Run auf Photovoltaik: Mieterstrom noch ausbaufähig

Photovoltaikanlagen stehen hoch im Kurs. Immer mehr Unternehmen und private Haushalte nutzen die Energie der Sonne zur Stromerzeugung, berichtet das Statistische Bundesamt. Enormes Potenzial wird dem Mieterstrom zugeschreiben – doch es fehlt noch der Anreiz für Investitionen.

Die steigenden Energiepreise haben das Interesse an Solaranlagen neu entfacht. Im März 2022 waren auf Dächern und Grundstücken in Deutschland 2,2 Millionen Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) mit einer Nennleistung von insgesamt 58.400 Megawatt installiert, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. Nach diesen Berechnungen nahm die Zahl der Anlagen gegenüber März 2021 um 10,1 Prozent zu, die installierte Leistung stieg binnen Jahresfrist um 9,7 Prozent.

Rund 8,8 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom aus Sonnenlicht wurden dem Bundesamt zufolge in den ersten drei Monaten 2022 ins Netz eingespeist, das sind 34,7 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum (6,6 Milliarden kWh). Der Anteil der Photovoltaik an der gesamten Stromerzeugung ist ebenfalls gestiegen: Von 4,7 Prozent auf 6,3 Prozent innerhalb eines Jahres.

Die vom Bundeskabinett im April 2022 beschlossene Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) hat den klaren Fokus auf dem beschleunigten Ausbau von Ökostrom. Bis 2035 soll jede erzeugte Kilowattstunde Strom klimaneutral sein. Das Gesetzgebungsverfahren läuft noch. Die zweite und dritte Lesung im Bundestag ist für den 24. Juni geplant.

Mehr Solarstrom auch in Mehrfamilienhäusern?

Der Regierungsentwurf ist Teil des sogenannten Osterpakets. Kritikern zufolge geht die Ausgestaltung an den Zielen der Immobilienwirtschaft vorbei und gibt kaum Anreiz für Mieterstrommodelle – also für die Installation von PV-Anlagen auf Mehrfamilienhäusern, die Strom für Mieter im selben Haus produzieren. 

Höhere Fördersätze stärkten zwar die Finanzierbarkeit der Anlagen, ein großes Problem stelle aber die Benachteiligung der Eigenverbrauchsmodelle im Vergleich zu Anlagenbetreiber dar, die den Strom komplett ins Netz einspeisen ("Volleinspeiser"), erklärt Dr. Ernesto Garnier, CEO und Founder der Einhundert Energie GmbH (Köln). "Für Eigenverbraucher sind die Fördersätze im Vergleich deutlich geringer. Eine gleichermaßen erhöhte Vergütung ist jedoch essentiell für den Rollout von Wärmepumpen und Mieterstrom im Gebäudebestand", so Garnier.

Bisher beschränkt sich der Solarstromausbau überwiegend auf Einfamilienhäuser. Der größte Knackpunkt bei den Mieterstromanlagen sei der rechtliche Rahmen, schreibt die "Wirtschaftswoche" unter Berufung auf Branchenexperten. Wer einen fremden Haushalt mit Strom beliefere, werde nach aktueller Rechtslage in der Regel zum Energieversorger – mit allen damit verbundenen Pflichten, auch dem Zukauf von Strom, "damit die Mieter an wolkigen Tagen oder nachts nicht im Dunkeln sitzen."

EEG-Novelle: "Baustelle" Stromsteuer und Anlagenzusammenfassung

Aktuell werden bei Mieterstrom im Modell Lieferkette nach Angaben der Einhundert Energie GmbH zwei Cent pro Kilowattstunde Stromsteuer erhoben, obwohl Mieterstrom von Umlagen befreit sein soll. Dies könnten je nach Anlagengröße mehrere Tausend Euro pro Jahr sein, sagt CEO Garnier. Die Stromsteuerbefreiung für das Lieferkettenmodell werde in dem Gesetzespaket nicht berücksichtigt.

"Hinzu kommt, dass bei der Berechnung der Einspeisevergütung benachbarte PV-Anlagen auf Gebäuden zusammengefasst werden, technisch jedoch einzelne Netzanschlüsse die Regel sind, insbesondere bei Bestandsgebäuden", erklärt Garnier. Die Anlagenkosten sind daher höher, die Vergütung für Einspeisung je kWh aufgrund der Anlagenzusammenfassung aber wesentlich geringer. Unter den richtigen Bedingungen für PV-Dachanlagen auf Quartiersgebäuden könnten Mieterstrommodelle volles Potenzial entfalten.

Destatis: Solarstrom als Einnahmequelle

Im Jahr 2020 hatten etwa 1,4 Millionen private Haushalte Einnahmen aus der Einspeisung von Solarstrom ins Netz, schreiben die Statistiker in ihrem Bericht. Das waren zirka 30 Prozent mehr als 2014, dem ersten Jahr der Erhebung dieser Angabe. Die Einnahmen lagen demnach bei durchschnittlich 174 Euro pro Monat und damit ähnlich hoch wie im Jahr 2019 mit 177 Euro. Gegenüber 2014 (285 Euro) gingen die durchschnittlichen Einnahmen der Haushalten allerdings um mehr als ein Drittel (39 Prozent) zurück.

Eine Ursache für diesen Rückgang dürfte laut Destatis die nach dem EEG sinkende Einspeisevergütung für neu installierte Photovoltaikanlagen sein: Derzeit liegt die Vergütung bei weniger als sieben Cent pro Kilowattstunde. Geht die EEG-Reform im Sommer in der vorliegenden Fassung durch den Bundestag, können Volleinspeiser auf eine Vergütung von bis zu 13,40 Cent pro kWh hoffen. Das gilt allerdings nur für Solarmodule, die ab 2023 in Betrieb genommen werden.


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