Man muss kein Fan der Klima-Allianz Deutschland sein, um einzuräumen, dass dieses Bündnis aus 150 Organisationen das Richtige fordert: einen Hitze-Krisengipfel. Deutschland ächzt unter seriellen Wärmerekorden, in Südeuropa brennen die Wälder, wegen niedriger Fluss-Pegel brechen Transportketten zusammen, Ungarn und Frankreich schalten mangels Kühlwassers Atomkraftwerke ab. Dennoch scheinen die Umweltschützer mit ihrer Botschaft kaum durchzudringen. Die Koalition? Beschäftigt mit Reformen. Die Opposition? Im Urlaub. Die Öffentlichkeit? Schwitzt und schweigt. Einzig Fridays for Future hat zur Demonstration vor dem Bundeskanzleramt aufgerufen.
Demonstrative Normalität statt Urgent Action
In der Verhaltensökonomie wird die Tendenz, unangenehme Fakten auszublenden, als Confirmation Bias bezeichnet: Statt sich beunruhigen zu lassen, konzentriert man sich auf Umstände, die das eigene Urteil und damit den Status Quo bestätigen – in diesem Fall wohl die Illusion, mit einem Wetterumschwung sei alles wieder in Ordnung. „Die Fähigkeit moderner Demokratien, tiefgreifende Veränderungen durch demonstrative Normalität zu beantworten, scheint bemerkenswert ausgeprägt“, schrieb der Publizist Nils Minkmar in der SZ .
Explosiver Bericht unter Verschluss
Kein exklusiv deutsches Phänomen: In Großbritannien hat ein Geheimdienstkomitee untersucht, wie stark der Klimawandel die nationale Sicherheit gefährdet. Die Ergebnisse – von Lebensmittelknappheit bis zu politischer Destabilisierung – sind laut Guardian so explosiv, dass die britische Regierung eine Veröffentlichung verweigert. Totschweigen als Kommunikationsstrategie, echt jetzt?
Leugnen und Ignorieren auch in der Wirtschaft
Auch in der Wirtschaft kommt Confirmation Bias vor, wie das Beispiel der deutschen Autoindustrie zeigt, die den Umstieg auf Elektrofahrzeuge lange bestenfalls halbherzig betrieb. Scheuklappen tragen manche Entscheider auch bei der Standortwahl. Red Bull etwa hält unverdrossen an seinem Entschluss fest , in Brandenburg ausgerechnet in einem Wasserschutzgebiet ein Dosenwerk zu errichten, obwohl ein Gericht die Umsetzung des Bebauungsplans gestoppt hat. Planungsverzögerung: mindestens ein Jahr. Sollten weitere Klagen Erfolg haben, helfen auch die Flügel nicht, die der Energy Drink angeblich verleiht.
Nachhaltigkeitsstrategie spart langfristig Kosten
Ein fragwürdiges Einzelprojekt allein kostet ein Unternehmen nicht die Existenz. Wer aber strukturelle Veränderungen systematisch ignoriert, fliegt über kurz oder lang aus dem Markt. Das mag ein Grund dafür sein, dass vielen Managerinnen und Manager sehr bewusst ist, dass es in Zeiten des Klimawandels mit einem „Weiter so“ nicht getan ist. Ohne Nachhaltigkeitsstrategie steigen die Risiken für die Lieferkette, für die Versicherbarkeit von Gebäuden oder auch, siehe Red Bull, für die Umsetzung von Planungen, ganz abgesehen von Folgen für die Reputation. Steigende Risiken aber bedeuten steigende Kosten. Umgekehrt spart Ressourcen, wer rechtzeitig die Weichen stellt – eins von fünf guten Argumenten gegenüber einer Geschäftsleitung.
Food-Tracking und E-Brummis: Es geht doch
Ermutigend sind Vorbilder wie die Marriott-Hotelkette, die sich im vergangenen Jahr mit dem Schweizer Startup Kitro verpartnerte, um durch ein intelligentes Trackingsystem ihre Lebensmittelabfälle zu halbieren . Bei der Berliner Spedition Unitax-Pharmalogistik fährt ein Fünftel der Lkw-Flotte elektrisch , obwohl die E-Brummis in der Anschaffung mehr als doppelt so teuer sind als Diesel-Lastwagen. Wie sich das rechnet? Mit Kunden, die den Schritt gut finden, und Medien, die darüber berichten – Pioniere profitieren vom PR-Effekt. Bei den derzeitigen Spritpreisen dürfte sich das Management zusätzlich zu der Entscheidung gratulieren.
Grüne Neuerungen beim Kultfestival Wacken
Damit zu Wacken Open Air, dem Kultfestival in Schleswig-Holstein, zu dem vergangene Woche rund 85 000-Heavy-Metal-Fans pilgerten. Auch wenn sich US-Finanzinvestor KKR in die Muttergesellschaft eingekauft hat, das Bier von Krombacher auf Bud umgestellt wurde und nicht jeder Headbanger ein Umweltsensibelchen ist – grüne Features wie Mülltrennung, Foodsharing und Bodenschutzmatten aus Moorpflanzen gehören zum Selbstverständnis. Neuerung in diesem Jahr: Eine Beteiligung an P2GreeN, einem EU-Projekt, in dessen Rahmen menschliche Exkremente zu Biodünger verarbeitet werden. Ein „geiler Scheiß“, kommentiert Goldeimer, Wackens Partner bei Trockentoiletten.
Für eine Allianz von Umwelt- und Wirtschaftsvertretern
Im Engagement von Unternehmen liegt womöglich auch die Antwort auf die Frage, wie wir zu einem Hitzegipfel mit breiter gesellschaftlicher Debatte kommen. Wie wäre es, wenn sich nicht nur Umweltverbände dafür einsetzen, sondern auch Wirtschaftslobbyisten – und zwar über den Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft und BAUM hinaus? Was ist mit Mittelstandsvereinigungen, IHKen, dem BDI? In diesem Jahr mag es für die Bildung einer Allianz zu spät sein. Doch der nächste Anlass bietet sich garantiert – spätestens im Sommer 2027.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!