärkere Berücksichtigung sozialer Aspekte in Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Herr Gedaschko, wir erleben immer häufiger Zielkonflikte zwischen Wohnungsbau und Naturschutz. Wo liegen die größten Spannungen?
Axel Gedaschko: Die Spannungen entstehen dort, wo unterschiedliche gesellschaftliche Ziele ohne klare Priorisierung nebeneinanderstehen. Auf der einen Seite wächst der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum kontinuierlich, vor allem in Städten und Wachstumsregionen.
Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren eine massive Ausweitung von Regelungen unter anderem im Natur-, Arten- und Klimaschutz erlebt. In der Praxis führt das zu Situationen, in denen Wohnprojekte über Jahre verzögert oder ganz verhindert werden. Das Beispiel "Wohnen versus Fledermaus" bringt diesen Zielkonflikt zugespitzt auf den Punkt. Es geht dabei weniger um den Schutz einzelner Arten an sich, sondern um die Frage, ob Verfahren noch verhältnismäßig sind.
Sie sprechen von fehlender Priorisierung. Müsste das Menschenrecht auf Wohnen aus Ihrer Sicht stärker gewichtet werden als andere Schutzgüter?
Es geht nicht um ein Ausspielen von Grundwerten gegeneinander, sondern um eine ehrliche Abwägung. Wohnen ist eine elementare Voraussetzung für soziale Teilhabe, für Bildung, für Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wenn Menschen keine bezahlbare Wohnung finden, hat das massive soziale Folgen. Deshalb muss das Menschenrecht auf Wohnen in Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich stärker berücksichtigt werden. Heute erleben wir häufig, dass ökologische Belange faktisch ein Vetorecht haben, während soziale Aspekte nachrangig behandelt werden. Das ist aus unserer Sicht nicht mehr ausgewogen.
"Fokus sollte auf Bezahlbarkeit liegen"
Wie lassen sich Wohnraumbedarf und Natur- und Artenschutz mit dem Wohl der Mieterinnen und Mieter in Einklang bringen?
Vor allem durch Pragmatismus und konsequente Planung. Wichtig ist: Naturschutz muss im Ergebnis wirken. Wenn ein Bauprojekt mit hunderten Wohnungen verhindert wird, ohne dass der tatsächliche ökologische Nutzen klar erkennbar ist, dann hilft das weder der Natur noch den Menschen. Mieterinnen und Mieter profitieren von grünen, lebenswerten Quartieren, aber ebenso von bezahlbaren Mieten und verlässlichen Bauzeiten.
Gibt es positive Beispiele, wo dieser Ausgleich bereits gelingt?
Ja, durchaus. In vielen Quartiersentwicklungen der Wohnungswirtschaft sehen wir intelligente Lösungen mit dem Fokus auf Bezahlbarkeit. Dort, wo Kommunen kooperativ begleiten und Genehmigungsbehörden lösungsorientiert arbeiten, kann Wohnungsbau unter Einbeziehung aller Belange zu einer Aufwertung beitragen. Das zeigt: Es geht, wenn der Wille zur Abwägung da ist.
Nachvollziehbarkeit steigert Akzeptanz von Naturschutz
Wo schießen die bestehenden Verordnungen über das Ziel hinaus?
Problematisch ist vor allem die starre Anwendung von Regelwerken ohne Blick auf den Gesamtzusammenhang. Wenn Bauvorhaben wegen minimaler Eingriffe oder beispielsweise einzelner Formfehler gestoppt werden, geraten Kosten und Zeitpläne völlig aus dem Ruder.
Das verteuert den Wohnungsbau massiv. Am Ende zahlen das die Mieterinnen und Mieter, entweder durch höhere Mieten oder durch fehlenden Wohnraum. Hier brauchen wir dringend mehr Flexibilität und Rechtssicherheit.
Welche Rolle spielt dabei die Akzeptanz in der Bevölkerung?
Eine sehr große. Wenn Menschen erleben, dass dringend benötigte Wohnungen nicht gebaut werden können, weil Verfahren unverständlich oder widersprüchlich erscheinen, untergräbt das das Vertrauen in staatliches Handeln.
Gleichzeitig ist die Akzeptanz für Naturschutz hoch, wenn er nachvollziehbar und sinnvoll umgesetzt wird. Politik und Verwaltung müssen erklären können, warum Entscheidungen getroffen werden und warum in bestimmten Fällen das soziale Ziel des Wohnens Vorrang erhält. Transparenz und Verständlichkeit sind hier entscheidend.
Kein gegenseitiges Ausspielen von Grundwerten
Welche konkreten Vorschläge bringt der GdW zur Lösung dieser Konflikte ein?
Wir fordern einen klaren Abwägungsvorrang für bezahlbares Wohnen im Planungs- und Baurecht. Das Menschenrecht auf Wohnen muss sich auch rechtlich widerspiegeln. Zudem setzen wir uns für beschleunigte Genehmigungsverfahren, mehr Standardisierung und eine stärkere Typisierung von Bau- und Prüfprozessen ein. Naturschutzregelungen sollten regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft und dort angepasst werden, wo sie unverhältnismäßig wirken.
Unser Ziel ist ausdrücklich kein Absenken von Schutzstandards, sondern ein praxistaugliches Gleichgewicht zwischen ökologischer Verantwortung und sozialer Realität.
Was erwarten Sie von der Politik in den kommenden Jahren?
Die Politik muss den Mut haben, Prioritäten zu setzen. Lippenbekenntnisse zum bezahlbaren Wohnen reichen nicht aus, wenn gleichzeitig immer neue Hürden aufgebaut werden. Wir brauchen klare politische Leitlinien, die Planungssicherheit schaffen und Zielkonflikte auflösen, statt sie weiter zu verschärfen.
Das Menschenrecht auf Wohnen darf nicht im Dickicht der Regulierung verloren gehen. Es ist Zeit, wieder stärker vom Ergebnis her zu denken: gut, bezahlbar und nachhaltig wohnen für alle.
Das Interview ist eine Vorabveröffentlichung aus der Ausgabe 03/2026 der "DW Die Wohnungswirtschaft". Sichern Sie sich den vollen Zugang über den Shop.
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