Digitaler Gebäuderessourcenpass

Der digitale Gebäuderessourcenpass wird im Koalitionsvertrag beworben und in der Immobilienbranche sehnsüchtig erwartet. Doch es geht nicht wirklich voran. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) liefert der Bundesregierung nun konkrete Vorschläge, damit sie zügig tätig wird.

Mit großer Spannung war die Veröffentlichung des Koalitionsvertrags der neuen Bundesregierung erwartet worden – auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Und tatsächlich enthält das Dokument mit dem Titel "Mehr Fortschritt wagen" viele Passagen, die all denen, die sich seit Jahren für mehr Nachhaltigkeit in der Branche einsetzen, positiv stimmten. Das betraf auch die Ankündigung, einen digitalen Gebäuderessourcenpass einführen zu wollen, mit dem Ziel, "die Grundlagen (zu) schaffen, (um) den Einsatz grauer Energie sowie die Lebenszykluskosten verstärkt betrachten zu können."

Was dem Absatz im Koalitionsvertrag fehlte, war die Konkretisierung, was der Gebäuderessourcenpass inhaltlich umfassen sollte. Das führte in den vergangenen Monaten dazu, dass zahlreiche Organisationen das angekündigte Instrument mit eigenen Deutungen für sich nutzten. Das Ergebnis: eine weitgehende Verwirrung und viele offene Fragen.

"Bei dem Thema ist es wichtig, dass wir Tempo aufnehmen und vorhandenes Wissen nutzen", sagt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB. Aus diesem Grund entwickelte die Non-Profit-Organisation mit dem neu gegründeten DGNB Ausschuss für Lebenszyklus und zirkuläres Bauen in den vergangenen Monaten einen konkreten Vorschlag und stellten diesen zur Kommentierung bereit. Das Ziel: Mehr Geschwindigkeit bei der Einführung des Instruments und mehr Akzeptanz für die Anwendung.

Gebäuderessourcenpass: Grundkonzept und Ziel

Der Gebäuderessourcenpass lehnt sich an die Idee des erfolgreich etablierten Energieausweises an. Das grundlegende Prinzip dabei: In dem Ressourcenpass sollen individuell für jedes Gebäude die wesentlichen Informationen rund um den Ressourcenverbrauch, die Klimawirkung und die Kreislauffähigkeit transparent angegeben werden. Er soll die nötigen Informationen zur Verfügung stellen, um Ressourcen in verschiedenen Szenarien wie Urban Mining, Sanierung und Abbruch bestmöglich zu nutzen.

Langfristig schafft er die Grundlage für eine konsistente Kreislaufwirtschaft im Bausektor, in der frühe und späte Lebenszyklusphasen (Produktdesign und Produktrecycling) optimal miteinander koordiniert und verzahnt sind. Erforderlich dafür sind die vollständige Transparenz über verbaute Materialien und Komponenten, ihrer Werte und Besitzverhältnisse.

Fokus auf Inhaltsstoffe, Umweltwirkungen und zirkuläre Nutzung

Bei der inhaltlichen Ausgestaltung ihres Entwurfs hat sich die DGNB an sechs übergeordneten Bereichen orientiert. Zu Beginn steht die Abfrage von allgemeinen Informationen zur Immobilie wie Standort, Baujahr und Art der Bauweise. Des Weiteren soll unter anderem die Gesamtmasse des Gebäudes erfasst werden. Ein wesentlicher Fokus des Instruments liegt auf Angaben zu den verbauten Inhaltsstoffen sowie zur Verwendung zirkulärer Wertstoffe. Eine Auflistung der eingesetzten Materialarten ist ebenso gefragt wie Angaben zum Einsatz kritischer Inhaltsstoffe. Neben den Bau- und Abbruchabfällen wird auch der Anteil nachwachsender Rohstoffe sowie wiederverwendeter oder rezyklierter Materialien erfasst.

