Schon Heinrich Böll beschrieb in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die unheilbringende Macht des Boulevardjournalismus. Ganz aktuell befasst sich eine Studie von Öko-Institut, Oxford University und TU Dortmund mit diesem Thema. Konkret mit der Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Reform des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Der Befund: Die Bild hat allein ihre Wortschöpfung „Heizhammer“ binnen 14 Monaten 240-mal in die Köpfe ihrer Leserinnen und Leser gehämmert. Sie hat verfälscht, verzerrt, desinformiert und den damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck diffamiert. Das Medium habe, so das Forschungsteam, drei rhetorische Strategien verfolgt: Personalisierung, wirtschaftlicher Alarmismus und ideologische Rahmung. Wir alle wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Der Fall verdeutliche „die Anfälligkeit der Klimagesetzgebung im Zeitalter des digitalen Populismus“, heißt es in einer Mitteilung des Öko-Instituts. Erwähnt werden muss der trübe Umstand, dass zahlreiche andere Medien dem Framing der Bild auf den Leim gegangen sind.
Wo wir gerade bei Medien sind: Laut einem aktuellen Report von KLIMA° vor acht ist die Klimaberichterstattung in Das Erste und ZDF im ersten Halbjahr 2026 auf einen historischen Tiefstand gefallen. Das zeigt eine computergestützte Auswertung des Gesamtprogramms. Der Befund ist insbesondere deshalb befremdlich, weil Deutschland im Mai und Juni gleich zwei Rekordhitzewellen verzeichnete. „In Frankreich, Großbritannien und Spanien war die Hitze vom ersten Tag an eine Klimageschichte“, so Norman Schumann, Sprecher von KLIMA° vor acht und Datenwissenschaftler.
Wärmepumpen und Elektroautos: Fakten setzen sich durch
Nochmal zurück zur Bild-Kampagne. Sie zeigt: Die Macht von Desinformation ist enorm. Allerdings siegt – zumindest bei diesem Thema – letztlich die Macht des Faktischen: Laut Institut der deutschen Wirtschaft heizt derzeit am günstigsten, wer mit einer Wärmepumpe heizt. Und so wundert es nicht, dass die Wärmepumpe 2025 die am häufigsten verbaute Heizungsart war. Es ist auch immer mehr Menschen völlig egal, ob die Politik über ein Aus des Verbrenner-Aus diskutiert, denn für sie werden Autos mit Verbrennungsmotoren schlicht unattraktiv. Der Preis von E-Autos sinkt, ihre Reichweite steigt und die Modellvielfalt wird größer (die ganz aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts dazu finden Sie hier). Alexander Wulfers, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, resümiert: „Mit Kulturkampf lässt sich die Elektrowende nicht mehr aufhalten.“
Die unterschätzte Bereitschaft der Bevölkerung zum Klimaschutz
Selbst wenn es nicht um den eigenen Geldbeutel und persönlichen Vorteil geht, sind die Menschen in Deutschland in einem sehr viel höheren Maße bereit, sich fürs Klima zu engagieren, als man gemeinhin glaubt. Der Bochumer Sozialpsychologe Wilhelm Hofmann hat gemeinsam mit einem Forschungsteam untersucht, was Menschen für den Klimaschutz zu tun bereit sind – und wie Mitmenschen und die Politik diese Bereitschaft grundsätzlich einschätzen. Der Titel ihres Papers bringt das Ergebnis auf den Punkt: Public support for climate action is underestimated in the German political domain. „… gerade bei den Instrumenten, die tatsächlich viel bewirken können – Steuern und Neuregelungen –, unterschätzen Politiker die Unterstützung in der Bevölkerung massiv. Das hat uns doch sehr verblüfft!“, sagt Hofmann in einem lesenswerten Zeit-Interview. Unter anderem hatten Hofmann und sein Team, Bürgerinnen und Bürger gefragt, ob sie bereit wären, ein Prozent ihres Haushaltseinkommens für den Klimaschutz abzugeben. „Auch da liegt die Zustimmung in der Bevölkerung viel höher, als es die Politiker vermuten: Etwa jeder zweite Bürger sagt Ja, während die Politiker glaubten, nur etwa jeder Fünfte sei dazu bereit“, berichtet Hofmann. Nun ist es natürlich bedauerlich, dass die Politik die Handlungsbereitschaft der Bevölkerung falsch einschätzt. Für alle, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, ist aber der Befund ganz wunderbar: Die Menschen sind durchaus willens, etwas zum Besseren zu verändern. Das ist doch eine schöne Schlussnachricht.
Apropos Schluss: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ endet damit, dass die Protagonistin den Journalisten der Boulevardzeitung erschießt, der durch Lügen und Diffamierung ihr Leben zerstört hat. Das ist nun selbstredend keine gute Lösung. Im Falle der Heizungshammer-Kampagne wäre wünschenswert, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Bild-Berichterstattung möglichst viele Leserinnen und Leser erreichen.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!