Wie man Müllbergen zu Leibe rückt
Wenn in Berlin Vermüllung thematisiert wird, richtet sich der Blick oft auf die in den 1960er Jahren errichteten Großsiedlungen, wie beispielsweise die Siedlung Heerstraße Nord im Ortsteil Staaken. Dort war und ist das Problem so gravierend, dass der Gemeinwesenverein Heerstraße Nord 2023 die Kampagne "Staaken keep it clean" startete. Dazu gehört ein vom Musikduo Ich & Herr Meyer getexteter Song, der das Problem so zusammenfasst: "Neulich hab’ ich vom Balkon mal meine Area gecheckt, und da hab’ ich was entdeckt, und das hat mich voll erschreckt: Hier überall liegt Müll, in jeder Ecke Dreck, manche schmeißen einfach alles achtlos weg."
Was das Duo schildert, ist bundesweit ein Problem. "Wir stellen fest, dass in den letzten Jahren die Motivation zur Abfalltrennung geringer und das Abfallaufkommen höher geworden sind", sagt Anja Klomann, die bei der Musterknaben eG für Marketing und Kommunikation zuständig ist. Die Dienstleistungsgenossenschaft ist für Wohnungsunternehmen im Bereich Abfallmanagement tätig. Klomann führt die Entwicklung unter anderem auf die wachsende Zahl von Online-Bestellungen und die dadurch gestiegene Menge an Kartonagen zurück.
Hinzu kommt die Komplexität des deutschen Mülltrennsystems. "Dieses stellt insbesondere Menschen, die neu nach Deutschland gekommen sind, vor Herausforderungen", stellt Jens Gardemann fest, Prokurist und Vertriebsleiter bei der Musterknaben eG. "Viele kannten vorher nur einen Müllsack für sämtliche Abfälle."
Entsorgungskosten können beachtlich sein
Für die Mieterinnen und Mieter bedeutet der sorglose Umgang mit Abfällen nicht nur einen Verlust an Wohnqualität, sondern auch eine finanzielle Belastung. Das gilt besonders für die Ablagerung von Sperrmüll, die Anja Klomann von der Musterknaben eG als "großes Problem" bezeichnet. Denn wenn der Vermieter Sperrmüll entsorgen lässt, finden sich diese Kosten in der Betriebskostenabrechnung wieder.
Die entsprechenden Beträge können beachtlich sein: Laut der Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin, die 2019 im Quartier Heerstraße Nord tausende Wohnungen von der Ado Properties S.A. übernommen hatte, bezahlten die Mieter dort 2024 monatlich 0,13 Euro pro Quadratmeter für die Entsorgung von unsachgemäß abgelagertem Müll. Bei einer 70 Quadratmeter großen Wohnung kommen so jährlich rund 110 Euro zusammen. In anderen Großwohnsiedlungen der Gewobag werden hingegen monatlich nur 0,01 Euro pro Quadratmeter fällig.
Die Entwicklung sei sehr unterschiedlich, sagt denn auch Gewobag-Pressesprecher Sebastian Schmidt. "In Großsiedlungen ist das Problem der illegalen Müllentsorgung deutlich ausgeprägter als in kleineren, überschaubaren Wohnanlagen“, erklärt er. Das deckt sich exakt mit der Beobachtung von Jens Gardemann. "Je größer und anonymer ein Wohngebiet ist, umso größer ist das Risiko eines Müllproblems", bringt er den Sachverhalt auf den Punkt.
Information möglichst niedrigschwellig vermitteln
Bei der Bekämpfung des Müllproblems setzen Wohnungsunternehmen und Dienstleister darauf, die Mieterinnen und Mieter mit Flyern und Broschüren über Abfalltrennung und -vermeidung zu informieren. "Diese Information muss niedrigschwellig sein", betont Musterknaben-Sprecherin Klomann. Das bedeutet, dass die Materialien möglichst wenig Text enthalten dürfen und bebildert sein müssen, um sprachliche Barrieren zu umschiffen.
