Digitalisierung: Lichtblick im Aktendschungel

Digitale Baugenehmigungsverfahren sollen endlich zum Standard werden. Das haben die Beteiligten des "Wohngipfels" im Herbst 2018 als ein Ziel formuliert. Ein Labor soll die Arbeit nun forcieren, die auf kommunaler und regionaler Ebene längst begonnen hat.

Wenn es schnell gehen muss, fahren die Mitarbeiter in den Bauämtern der Rhein-Neckar-Region Akten schon einmal mit dem Sprinter zwischen den Behörden umher – und sind damit vermutlich kein Sonderfall in Deutschland: Die Digitalisierung von Planungs-, Genehmigungs- und Bauprozessen endet meist an der Schwelle von Amtsstuben. Nicht nur, aber auch in der Metropolregion Rhein-Neckar soll sich dies auf absehbare Zeit ändern.

Seit zwei Jahren läuft dort ein Pilotprojekt für ein virtuelles Bauamt, das als Plattform für Verfahren und Anträge aus den drei Bundesländern Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz dienen soll.

"Es geht nicht nur darum, Prozesse zu digitalisieren, sondern Verfahren grundsätzlich zu verbessern." Jonas Meinig, Projektleiter Virtuelles Bauamt bei der Metropolregion Rhein-Neckar

Die Ergebnisse sollen der digitalen Transformation von Bauämtern in weiteren Kommunen dienen. Auch in die Arbeit des im Bundesinnenministerium angesiedelten "Digitalisierungslabors" könnten die Erfahrungen einfließen. Dort soll Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Bund und Bayern unter der Federführung Mecklenburg-Vorpommerns sowie interessierten Kommunen und der Leitstelle XPlanung / XBau in Hamburg den durchgängig digitalen Bauantrag befördern.

Konturen eines Hauses vor blauem Hintergrund
Mit dem virtuellen Bauamt testen drei Bundesländer eine digitale Plattform für Verfahren und Anträge, die in den Bauämtern anfallen.

Digitalisierungslabor: Sollprozess für Baugenehmigung entwickeln

Das Digitalisierungslabor habe zum Ziel, bis Mitte 2019 einen Sollprozess für die Baugenehmigung zu entwickeln und erste Vorbereitungen für eine Referenzimplementierung zu treffen, erklärt die Bundesregierung dazu. Weiter heißt es:

"Dabei liegt der Fokus im ersten Schritt im Sinne des Onlinezugangsgesetzes (OZG) auf dem Online-Zugang, der Schnittstelle zu den Nutzerinnen und Nutzern (zum Beispiel Architektinnen und Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieuren oder Privatpersonen), und weniger auf den zugrundeliegenden Verwaltungsprozessen."

Die Bundesregierung spricht von einem visionären Sollprozess, der auch Registerschnittstellen zur Reduktion von Datenabfragen und mögliche Rechtsänderungen zur Vereinfachung beinhalten könne, und zwar zunächst in Form eines Minimalprodukts mit schrittweiser Weiterentwicklung.

Feldversuche und Einzelprojekte in den Bundesländern laufen bereits

Die Sprecherin des zuständigen Ministeriums in Mecklenburg-Vorpommern, Renate Gundlach, bestätigt, dass das Labor seine Arbeit aufgenommen hat.

In Mecklenburg-Vorpommern laufen wie in anderen Bundesländern auf kommunaler Ebene Feldversuche und Einzelprojekte, aus denen Impulse aufgenommen werden sollen. In Bayern etwa beginnen derzeit Pilotprojekte mit ausgewählten Landratsämtern, um mit Hilfe digitaler Genehmigungen Bauverfahren insgesamt zu beschleunigen. Dort strebt Bauminister Hans Reichhart die Einführung digitaler Baugenehmigungsverfahren mittelfristig in allen staatlichen unteren Bauaufsichtsbehörden an – im Sinne eines "zeitgemäßen, effizienten und transparenten Verwaltungshandelns".

Wegweiser für Bauherren, Architekten und Ingenieure

Nach den Worten Gundlachs soll im Digitalisierungslabor zunächst eine Art Wegweiser für Bauherren entwickelt werden, der beispielsweise Fragen nach der Notwendigkeit von Genehmigungen und Bauvorlageberechtigten beantwortet und Informationen zu benötigten Unterlagen, zu Fördermöglichkeiten und Fristen liefert.

Ein weiterer Wegweiser für Architekten und Bauingenieure solle den Wunsch nach einem Aufbau geodatenbasierter Register und deren Einbindung in den Genehmigungsprozess berücksichtigen sowie nach der digitalen und standardisierten Übergabe der meist in einem CAD-System erstellten Daten und des digitalen Austauschs generell, erklärt die Sprecherin.

"Die Mitarbeiter in den Ämtern sehen nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels die Vorteile von IT-gestützten Verfahren." Jonas Meinig von der Metropolregion Rhein-Neckar

Meining bekräftigt das rege Interesse der Beteiligten am Planungs- und Bauprozess.

junge Frau bedient virtuelles Hausmodell an transparentem screen
Im Digitalisierungslabor werden Anforderungen sowohl von Bauherren als auch Architekten und Bauingenieuren untersucht.

