Wie viele der AfD-Sympathisanten in Sachsen-Anhalt, wo am Sonntag gewählt wird, kennen wohl deren Aussagen zur Umweltpolitik? „Pariser Klimaabkommen aufkündigen“, „Subventionen für erneuerbare Energien streichen“, „Russlandsanktionen beenden, Nord-Stream-Pipelines in Betrieb nehmen“: So steht das im Parteiprogramm . Und das nach einem Sommer, der geprägt war von beispiellosen Hitzewellen. Ideologische Scheuklappen bringen Menschen offenbar sogar dazu, das zu leugnen, was sie auf der eigenen Haut spüren.
Auch Förderungen für Wärmepumpen und E-Autos stehen bei denRechtsradikalen auf der schwarzen Liste, obwohl die Wärmepumpe inzwischen die beliebteste Heiztechnik ist und sich fast 80 Prozent der deutschen Eltern einen E-Wagen als Familienkutsche vorstellen können. Und mit der Forderung „Ökologischen Fußabdruck berücksichtigen“ meint die AfD – kein Scherz (es wäre auch ein schlechter) – den „Ressourcenverbrauch“ der „Armutsmigranten“.
Gefühlte Wirklichkeit kontra wissenschaftliche Studien
Der Erfolg der ewiggestrigen Parolen liegt in ihrer Stringenz und dem konsequenten Ausblenden von Fakten. Menschen, für die die „gefühlte“ Wirklichkeit zählt, interessieren sich nicht für wissenschaftlich fundierte Studienwie die vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung , die davor warnt, dass sich die Fläche der von Waldbränden betroffenen Regionen Europas in den nächsten 70 Jahren verdreifachen könnte.
Wie soll da noch gesellschaftliche Kommunikation über Nachhaltigkeit gelingen, geschweige denn ein Konsens?
US-Finanzministerium schließt ESG-Fonds von Förderung aus
Sicher, konträre Diskurse gab es auch früher. Heute jedoch entsteht zuweilen der Eindruck von zwei Völkern im gleichen Land. In den USA verbannte das Finanzministerium soeben ESG-Fonds aus steuerbegünstigten Vorsorgekonten für Kinder. Die Regierung Trump wolle keinen „politischen Aktivismus“ fördern, begründete Finanzminister Scott Bessent die Änderung: „Corporate America lehnt die ESG-Ideologie ab.“ Die Verfügung betrifft ein Anlagevolumen von mindestens 1,5 Milliarden Dollar.
New Yorker „Climate Week“ mit über 100 000 Besuchern
Zugleich wurde, rund 300 Kilometer nördlich in New York, die Climate Week vorbereitet, mit mehr als 100 000 Teilnehmern das weltweit größte Klimatreffen von Entscheidern aus Wirtschaft und Finanzwelt. Reden wird unter anderen der kalifornische Generalstaatsanwalt Rob Bonta, dessen Behörde – Stand Anfang August – satte 82 Klagen gegen Entscheidungen der Trump-Regierung eingereicht hat. Vielleicht knöpft er sich ja auch die Causa „ESG-Fonds-Ausschluss“ vor.
Unter den Sponsoren der Climate Week befinden sich übrigens: Salesforce aus San Francisco, die Boston Consulting Group (Boston), Rockwell Automation (Milwaukee, Wisconsin), UL Solutions (Northbrook, Illinois) und der amerikanisch-irische Konzern Trane, der im US-Bundesstaat North Carolina seinen operativen Hauptsitz unterhält. Soviel zu der vom Finanzminister behaupteten ESG-Abstinenz von Corporate America.
Glaubwürdige ESG-Policy reduziert Risiken
Profi-Anleger wissen durchaus um die betriebswirtschaftliche Relevanz einer Unternehmenspolicy, die Umweltbelange mitdenkt, wie diese Analyse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift International Review of Economics and Finance belegt. Ein Ergebnis ist, dass die Börse ESG-Downgrades gerade bei denjenigen Unternehmen besonders hart bestraft, die zuvor überdurchschnittlichgut performt haben. Logisch: Je wertvoller ein Unternehmen, desto höher die Risiken, wenn ESG-Kriterien nicht oder nicht mehr erfüllt werden.
Schadensbegrenzung als Ausweg?
Wer Risiken leugnet, macht sie de facto nur größer. Wie ein Patient, der zu spät zum Arzt geht. Er gefährdet damit nur sich selbst. Wie aber umgehen mit einem gesellschaftlichen Kontext, in dem sich ein nennenswerter Prozentsatz der Bürger gegen Vorbeugung sperrt? Eine Idee wäre, sich in der Kommunikation stärker auf Schadensbegrenzung zu konzentrieren: Maßnahmen diskutieren und fördern, von denen alle profitieren und die zugleich die Auswirkungen des Klimawandels mildern. Mehr Grün in den Städten tut Klimaaktivisten ebenso gut wie Klimaleugnern, von hitzeresilienten Getreidesorten werden alle satt. Vielleicht kommt man dann irgendwann auch wieder dazu, über die Ursachen zu reden.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!