"Allerdings", räumt die Expertin ein, "wird reine Information Abfallprobleme nicht komplett lösen." Sinnvoll sei dieser Ansatz trotzdem. "Wir werden nie alle Menschen erreichen", sagt Klomann. "Aber einen von hundert von der Sinnhaftigkeit der Abfalltrennung zu überzeugen, ist besser, als keinen zu erreichen."
Um die Menschen tatsächlich zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen, gehen viele Wohnungsunternehmen auch direkt in die problematischen Quartiere. Die Berliner Gewobag beispielsweise hat das Format der Recycling-Rallye entwickelt, die Kinder mit spielerischen Angeboten für den richtigen Umgang mit Müll sensibilisiert. Zur Rallye gehören ein Parcours, auf dem Abfall gesammelt und getrennt wird, sowie ein Umfüllspiel, bei dem Lebensmittel von Plastikverpackungen in Glasbehälter umgepackt werden.
"Wir beobachten, dass dieser spielerische Ansatz Barrieren abbaut“, berichtet Gewobag-Pressesprecher Sebastian Schmidt. "Kinder werden zu kleinen Umweltprofis und tragen dieses Wissen als Multiplikatoren direkt in ihre Familien und Haushalte. Damit erreichen wir eine Sensibilisierung, die weit über den Aktionstag hinausgeht."
Ähnliche Beobachtungen macht Klomann von der Musterknaben eG, die selbst regelmäßig auf Mieterfesten über den richtigen Umgang mit Abfall informiert: "Die persönliche Präsenz ermöglicht es, sofort Fragen zu beantworten und Irrtümer zu korrigieren – zum Beispiel den weitverbreiteten Irrtum, am Schluss werde sowieso der gesamte Müll zusammengekippt. So etwas kann keine Broschüre leisten."
Von guten Erfahrungen mit solchen Vor-Ort- Aktionen berichtet auch die Vonovia SE. In Dortmund arbeitet das Unternehmen dabei mit der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG) zusammen. "Das EDG-Infomobil bietet vor Ort anschauliche und spielerische Informationsangebote rund um das Thema Müll, sodass wir viele Mieter direkt erreichen", sagt Nora Woker, Quartiersentwicklerin im Vonovia-Geschäftsbereich West in Dortmund.
In Hamburg kooperiert die Vonovia bei solchen Aktionen mit der Stadtreinigung Hamburg. Laut Angelika Eckhoff, Vonovia-Quartiersmanagerin Region Hamburg, finden diese Veranstaltungen in den Nachmittagsstunden und vor den Sommerferien statt, sodass auch hier viele Kinder teilnehmen und das Erlernte im Anschluss an ihre Eltern weitergeben können.
Tatsächlich zeigen sich Erfolge: In den Vonovia-Beständen in Dortmund-Westerfilde oder Hamburg-Wilhelmsburg hat das Unternehmen nach eigenen Angaben in den letzten Jahren deutliche Fortschritte bei der Mülltrennung und der Verringerung illegaler Sperrmüllablagerungen erzielt. "Besonders dort, wo wir gezielt mit regelmäßigen Informationsangeboten, klarer Beschilderung und Aktionen vor Ort arbeiten, zeigt sich eine spürbare Verbesserung", heißt es aus der Bochumer Konzernzentrale.
Kriterien für den optimalen Müllplatz
Um das Müllproblem zu entschärfen und die Trennqualität zu verbessern, können Wohnungsunternehmen aber noch mehr tun. Fehlbefüllungen lassen sich laut Klomann verringern, wenn die Restmülltonnen am Eingang des Müllplatzes platziert werden. Dahinter sollten die Papiertonne, die gelbe Tonne und ganz hinten ("für die Trennprofis") die Biomülltonne stehen; die Reihenfolge sollte also den zunehmenden Schwierigkeitsgrad des Trennens abbilden. Außerdem empfiehlt Klomann, den Standort des Müllplatzes so auszuwählen, dass die Wege für Entsorger und Mieter kurz sind, gleichzeitig aber die Anlieferung von Abfall durch Externe erschwert wird.
