Wissen schafft Nachhaltigkeit

FIR RWTH Aachen: Wenn Firmen Produkte länger leben lassen


FIR RWTH Aachen: Produkte länger leben lassen

Mit Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung sparen Unternehmen Ressourcen und stärken ihre Wettbewerbsfähigkeit. Das FIR Aachen zeigt, wie es geht – und unterstützt praxisnah. Teil 3 der Serie „Wissen schafft Nachhaltigkeit“.

Dem Klimapessimismus kann Gerrit Hoeborn wenig abgewinnen: „Viele Fragestellungen, wie wir innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften, sind längst beantwortet. Wir müssen die Lösungen nur noch in die Wirtschaft bringen und umsetzen.“

Genau das ist seine Aufgabe als Abteilungsleiter Business Transformation am FIR der RWTH Aachen. Denn seit der Gründung in der Nachkriegszeit verfolgt das Institut ein klares Ziel: die Wettbewerbsfähigkeit der produzierenden Industrie in Europa stärken. Und heutzutage ist Nachhaltigkeit dabei ein unverzichtbares Element – und ein handfester Wettbewerbsfaktor.

Produkte länger im Markt halten

Einen zentralen Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit – gerade im produzierenden Gewerbe – sieht er in der Verlängerung des Produktlebenszyklus. „Wir stehen für die Vision einer wertsteigernden Kreislaufwirtschaft: Produkte sollen möglichst lange im Markt bleiben und gleichzeitig die Bedürfnisse der Kund:innen erfüllen, auch wenn diese sich über den Lauf der Zeit verändern“

Aufwerten statt wegwerfen lautet die Devise. Konkretes Beispiel des FIR hierfür ist das Projekt DICES – Digital Transformation of Circular Economy for Industrial Sustainability. Gemeinsam mit Partnern wie zum Beispiel Miele entwickelt das FIR ein innovatives, datenbasiertes Wertschöpfungssystem, das Kreislaufwirtschaft nahtlos in den operativen Geschäftsbetrieb von Unternehmen integriert.

Die dafür nötige Transformation muss auf verschiedenen Ebenen ansetzen:

  • Das Konzept: Tesla „modernisiert“ seine verkauften Autos durch regelmäßige Updates. Die Nutzer erhalten so Zugriff auf Feature, die beim Kauf noch gar nicht zur Verfügung standen. „Tesla ist ein wunderbares Beispiel, wie man durch Updates den Produktlebenszyklus verlängern kann“, sagt Hoeborn. „Aber es fehlen hier noch die Updates auf physischer Ebene.“
  • Produktarchitektur: Für physische Updates müssen die Produkte modular aufgebaut sein, damit sich einzelne Komponenten einfach austauschen lassen.
  • Innovationsstrategie: Neue Funktionen sollen nicht nur in neue Modelle, sondern auch in bestehende Produkte integriert werden. „Genau die neuen Features entscheiden, dass Kund:innen das neue Produkt wollen. Die Unternehmen können die Produktlebensdauer deutlich verlängern, wenn sie diese innovativen Elemente in die bestehenden Geräte einbauen“, sagt Hoeborn.
  • Das Geschäftsmodell: Um solch ein Konzept umzusetzen, müssen die Unternehmen zu „as a Service“-Geschäftsmodellen wechseln, wie es in der Softwarebranche längst üblich ist.
  • Wertschöpfungsstrategie: Das Unternehmen betreibt das Produkt über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Damit wechselt die Wertschöpfungsstrategie von einer besitzorientierten hin zu einer nutzungsorientierten. Das Unternehmen hat dann nicht so sehr den Fokus darauf, etwas herzustellen, sondern es über die Produktlebensdauer zu betreiben. „Das hat zur Folge, dass auch Produktionsstätten und Anlagen angepasst werden müssen, um beispielsweise physische Updates zu ermöglichen“, erklärt Hoeborn. Der Mehrwert: Der Kunde hätte länger ein aktuelles Produkt, das sich mit seinen Anforderungen verändert.

