IHK Energiewende-Barometer Baden-Württemberg

Klimaneutralität 2045: Skepsis der Unternehmen wächst

Binnen eines Jahres hat sich die Stimmung in der baden-württembergischen Industrie deutlich verändert. Weniger als die Hälfte der Unternehmen glaubt noch daran, bis 2045 klimaneutral zu werden. Eine neue Umfrage zeigt, warum – und offenbart ein strukturelles Problem, das weit über eine einzelne Branche hinausgeht.

Schwarzwald Haslach im Kinzigtal

Einbruch bei Klimaneutralitätszielen

Das aktuelle Energiewende-Barometer des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) zeichnet ein ernüchterndes Bild. Der Anteil der Unternehmen, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen erwarten, bis 2045 klimaneutral zu sein, ist innerhalb eines Jahres von 80 auf 43 Prozent gefallen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Betriebe ohne eigenes Klimaschutzziel von 12 auf 44 Prozent. Diese Entwicklung bleibt in der Nachhaltigkeitsszene nicht unbemerkt.

Bürokratie und Energiepolitik bremsen Unternehmen aus

Die Unternehmen benennen klare Ursachen für ihre Zurückhaltung. Für 66 Prozent der Befragten ist überbordende Bürokratie das größte Hemmnis auf dem Weg zur Klimaneutralität. 62 Prozent beklagen fehlende Informationen sowie mangelnde Planbarkeit und Verlässlichkeit der Energiepolitik. 48 Prozent kritisieren zu langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren. Beide Werte haben gegenüber der Vorjahresumfrage nochmals zugenommen. Besonders kleinere Betriebe mit weniger als 250 Beschäftigten kämpfen zusätzlich mit Finanzierungsschwierigkeiten und fehlendem Kapital.

BWIHK-Präsident Jan Stefan Roell sieht darin ein Warnsignal: „Die Wirtschaft benötigt dringend stabile Rahmenbedingungen mit einer verlässlichen Energieversorgung und wettbewerbsfähigen Preisen.“ Er betont, dass der Rückgang bei den Klimazielen kein Rückzug aus der Verantwortung ist: „Wenn Bürokratie und fehlende Planbarkeit die wirtschaftliche Grundlage für Investitionen gefährden, können viele Betriebe keine verlässlichen und zeitlich fixen Klimaneutralitätsziele festlegen.“

Vertrauensverlust statt Klimarückzug

Diese Einschätzung teilen auch externe Beobachter, setzen aber andere Akzente. Tim Weinert, Gründer von nowwork und Regionalgruppensprecher Baden-Württemberg im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW), interpretiert den Einbruch nicht als klimapolitische Kapitulation: „Der Rückgang von 80 auf 43 Prozent ist kein Rückzug aus dem Klimaschutz, sondern ein Vertrauensverlust: Wer nicht weiß, welche Regeln in fünf Jahren gelten, setzt sich kein Ziel für 2045.“ Planungssicherheit über Legislaturperioden hinweg und verlässlich terminierte Genehmigungsverfahren sind aus seiner Sicht der entscheidende Hebel. Beim Thema Entlastung bei den Energiekosten mahnt Weinert zur Klarheit. Sie sei nur dann sinnvoll, wenn sie die erneuerbaren Energien stärkt, statt fossile Strukturen zu verlängern. „Sonst subventionieren wir das Problem, das die Preise treibt.“

Wachsende Einsicht in die Größe der Aufgabe

Filip Krumpe, Head of Carbon Footprinting bei KlimAktiv Consulting, ordnet die Ergebnisse fachlich ein: „Die Ergebnisse überraschen nicht. Sie zeigen das wachsende Bewusstsein über die tatsächliche Größe der Aufgabe – insbesondere in der Wärme, das wurde unterschätzt.“ Gleichzeitig sieht er in den vergleichsweise stabilen Stromkosten einen Beleg dafür, was eine konsequente Energiewende leisten kann. Dass Unternehmen zunehmend weniger bereit sind, die Kosten einer unberechenbaren Energiepolitik zu tragen, ist aus seiner Sicht ein Signal, das die Politik ernst nehmen muss. Sein Fazit: „Mein Wunsch wäre es, die Transformation mit einem klaren Kurs voranzutreiben, um die Lösungen zu entwickeln, die wir für die Zukunft brauchen.“

Podcast-Empfehlung:

Klimaschutz ist auch ein wichtiger Aspekt im Nachhaltigkeitsmanagement der Deutschen Telekom - zum Beispiel, wenn es um alternative Antriebe für eine Flotte von mehr als 20.000 Fahrzeugen geht! Mehr dazu im Podcast Shifting Minds:

Was Unternehmen und Politik jetzt brauchen

Die Befunde des BWIHK-Barometers zeigen, dass das Problem weniger im fehlenden Klimawillen der Unternehmen liegt, sondern in strukturellen Defiziten: fehlende Verlässlichkeit, träge Verwaltung und eine Energiepolitik ohne Kontinuität. Für ESG- und Nachhaltigkeitsverantwortliche in den Betrieben wächst damit ein neues Risiko. Die externe Rahmenbedingung wird zum internen Steuerungsrisiko. Wer Klimaziele formuliert, muss zunehmend auch politische Unsicherheit als Variable einpreisen.

 

Zur Studie

Die Ergebnisse basieren auf der BW-Auswertung des IHK-Energiewende-Barometers: Zum 15. Mal seit 2012 wurden Unternehmen online befragt, um Fortschritte bei der Energiewende sowie der aktuellen Klima- und Energiepolitik zu bewerten. Im Befragungszeitraum vom 8. bis 26. Juni 2026 nahmen bundesweit 3.085 Unternehmen teil, davon 489 aus Baden-Württemberg; 224 dieser Antwortgeber gehören zur Industrie.

 

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