"Ein optimaler Müllstandplatz ist aufgeräumt, gut sichtbar und komfortabel zugänglich", sagt Nina Hoppe, Sachgebietsleiterin Wohnungswirtschaft bei der Stadtreinigung Hamburg. Auch sie rät dazu, die Restmüllbehälter so zu platzieren, dass sie am leichtesten erreichbar sind, da dadurch Fehlwürfe reduziert würden. "Außerdem sollten die Trennbehälter (Papier, Bio, Wertstoffe) gut sichtbar gekennzeichnet sein, damit die Abfalltrennung einfach bleibt." Laut Hoppe verhindern eine klare Kennzeichnung mit Piktogrammen und die Verwendung der jeweiligen Standardfarben für die vier Müllsorten Fehlwürfe. "Zusätzlich", sagt Hoppe, "sind Hinweisschilder an den Standplätzen oder Flyer für die Bewohnerinnen und Bewohner sinnvoll, um Fehlbefüllungen nachhaltig zu reduzieren."
Zusätzlichen Komfort können laut der Stadtreinigung Hamburg Unterflurlösungen bieten. "Unterflurmüllsysteme sind besonders im Neubau sinnvoll, aber auch im Bestand gut umsetzbar“, erklärt Jan Pelka, Vertriebsleiter Großkunden. "Im Bestand bieten sie vor allem bei Objekten mit vielen oberirdischen Behältern oder Kellerstandplätzen Vorteile, weil sie Platz schaffen und Nebenkosten senken können."
Voraussetzung dafür sei ein geeigneter Standort ohne störende Bäume oder Leitungen im Boden. Ideal ist laut Pelka die Kombination mit anstehenden energetischen Sanierungen, da sich die Kosten für den Einbau von Unterflurmüllsystemen deutlich reduzieren, wenn ohnehin Arbeiten stattfinden und Baugeräte vor Ort sind.
Umgang mit Sperrmüll
Dann bleibt aber immer noch das Sperrmüllproblem bestehen. Für große Wohnanlagen empfiehlt Nina Hoppe von der Stadtreinigung Hamburg die Durchführung von Sperrmüllaktionstagen, bei denen Mieterinnen und Mieter an einem festgelegten Termin ihren Sperrmüll direkt am Objekt abgeben können. "Eine jährliche Wiederholung solcher Aktionen", sagt Hoppe, "verhindert wirksam Ablagerungen an den Müllstandplätzen."
Was aber tun, wenn befleckte Matratzen, defekte Schreibtischstühle und uralte Regale trotzdem einfach so hingestellt werden? Jens Gardemann von der Musterknaben eG empfiehlt für diesen Fall, Sperrmüll so schnell wie möglich zu entsorgen. Dafür nennt er zwei Gründe: Zum einen würden aus einem Kubikmeter Sperrmüll im Wohnumfeld innerhalb von 48 Stunden leicht 4 oder 5 Kubikmeter. Zum anderen spiele auch die Verkehrssicherungspflicht eine Rolle; Sperrmüll stelle eine erhebliche Brandlast dar. Gardemann verschweigt allerdings auch die Kehrseite der Medaille nicht: "Es besteht die Gefahr, dass man die Mieter in die falsche Richtung erzieht und sie sich daran gewöhnen, Sperrmüll nur noch auf diesem Weg zu entsorgen."
Im Idealfall aber wirkt sich die Kombination der geschilderten Maßnahmen positiv aus. So verhält es sich jedenfalls im Song des Duos Ich & Herr Meyer, an dessen Ende es mit einem utopischen Blick auf das Quartier Heerstraße Nord heißt: "Schaut auf diese Pracht, wir haben es geschafft, ein Hoch auf das ganze Team Nachbarschaft. Denn am Ende geht es nur, wenn wirklich alle mitziehen. Wir haben nur eine Welt – and we got to keep it clean."
Das ist ein Beitrag ist aus der Ausgabe 03/2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Sichern Sie sich den vollen Zugang über den Shop.
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