Ein Paradebeispiel hierfür ist der dänische Büromöbeldienstleiter Nornorm. Er bietet Firmen eine Abo-basierte Möblierung: Statt Möbel zu kaufen, abonnieren Unternehmen maßgeschneiderte Arbeitsplatzlösungen – inklusive Planung, Lieferung, Wartung und Umgestaltung. Möbel, die von einem Nutzer zurückkommen, werden wieder aufbereitet, modernisiert und anderweitig eingesetzt. „Nornorm sagt, dass es damit den CO₂-Fußabdruck von Büromöbeln um bis zu 70 Prozent reduzieren kann und gleichzeitig die Ausstattung 30 Prozent günstiger anbieten kann. Zum Vergleich: Recycling führt zu Einsparungen von vielleicht 7 Prozent im CO₂-Fußabdruck“, erklärt Hoeborn.

Die Stärke deutscher Unternehmen

Für Hoeborn ist klar: „Wir haben in Deutschland viele Unternehmen, die Qualität und Langlebigkeit in den Vordergrund stellen. Solche verlängerten Produktlebenszyklen spielen diese Stärke der Unternehmen aus. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber der Materialschwemme von Billigprodukten aus China.“

Ein weiterer Schwerpunkt des Instituts gilt dem Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit. „Um Nachhaltigkeitspotenziale zu heben, brauche ich eine solide Datenbasis. Und das setzt heutzutage Digitalisierung voraus“, betont Hoeborn. Die Verbindung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit geht weit über reine Datenerfassung hinaus. Es arbeitet an Themen wie: Wie kann die Künstliche Intelligenz in der Industrie zum Einsatz kommen, insbesondere im Kontext der Kreislaufwirtschaft? Wie können bestehende IT-Systeme angepasst werden, um die Nachhaltigkeitswende zu unterstützen? Wie lassen sich Daten für Nachhaltigkeitsberichte automatisch erfassen? Und auch die Unterstützung von Firmen bei der Einführung des digitalen Produktpasses zählt das FIR zu seinen Aufgaben.

Ein Spiegel für die Firmen

Um die Unterstützung des FIR in Anspruch zu nehmen, bietet das an die RWTH Aachen angegliederte Institut verschiedene Formate:

  • Beim Circular Experience Day können sich Unternehmen als Gäste auf dem Campus mit grundsätzlichen Fragen der Zirkularität beschäftigen. „Solch ein Tag funktioniert wie ein Spiegel. Die Unternehmen fragen sich, wo sie stehen und welche Potenziale sie haben“, erklärt Hoeborn.
  • In bilateralen Projekten arbeitet das FIR konkret an der Fragestellung eines Unternehmens. Hoeborn sagt dazu „Als Startpunkt einer Circularity Transformation empfehlen wir immer ein Circularity Assessment, in dem in drei Wochen der aktuelle Status im Unternehmen aufgezeigt und mit Mitbewerben vergleichen wird sowie konkrete Verbesserungsmaßnahmen in einer Roadmap zusammengefasst werden“.
  • In Forschungsprojekten können Unternehmen als Projektpartner mitwirken und profitieren davon, dass sie die Innovation als erste umsetzen können. Allein:  „Hier müssen Unternehmen etwas Geduld mitbringen, weil der direkte Anwendungsfall erst in zirka zwei bis drei Jahren Früchte trägt“, erklärt Hoeborn.
  • Das FIR verfügt über eine Demonstrationsfabrik und ermöglicht Unternehmen und Forschungspartnern, Industrie-4.0-Technologien im realen Umfeld zu erproben.
  • In „Centern“ arbeiten rund 20 Unternehmen an einem konkreten Thema und treiben gemeinsam Projekte voran. Themen sind zum Beispiel die Transformation zur Zirkularität oder die Gestaltung von IT-Landschaften.
  • Das FIR bietet einen Zertifikatskurs „Business Transformation Manager“ mit einer insgesamt sechstägigen Weiterbildung in Aachen sowie ein Fellowship-Programm. Hierbei können Mitarbeiter von Unternehmen innerhalb von vier Monaten an einem konkreten Projekt ihres Unternehmens arbeiten und bekommen pro Woche einen vom FIR organisierten Vortrag (digital) zu wissenschaftlichen, praxisnahen Themen.

Am Ende geht es Hoeborn nicht nur um Technik und Innovation, sondern auch um Akzeptanz, die stets im Blick sein muss: „Nur über den Mehrwert können wir die Leute bewegen, nachhaltig zu handeln.“

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