Der Ressourcenpass soll zudem Transparenz liefern hinsichtlich der Umweltwirkungen eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus, genauer über eine Referenznutzungsdauer von 50 Jahren. Im Entwurf der DGNB werden die ökobilanziell ermittelten Treibhausgasemissionen des Bauwerks ebenso ausgewiesen wie dessen Primärenergiebedarf aus nicht-erneuerbaren Energiequellen.

Durch die verpflichtende Auseinandersetzung mit den verbauten Massen soll der verantwortungsbewusste Umgang mit Ressourcen gefördert und ein Bewusstsein für deren Wert geschaffen werden. Abgefragt wird in diesem Sinne auch, ob ein Konzept zur möglichen Anpassung des Gebäudes für weitere Nutzungen erstellt wird. Gleiches gilt für eine möglichst zerstörungsfreie Demontage sowie zur sortenreinen Trennung im Falle eines Umbaus oder Rückbaus. In diesem Zusammenhang sollen die perspektivischen Nachnutzungswege der verbauten Materialien dargelegt werden. Letztlich fragt der Gebäuderessourcenpass noch ab, ob eine digitale Dokumentation der Zirkularität des Gebäudes vorhanden ist und ob diese regelmäßig aktualisiert wird.

Mehr als eine reine Bestandsaufnahme

All die genannten Aspekte sind im Sinne der DGNB Mindestinformationen eines Gebäuderessourcenpasses. Zusätzlich will die DGNB zur Angabe weiterer Informationen rund um die zirkuläre Nutzung der Immobilie motivieren. Zu den freiwillig auszufüllenden Punkten zählen der Flächennutzungsgrad des Gebäudes sowie der Anteil von Flächen im Gebäude, die zur Mehrfachnutzung vorgesehen sind. Auch der Flächenbedarf je Bezugseinheit – bei Büroimmobilien die Quadratmeter pro Arbeitsplatz – sollen bestenfalls zusätzlich ausgewiesen werden.

"Die Zusammenstellung der Inhalte macht deutlich, dass es uns nicht singulär um eine reine Förderung der Kreislauffähigkeit oder die Minimierung der CO2-Emissionen in der Konstruktion geht", erklärt Lemaitre. "Vielmehr brauchen wir das intelligente Zusammenspiel all der genannten Komponenten und die dazugehörige Planungskompetenz, um diese Themen ganzheitlich in reale Gebäude zu überführen. Denn der Gebäuderessourcenpass sollte neben der reinen Bestandsaufnahme auch eine Zielstellung geben, worauf es bei allen künftigen Gebäuden ankommt im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz."

Großes Interesse und positive Resonanz auf Entwurf

Zahlreiche Organisationen nutzten die Möglichkeit zur Kommentierung auf den von der DGNB vorgestellten Entwurf – ein gutes Zeichen dafür, dass das grundlegende Interesse aus der Branche an der zeitnahen Einführung des Instruments da ist. Dabei gab es viel positive Resonanz auf die veröffentlichte Fassung. So bezogen sich die inhaltlichen Anmerkungen eher auf konkrete technische Details in den einzelnen Kriterien.

Auch von politischer Seite wurde der Wunsch nach einem vertieften Austausch zum Gebäuderessourcenpass geäußert. Um diese Impulse in die Weiterentwicklung des Instruments mit einzubeziehen, wird die DGNB die finale Fassung des Gebäuderessourcenpasses im Nachgang veröffentlichen. Angedacht ist es, im Nachgang zum Testen an realen Projekten zu motivieren.

Gebäuderessourcenpass: Der DGNB-Entwurf steht in aggregierter Form zum Download zur Verfügung. Außerdem gibt es auf der Webseite ein Dokument mit Detailanforderungen, in dem auch der Bezug zur EU-Taxonomie, zum Berichtsrahmen Level(s) sowie zur DGNB-Zertifizierung genannt wird.


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Schlagworte zum Thema:  Gebäude, Bauwirtschaft, Immobilienwirtschaft