Strategiepapier: Die EU-"Renovierungswelle" kommt

Die EU-Kommission will eine "Renovierungswelle" auslösen, um den Gebäudebestand bis 2030 klimafit zu machen. Eine neue Strategie gibt die grobe Linie vor: Es muss mehr saniert werden, Energiesparvorgaben und Standards werden strenger – aber Immobilieneigentümer können auch auf Finanzhilfen hoffen.

Betroffen sind in der Europäischen Union (EU) 35 Millionen Gebäude, die bis 2030 saniert werden müssen. Um das zu erreichen, muss sich die Renovierungsquote im Bestand in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln: Statt bisher etwa ein Prozent pro Jahr sollen laut EU-Kommission zwei Prozent modernisiert werden.

In ihrem neuen Strategiepapier, das am 14. Oktober veröffentlicht wurde, gibt die Kommission zunächst die grobe Richtung für die sogenannte "Renovierungswelle" im Rahmen des Green Deals vor. Konkrete (nationale) Gesetze sollen in den kommenden Monaten auf den Weg gebracht werden. Die Grünen-Partei und die Deutsche Umwelthilfe begrüßten die EU-Strategie-Pläne und forderten die Bundesregierung auf, diese bald umzusetzen. Bis zu 160.000 zusätzliche grüne Arbeitsplätze im Baugewerbe könnten entstehen, teilte die Brüsseler Behörde mit.

Strengere Energievorgaben und Finanzhilfen

In Gebäuden werden 40 Prozent der in der EU benötigten Energie verbraucht und 36 Prozent der Treibhausabgase verursacht. Um das von der EU-Kommission vorgeschlagene Ziel einer Senkung der Klimaabgase um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 bis 2030 zu erreichen, müsste der CO2-Ausstoß aus Gebäuden um 60 Prozent gesenkt und der Energiebedarf um 14 Prozent verringert werden, rechnet die Kommission vor. Dafür werden vor allem neue Heizsysteme, Fenster oder eine funktionierende Dämmung nötig.

Gebäudesanierung ist nach Angaben der Kommission einer der Bereiche, in denen die Investitionslücke in der EU am größten ist. Zusätzlich rund 275 Milliarden Euro müssten europaweit in die Renovierung von Gebäuden investiert werden. Damit bis 2030 das Klimaziel erreicht wird, plant die Kommission striktere Vorgaben für den Energieverbrauch einschließlich einer schrittweisen Einführung von Mindeststandards für bestehende Gebäude ab Ende 2021. Gleichzeitig soll es leicht zugängliche finanzielle Unterstützung geben, unter anderem aus dem Corona-Aufbauplan "Next Generation EU".

"Eine höhere Sanierungsquote im Gebäudebestand wird einen wichtigen Beitrag leisten, damit Europa langfristig seine Klimaziele erreicht", kommentierte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) die Pläne zur EU-"Renovierungswelle".

Wohnungswirtschaft sieht energetische Mindeststandards skeptisch

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen warnte davor, dass die Energiewende zum "sozialen Spaltpilz" werden könnte. Um die "hoch gesteckten", gesellschaftlich und politisch gewollten Klimaziele zu realisieren, sei eine wirksame finanzielle Unterstützung unabdingbar. "Andernfalls wird Klimaschutz beim Wohnen gleichbedeutend mit Mieterhöhungen bis hin zu Verdrängung", sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko.

Die Vorstellungen der EU-Kommission von verbindlichen energetischen Mindeststandards lösten das Problem mangelnder Wirtschaftlichkeit und Mietzahlungsfähigkeit nicht, könnten aber dazu führen, dass bezahlbare Wohnungen "wegsaniert" würden. Wohnungsunternehmen müsse es insbesondere ermöglicht werden, Strom vor Ort durch erneuerbare Energien und als Nebenleistung zur Vermietung zu erzeugen.

"Neben Mieterstrommodellen sollte die Senkung von CO2-Emissionen mit Blick auf die Zusammenhänge in ganzen Wohnquartieren im Fokus stehen." GdW-Präsident Axel Gedaschko

Wichtig sei, dass die Klimaschutz-Maßnahmen im Gebäudebestand unter den Voraussetzungen von Wirtschaftlichkeit und Technologieoffenheit getroffen würden "und alle Nutzungsklassen miteinbezogen werden", ergänzte Dr. Andreas Mattner, Präsident der Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Die im Dossier enthaltenen Initiativen müssten mit der Branche intensiv diskutiert werden.

Dossier: EU-Strategie für eine "Renovierungswelle" im Kurz-Überblick

  • Strengere Vorschriften, Standards und Informationen in Bezug auf die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden; z.B. schrittweise Einführung verbindlicher Mindestnormen für die Gesamtenergieeffizienz bestehender Gebäude, aktualisierte Vorschriften für Energieeffizienzausweise und eine etwaige Ausweitung der Renovierungsanforderungen für den öffentlichen Sektor.
  • Gewährleistung einer leicht zugänglichen und gezielten Finanzierung, unter anderem durch die europäischen Projekte "Renovieren" und "Vorantreiben" im Rahmen von "Next Generation EU" sowie vereinfachte Regeln für die Kombination verschiedener Finanzierungskanäle und Anreize für private Finanzierungen.
  • Ausbau der Kapazitäten für die Vorbereitung und Realisierung von Renovierungsprojekten. Zum Beispiel: technische Unterstützung der nationalen und lokalen Behörden bis hin zu Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen der neuen "grünen" Arbeitnehmer.
  • Ausweitung des Marktes für nachhaltige Bauprodukte und -leistungen: etwa Integration neuer Werkstoffe und naturbasierte Lösungen sowie die Überarbeitung der entsprechenden Rechtsvorschriften.
  • Ein neues "europäisches Bauhaus": das soll ein interdisziplinäres Projekt sein, dem ein Beratungsgremium aus externen Sachverständigen aus Wissenschaft, Architektur, Design, Kunst, Planung und Zivilgesellschaft vorstehen wird. Bis Sommer 2021 will die EU-Kommission einen partizipativen Prozess einleiten. In Folge soll 2020 ein Netz von fünf Gründungs-Bauhäusern in verschiedenen EU-Ländern eingerichtet werden.
  • Entwicklung von stadtteilbezogenen Konzepten für lokale Gemeinschaften, um auf erneuerbaren Energien und Digitalisierung basierende Lösungen zu integrieren und Bezirke mit ausgeglichener Energiebilanz zu schaffen. Die Strategie umfasst auch eine für 100 Bezirke ausgelegte Initiative für bezahlbaren Wohnraum.

EU-Strategie für eine Renovierungswelle (engl.)


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Schlagworte zum Thema:  Klimaschutz, EU-Kommission, Sanierung