Automatisierung des Standards: Mehr Zeit für anspruchsvolle Inhalte

Von der Automatisierung von Standardprozessen versprechen sich die Beschäftigten mehr Zeit für inhaltlich anspruchsvolle Aufgaben.

Architekten, Ingenieure und Bauherren wiederum äußerten den deutlichen Wunsch, mit der Digitalisierung zugleich die "Black Box Verwaltung" transparenter und zugänglicher zu machen.

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Große Hoffnung setzen die Beteiligten dabei in die nun auch verbindliche Nutzung der öffentlichen Standards XBau und XPlanung. Die bundesweit unterschiedlichen Bauordnungen indes dürften weniger zum Problem gereichen, da es um die Digitalisierung von Prozessen geht, weniger um die Inhalte.

Landesbauminister forcieren Einführung digitaler Genehmigungsstandards 

Die Bauminister der Länder haben zuletzt den Druck auf den Bund erhöht, das Tempo bei der Einführung solcher digitaler Genehmigungsstandards zu erhöhen. Den digitalen Bauantrag sehen sie als Schlüssel für kostengünstigeres und schnelleres Bauen von der Planung bis zur Fertigstellung.

Die Bauminister hatten schon bei ihrer Konferenz 2017 den Bund gebeten, die Einführung elektronischer Standards bundesweit finanziell zu unterstützen. Die Bundesarchitektenkammer als eine der betroffenen Stellen begrüßt die Bewegungen. Eine Digitalisierung von Prozessen könne die Lücken verkleinern, die der jahrelange Personalabbau in Planungsämtern erzeugt habe, sagt die Referatsleiterin Digitalisierung, Gabriele Seitz. Sie mahnt zugleich, perspektivisch zu denken:

"In einem zweiten Schritt sollte man sich auf jeden Fall über den building-information-modeling-basierten Bauantrag unterhalten." Gabriele Seitz, Referatsleiterin Digitalisierung Bundesarchitektenkammer

Es sei unerlässlich, um langfristig bundesweit und darüber hinaus eine einheitliche Sprache zu sprechen.

Experten-Interview: "Erhebliches Maß an interner Schulung notwendig"

Prof. Dr. Markus König (Ruhr-Universität Bochum)
Prof. Dr. Markus König

Prof. Dr. Markus König leitet den Lehrstuhl für Informatik im Bauwesen an der Ruhr-Universität Bochum. Im Interview spricht er über Building Information Modeling (BIM) bei Bauplanungs- und genehmigungsprozessen.

Herr König, Sie arbeiten seit einem Jahr an einem Projekt, das BIM in die Bauplanungs- und -genehmigungsprozesse integrieren soll. Warum schaffen das die Verantwortlichen in Verwaltung und Praxis nicht allein?

Markus König: Uns erreichen von vielen Seiten Impulse – Architekten erklären, dass BIM als Grundlage mehr und mehr Einzug hält, Verwaltungsmitarbeiter freuen sich, wenn digitalisierte und automatisierte Prozesse Fleißarbeiten abnehmen und sich Freiräume für die wirklichen Herausforderungen auftun. Allerdings zeigt sich im Bereich von Bau und Planung besonders, wie der Föderalismus eine zusätzliche Herausforderung ist. Da reichen die Erschwernisse von den unterschiedlichen Landesbauordnungen bis zu den verschiedenen Zuständigkeiten. Andere Länder konnten pragmatischer und stringenter handeln und sind daher bei der Digitalisierung des Bau- und Planungswesens schon etwas weiter.

Welche Resonanz erfahren Sie bei den Partnern?

Markus König: Bisher eine sehr positive. Es war leicht, Partnerkommunen und -verwaltungen zu finden. In Nordrhein-Westfalen müssen ab 2020 alle öffentlichen Hochbauten mit BIM geplant und gebaut werden, den Beteiligten sitzt also die Zeit ohnehin im Nacken. Von daher ist die Überlegung naheliegend, nicht nur eine Digitalisierung von Bauanträgen anzustreben, sondern gleich den BIM-Standard anzupeilen.

Hand auf's Herz: Wie herausfordernd wird die Umstellung?

Markus König: Im Moment gibt es in den Ländern und Kommunen verschiedene eher unabhängige Initiativen. Eine länderübergreifende Stelle wäre sinnvoll, bei der die Fäden zusammenlaufen. Die Koordination und Vereinheitlichung dieser Prozesse werden jedoch nicht leicht. Es wird auch einiges an Technik benötigt, die dazu gekauft werden muss. Dazu kommt: So positiv die Rückmeldungen aus den Behörden sind – die Umstellung der Prozesse erfordert ein erhebliches Maß an internen Schulungen. Dieser Aufwand wird meiner Meinung nach unterschätzt.

Die Fragen stellte Kristina Pezzei.


Der Artikel ist ein Auszug aus dem Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 02/2019.


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Schlagworte zum Thema:  Baugenehmigung, Digitalisierung