Ohne Digitalisierung  kann es keine Nachhaltigkeit geben

Der digitale Urknall rund um Immobilien und Bauen ist bislang ausgeblieben, wundert sich Alexander Ubach-Utermöhl, CEO des auf die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft spezialisierten Accelerators blackprint Booster. Diese Behäbigkeit wird sich die Branche bald wohl nicht mehr leisten können.

Es ist schon erstaunlich. Die Digitalisierung kann dabei helfen, Kernaufgaben in unserem täglichen Geschäft wie die Kommunikation mit Mietern oder die Buchhaltung deutlich effizienter zu lösen. Unternehmen können so nicht nur Kosten sparen, sondern sich auch gegen den Fachkräftemangel wappnen. Und wer mithilfe neuer Technologien systematisch die im Unternehmen anfallenden Daten auswertet, kann durch neue Angebote sogar die eigene Wertschöpfung erweitern.

Für einen klugen Kaufmann sollten dies überzeugende Argumente für eine stärkere Digitalisierung sein. Eigentlich. Doch einen überwiegenden Teil der Bau- und Immobilienunternehmen konnte das anscheinend bislang nicht überzeugen.

Wirkliche Anstrengung war das nicht, was viele Branchenfirmen in puncto Nachhaltigkeit bisher unternommen haben

Zwar hat die Covid-19-Pandemie der Digitalisierung in unserer Branche einen Schub verliehen, denn viele Unternehmen haben die Möglichkeiten neuer Technologien erst während des Lockdowns wirklich zu schätzen gelernt. Trotzdem: Obwohl die Corona-Krise uns allen die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer größeren Innovationsbereitschaft vor Augen geführt hat, ist der digitale Urknall bislang ausgeblieben. Was wir aktuell beobachten, ist eher ein laues Sommergewitter. Da kann man schon ernsthaft ins Grübeln kommen. Was muss denn noch passieren, damit unsere Branche in puncto Digitalisierung endlich richtig in Fahrt kommt?

Die gute Nachricht ist: Er wird kommen, der große Knall. Und zwar mit einer derartigen Wucht und so flächendeckend, dass sich kein Unternehmen länger vor ihm wegducken kann.

Auslöser werden allerdings nicht – wie teilweise befürchtet – branchenfremde Unternehmen sein, die die Immobilienwirtschaft erobern. Was die handfesten Vorteile der Digitalisierung in normalen wie auch in Krisenzeiten allein nicht bewegt haben, werden nun stattdessen die Nachhaltigkeitsanforderungen der Europäischen Union und der Vereinten Nationen bewirken. Oder, um es noch deutlicher zu sagen: die regulatorischen Zwänge, die damit einhergehen werden.

Die Kriterien Environment, Social und Governance, kurz ESG, oder, um es noch etwas prägnanter zu formulieren, Nachhaltigkeit auf allen Ebenen, sind nicht neu. Bei der Zertifizierung von Gebäuden etwa spielt der Nachhaltigkeitsfaktor mit Blick unter anderem auf Energieeffizienz schon länger eine Rolle. Aber seien wir mal ehrlich: Als wirkliche Anstrengungen kann man das, was viele Unternehmen aus der Bau- und Immobilienbranche in puncto Nachhaltigkeit auf Unternehmens-, Asset- oder aber Finanzierungsebene bislang unternommen haben, wohl kaum bezeichnen. Nachhaltigkeit war bislang vor allem ein Trend, befeuert durch sich wandelnde gesellschaftliche Erwartungen, die in Protestbewegungen wie „Fridays for Future“ ihren Ausdruck fanden. Der Druck war schlicht nicht groß genug.

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Diese Kolumne ist Teil der Serie "DigitaliSaat" aus dem Magazin "Immobilienwirtschaft". In ihr teilen führende Köpfe regelmäßig ihre Gedanken zur Digitalisierung in der Immobilienbranche.


Das ändert sich nun. Zum einen wird durch die neue Offenlegungs- und die Taxonomie-Verordnung der EU und die damit verbundenen Anforderungen an ESG-Reports ab dem kommenden Jahr der Druck deutlich größer. Auch, weil die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen den europäischen Green Deal zur Chefsache gemacht hat und mit Vehemenz die Erreichung der vollständigen Dekarbonisierung bis 2050 verfolgt. Zum anderen stellt die Agenda 2030 der UNO künftig höhere Anforderungen an Unternehmen verschiedenster Branchen. Auch diesem globalen Aktionsplan und seinen 17 Nachhaltigkeitszielen für in jeder Hinsicht nachhaltige Städte und Gemeinden wird sich die Bau- und Immobilienwirtschaft nicht entziehen können.  

Die Bau- und Immobilienwirtschaft muss zu anderen Wirtschaftszweigen aufschließen – und zwar schnell

Gesetzesänderungen in der Bau- und Immobilienbranche sind oft durch Lobbyarbeit und Klientelpolitik geprägt – die Ergebnisse sind daher meist nur für einen Teil der Marktteilnehmer sinnvoll. Im Fall der neuen ESG-Regulatorik ist das anders. Denn Nachhaltigkeit geht uns alle an. Sie betrifft unser aller Gesundheit und Wohlergehen, das künftiger Generationen und das unseres Planeten. Wofür, wenn nicht dafür, lohnt es sich, gemeinsam anzupacken?

Ob Energiewirtschaft oder das produzierende Gewerbe: Andere Wirtschaftszweige sind uns in ihren Nachhaltigkeitsbestrebungen teils weit voraus. Die Bau- und Immobilienwirtschaft muss aufschließen, und zwar schnell. Wir sind zu groß und zu wichtig, um hinterherzulaufen. Wenn wir passiv auf die regulatorischen Rahmenbedingungen warten, verspielen wir unsere Chance, die CO2-neutrale, nachhaltigere Zukunft selbst zu gestalten, und werden unserer Verantwortung nicht gerecht. Ich bin überzeugt: Die Digitalisierung der Bau- und Immobilienbranche kommt Hand in Hand mit dem Druck zu mehr Nachhaltigkeit. Denn die heutige Technologie birgt viel Potenzial für positive Veränderungen.

Betrachten wir die Anforderungen, die auf uns zurollen, deshalb weniger als Zwang, sondern begreifen wir sie als Chance. Die Bau- und Immobilienwirtschaft hat vielversprechende Möglichkeiten, sich durch intelligente Digitalisierungsstrategien auf eine Zukunft vorzubereiten, in der Nachhaltigkeit eines der wichtigsten Prinzipien sein wird. Die Unternehmen, die das jetzt erkennen und handeln, werden die Speerspitze der Bewegung bilden. Denn sie werden beweisen, dass sie unsere Branche zu einem Besseren verändern können.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 11/2020 der Zeitschrift " Immobilienwirtschaft" erschienen.



Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, PropTech, Ökologie, Immobilien