Am Donnerstag kam die Absage. Seit April habe ich versucht, ein Interview zur Nachhaltigkeitsstrategie dieses renommierten, erfolgreichen Unternehmens zu bekommen. Dazwischen liegen zehn Anfrage- und Nachfass-Mails, zwei sehr nette Telefonate. Eine Zusage. Die Zusendung des erstmals erstellten Nachhaltigkeitsberichts. Eine Terminverschiebung. Und nun also die Absage. Begründung: Man würde ja gerne. Und hätte auch viel zu sagen. Aber, ich wisse ja: die EmpCo, die Abmahnwellen, die Gefahr, etwas Falsches zu sagen … also vielleicht dann im kommenden Jahr? Wenn sich die Lage beruhigt habe?
Hierzulande passiert gerade, was in den USA unter Trump schon länger zu besichtigen ist: Unternehmen schweigen über ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit, aus Angst, sich angreifbar zu machen. „Greenhushing“ lautet das Buzzword für das Phänomen. Ist das nicht Irrsinn?
Regulatorische Hürden und wirtschaftliche Zweifel
Nicht minder irrsinnig ist die Geschichte, die ein mittelständischer Unternehmer vergangene Woche erzählt – wieder mit der Bitte, sie nicht so aufzuschreiben, dass klar ist, von wem hier die Rede ist. Besagter Unternehmer verpackt schon seit längerem einen Gutteil der produzierten Konsumgüter in Papier und schreibt genau das auch auf die Verpackung. Der sehr, sehr geringe Anteil an Kunststoff im Klebe-Verschlussstreifen war von der zuständigen Behörde immer akzeptiert worden. Jetzt ist die Ausnahmeregelung ohne Begründung ausgesetzt worden. Also wird gerade der Aufdruck mit dem Hinweis „in Papier verpackt“ auf tausenden Packungen mit – Achtung! – kunststoffhaltigen Aufklebern überklebt. Fragt man diesen Unternehmer, ob sich nachhaltiges Engagement wirtschaftlich auszahlt, zögert er lange. Hier ist – man muss es bei allem Wohlwollen gegenüber dem Green Deal der EU sagen –, irgendwann mal etwas regulatorisch aus dem Ruder gelaufen.
Dabei steht völlig außer Frage, dass nachhaltiges Wirtschaften unternehmerisch klug ist. Etliche Forschungen belegen, dass es Unternehmen widerstandsfähiger und langfristig erfolgreicher macht. Ein aktueller Beleg: die Krise an der Straße von Hormus. Unternehmen, die bereits auf erneuerbare Energien setzen, sind weniger abhängig von fossilen Brennstoffen und damit heute klar im (Kosten-)Vorteil. Laut einem aktuellen Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) wird Energiesicherheit angesichts der Preisentwicklung bei fossilen Brennstoffen zu einem wichtigen Argument für die Energiewende – mal ganz unabhängig von Klimaschutz und Dekarbonisierung.
Nachhaltigkeit und Konsum: Ein Blick auf Fleisch, Kaffee und Siegel
Kommen wir zum Schluss noch fix zu dem, was Leib und Seele zusammenhält: Essen und Trinken. Eine gemeinsam mit dem SINUS-Institut erhobene YouGov-Studie anlässlich des Weltvegetariertags (gibt’s wirklich!) am 1. Oktober zeigt, dass in Deutschland zwar weniger Menschen Fleisch kaufen, diejenigen, die kaufen, kaufen aber mehr. Laut YouGov plant allerdings mehr als jeder vierte Fleischesser, seinen Konsum zu reduzieren, während sich inzwischen 28 Prozent der Deutschen selbst als Flexitarier bezeichnen. Davon profitiert der Fleischersatz: 2026 griffen knapp 35 Prozent der Haushalte mindestens einmal zu entsprechenden Produkten, so viele wie seit 2022 nicht. Interessanterweise ist der 1. Oktober auch Tag des Kaffees (wer legt sowas eigentlich fest?) und so gibt es auch News aus der Kaffeebranche: Tchibo hat seinen alljährlich gemeinsam mit Brand Eins erstellten, wie immer ganz großartig gestalteten und lesenswerten Kaffeereport vorgelegt. Thema der Ausgabe: Wirkung.
Spannend mit Blick auf die Frage, wie Nachhaltigkeit künftig kommuniziert wird: Tchibo verabschiedet sich vom Fairtrade-Siegel und setzt stattdessen auf sein eigenes Kaffeeprogramm. Das bereits 2024 formulierte Ziel: Ab 2027 soll der gesamte Kaffee aus „verantwortungsvollem Einkauf“ stammen. Neben einem ausführlichen Interview mit Direktor für Unternehmensverantwortung Pablo von Waldenfels enthält der Report auch Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zum nachhaltigen Kaffeekonsum. Demzufolge vertrauen nur knapp ein Drittel der Befragten den Nachhaltigkeitssiegeln auf Kaffeeprodukten. Und beim Geld hört die Freundschaft auch hier mal wieder auf: 46 Prozent der Kaffeetrinkenden hält der Preis davon ab, nachhaltigen Kaffee zu kaufen. Sie schieben die Verantwortung für Nachhaltigkeit den Unternehmen zu. Das ist nicht sonderlich fair. Genauso wenig wie der Umstand, dass engagierte Unternehmen fürchten müssen zur Zielscheibe zu werden, wenn sie in ihren Nachhaltigkeitsaktivitäten vielleicht einen Fehler gemacht haben.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!
PS: Eine kurze, nicht faktisch abgesicherte Internetrecherche ergibt: Am 1.10. ist auch Internationaler Ehrentag der Waschbären, Tag des CD-Players und Weltmusiktag. Welchen Tag auch immer Sie begehen: Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. Oktober!