Fürs Scheitern kann sich Ingmar Stock begeistern. Er ist Projektleiter des Startup Village in Jülich. “Nur wer nichts macht, macht nichts verkehrt. Scheitern ist Teil des Spiels, nichts Verwerfliches“, sagt Stock. Und doch ist er genau dafür da, das Scheitern zu vermeiden, wo es möglich ist. Damit am Ende aus einer guten Geschäftsidee ein wachsendes Unternehmen wird.
Und noch etwas begeistert Stock: das Thema Nachhaltigkeit. Denn das Startup Village will genau jene Startups unterstützen, die einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können. „Wir müssen dahin kommen, dass Nachhaltigkeit für uns keine Frage mehr ist. Sie muss ganz selbstverständlich in Geschäftsmodelle integriert sein.“ Doch auch hier denkt er das Scheitern mit. „Wenn junge Startups zu uns kommen, sind sie in einem sehr frühen Stadium, in dem noch vieles möglich ist. Es kann sein, dass jemand ein Material entwickelt, dass zum Beispiel im Automobilsektor sehr viel zur Effizienz beitragen könnte. Und dann sieht er, dass die wirtschaftlich viel größeren Chance vielleicht in der Rüstungsindustrie liegen. Dann ist das auch okay.“ Worauf Stock vor allem setzt, ist, dass die Menschen für ihr Thema und für Nachhaltigkeit brennen. Denn ohne diese persönliche Leidenschaft und Begeisterung werden sie den anstrengenden Weg eines Startups nicht durchhalten.
Platz als Standortvorteil
Genau dazu ist das Startup Village da: Es hilft jungen Unternehmensgründungen, erfolgreich Fuß zu fassen. Gegründet im Oktober 2022, ist das Startup Village in Jülich angesiedelt, einer kleinen Stadt am Rande des Tagebaus Hambach. Mit ihm ist es untrennbar verknüpft. Denn es soll einen Beitrag zum Strukturwandel leisten, indem es junge Unternehmensgründungen fördert.
Dabei liegt der Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsthemen, und zwar auf solchen, die sich aus der Nähe zu starken Forschungseinrichtungen ergeben: dem Forschungszentrum Jülich, der RWTH Aachen, der Fachhochschule Aachen und der Fraunhofer Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien (IEG). Ökologische Nachhaltigkeit, Energieeffizienz, alternative Energiequellen, Kreislaufwirtschaft sowie die Vermeidung von fossilen Rohstoffen sind daher die Themen, auf die das Startup Village besonders blickt. „Im Idealfall siedelt sich eine Technologie, die an einem unserer Partnerinstitute entwickelt wurde, bei uns an und wächst bei uns zu einem gestandenen Unternehmen“, sagt Stock. Ebenso ist das Village aber offen für andere Startups, die hier das ideale Umfeld für sich sehen. Ziel sei letzten Endes, mit neuen Unternehmen neue Arbeitsplätze zu schaffen und so den Strukturwandel zu fördern.
Dabei setzt die Einrichtung auf eine Stärke, die zunächst als Schwäche erscheinen mag, Sie liegt mitten im Jülicher Land, einer Gegend mit vielen Dörfern, Flächen und starker Landwirtschaft. „Wir haben hier nicht die kurzen Wege wie beispielsweise in Köln, aber wir haben viele Flächen. Wer Laborflächen oder ein Firmengelände benötigt, hat es bei uns deutlich einfacher. Startups mit Platzbedarf sind daher unsere Kernzielgruppe“, sagt Stock.
Vom Prototyp zum Geschäftsmodell
Für sie bietet das Startup Village verschiedene Formate unter dem Namen „Zebra Startup Programm“:
- Der Incubator bietet sich an für Gründer:innen, die ihre Idee validieren und einen Prototypen entwickeln wollen. Workshops, Inputsessions und das Netzwerk sollen ihnen dabei helfen.
- Im Accelerator geht es darum, für das Geschäftsmodell ein solides Fundament aufzubauen: Wie komme ich an meinen Pilotkunden? Wie schütze ich mein Patent? Was muss ich steuerrechtlich beachten? Wie verkaufe ich meine Geschäftsidee? „Uns geht es hier darum, den Gründern die Richtungen aufzuzeigen, in die sich das Unternehmen entwickeln kann und ihnen zu helfen, dafür alles Nötige im Blick zu haben“, sagt Stock.
- In den Masterclasses geht das Programm nochmal deutlich tiefer. Hier sollen die Gründer:innen lernen, mit Investoren auf Augenhöhe zu verhandeln, den Vertrieb professionell aufzubauen oder ihr Team bestmöglich zu entwickeln. „Dazu gehört dann auch schon mal, dass wir den Leuten auf die Füße treten und sie fragen, wie viele potentielle Kunden sie diese Woche schon angerufen haben“, sagt Stock.
So sollen diese drei Bausteine helfen, dass die Startups ihre erste vage Geschäftsidee zu einem ausformulierten Geschäftsmodell entfalten. Daneben gibt es ein weiteres Modell: Hier unterstützen Venture Architects das Gründungsteam beim Aufbau des Unternehmens. Für einige Monate spielen sie eine aktive Rolle im Team, das so von ihrer Erfahrung profitieren kann.
Über diese inhaltlichen Angebote hinaus stellt das Startup Village Räume zur Verfügung, damit die Teams hier in einem innovativen Umfeld arbeiten können. Außerdem finden zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen sich die jungen Unternehmen vernetzen und voneinander profitieren.
70 Startups in zweieinhalb Jahren
Und auch das Startup Village selbst wächst noch. Denn es ist nur die Vorstufe für den Brainergy Hub, der in spätestens drei Jahren fertig sein soll. Dort sollen dann mehr als 10.000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stehen – für wachsende Unternehmen, die schon die erste Startup-Phase hinter sich gelassen haben.
Das Angebot stößt auf gute Resonanz. In den ersten zweieinhalb Jahren haben bereits 70 Startups das Zebra-Programm gelaufen. Zum 1. Januar 2026 ist die nächste Runde gestartet. Derzeit sind mehr als 20 dabei, bis Jahresende will das Startup Village bis zu 60 junge Gründungen begleiten.
Und es gibt schon erste Unternehmen, die erfolgreich im Markt unterwegs sind. So wie die Kölner Firma „Einklang“. Sie flexibilisiert und optimiert Stromverbrauch und Beschaffung durch intelligente Steuerung und Batteriespeicher, so dass Firmen ihre Stromkosten deutlich reduzieren können.