Weniger Zahlen, mehr Wirkung – das Nachhaltigkeitsmanagement erfindet sich neu
Die EU-weiten Deregulierungsmaßnahmen beeinflussen den Markt für nachhaltige Arbeitsplätze erheblich. Unternehmen prüfen derzeit genau, welche gesetzlichen Vorgaben weiterhin gelten. Infolgedessen werden manche Projekte verschoben und Teams für die Berichterstattung mitunter reduziert. Diese Auswirkungen zeigen sich inzwischen deutlich auf dem Arbeitsmarkt. „Auf viele Nachhaltigkeitsstellen kommen heute wesentlich mehr Bewerbende als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig beobachten wir eine Professionalisierung der Anforderungen, wodurch der Arbeitsmarkt insgesamt anspruchsvoller wird“, sagt Charlotte Clarke, Redaktion & Content Creation bei der Jobbörse NachhaltigeJobs.
Am stärksten sind der Jobmarkt-Expertin zufolge Stellen betroffen, die direkt an regulatorische Nachhaltigkeitsvorgaben gekoppelt sind. „Vor allem Stellen mit starkem Fokus auf ESG-Reporting, regulatorischer Dokumentation und Compliance stehen stärker unter Druck als noch vor wenigen Jahren“, sagt Clarke. Dazu trage bei, dass viele Firmen in Erwartung neuer Berichtspflichten Teams aufgebaut oder externe Beratung eingekauft haben. Durch die aktuellen politischen Signale werden Maßnahmen-Budgets aber auch gekürzt und viele Projekte mit Nachhaltigkeitsbezug vorschoben oder eingefroren.
Dienstleister sind ebenfalls betroffen
„Auch Beratungen spüren die Veränderungen deutlich“, sagt Clarke. In den vergangenen Jahren ist rund um das ESG-Reporting ein enormer Markt entstanden, in dem zahlreiche Software-Unternehmen nun unter Druck geraten, die von einen starken Wachstum im Markt der Berichterstattungen ausgegangen sind. Angesicht der Signale aus Brüssel bleibe die erwartete Nachfrage nach entsprechender Software, Implementierung und Beratung bislang weit hinter der ursprünglichen Prognose zurück, sagt Clarke. „Gleichwohl wäre es unserer Ansicht nach zu kurz gedacht, die aktuelle Entwicklung als langfristigen Bedeutungsverlust von Nachhaltigkeit zu interpretieren. Viele der Herausforderungen, die das Nachhaltigkeitsmanagement adressiert, verschärfen sich sogar massiv“, sagt Clarke und verweist auf Klimarisiken, Ressourcenknappheit, Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern, geopolitische Spannungen und instabile Lieferketten, die sich zunehmend zu wirtschaftlichen Risiken für Unternehmen entwickeln.
Viel (wirtschaftlicher) Druck auf dem Kessel
Investoren, Banken und Versicherungen üben ebenfalls zunehmend Druck aus. Sie bewerten Nachhaltigkeits- und Klimarisiken oftmals strenger als manche Politiker. Unternehmen haben es daher heute mitunter schwerer, an Kapital zu kommen, wenn sie keine überzeugenden Strategien für Nachhaltigkeit vorlegen können. Ebenso fordern große Kunden in internationalen Lieferketten weiterhin ESG-Daten und Nachweise zur Emissionsreduzierung – unabhängig davon, ob einzelne EU-Vorgaben gelockert werden.
„Aus unserer Sicht erleben wir aktuell eine Art Marktbereinigung und -verschiebung“, sagt Clarke. „Der Hype ist vorbei. Nachhaltigkeitsmanagement wird nüchterner, wirtschaftsgetriebener und stärker an konkrete Geschäftsrisiken gekoppelt. Langfristig dürfte das die Relevanz vieler Nachhaltigkeitsrollen sogar erhöhen“, ist die Expertin überzeugt.
Die meisten Marktbeobachter sind sich einig: Die Vereinfachung der CSRD und die Aufweichung von Taxonomie-Vorgaben hat keine Auswirkungen darauf, dass Investoren, Kunden und Lieferanten nach ESG-Daten fragen. „Nachhaltigkeitsmanager:innen, die echte Wirkung schaffen statt Berichte befüllen, werden gebraucht wie nie", ist daher Gina Marie Diller, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des D-A-CH Verband CSR Manager:innen überzeugt.
Arbeitsaufwand verschiebt sich – und bleibt hoch
Trotz punktueller Erleichterungen durch gelockerte Berichts- und Regulierungspflichten bleibt der Gesamtaufwand im Nachhaltigkeitsmanagement hoch – auch weil neue Themenfelder die Lücken füllen. Wie sich dies in der Praxis äußert, zeigt ein Blick hinter die Kulissen bei Jean Müller. Das international agierende Unternehmen entwickelt und fertigt unter anderem Schaltgeräte und Gehäusetechnik. Für den Nachhaltigkeitsmanager des Elektro-Spezialisten, Leo Stein, hat sich der „heilige Gral“ der Nachhaltigkeitswelt mit dem Omnibus etwas verschoben. „Es war die CSRD, jetzt wird es der DPP (Digitaler Produkt Pass). Also arbeiten wir eher darauf hin“. Stein nutzt die Gelegenheit, um bestehende oder fehlende oder nicht ausreichende Prozesse intern zu diskutieren und das ERP-System weiterzuentwickeln. „Damit wir langfristig sauber und möglichst effizient arbeiten können.“
Auch der Informationsbedarf entlang der Wertschöpfungskette ist in der mittelständischen Firma nach wie vor hoch. Darum arbeitet man dort an einer schlanken, möglichst standardisierten Datengrundlage – aktuell orientiert am VSME-Standard. Für Stein heißt das vor allem: weg vom reinen CSRD-/ESRS-konformen Datenpunkt-Erheben, hin zu den für die Firma relevanten Datenpunkten, um damit beispielsweise viel einfacher die Datenqualität der Kennzahlen zu verbessern. „Diese KPIs können wir einfacher steuern und sie sind gleichzeitig nach draußen anschlussfähig“, sagt Stein. Denn die VSME-Kennzahlen sind in der Regel jene Kennzahlen, die von CSRD-pflichtigen Unternehmen in der Lieferkette potenziell angefragt werden. Gleichzeitig dürfe man nicht übersehen, dass Themen wie die PPWR oder die Regelung zu Kunststoffgranulaten weiterhin für eine hohe Auslastung im Nachhaltigkeitsmanagement der Firma sorgen. Die PPWR steht für „Packaging and Packaging Waste Regulation“– die neue europäische Verpackungsverordnung. „Es gab zwar mehrere Omnibus-Initiativen im Nachhaltigkeitskontext, aber der regulatorische Aufwand im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich bleibt für einen deutschen Mittelständler insgesamt hoch“, sagt Stein.
Sind die Jobs sicher? KI hält Einzug
Um die Auslastung effizient zu managen, kommt man nicht nur im deutschen Mittelstand um die Themen Automatisierung und Künstliche Intelligenz im Nachhaltigkeitsmanagement nicht vorbei. Automatisiert werden insbesondere Datenaggregationen, Berichtsroutinen und das Kennzahlenmonitoring. Mehr denn je ist dafür die menschliche Urteilskraft gefragt: Kontext herstellen, Stakeholder einbinden, ethische Abwägungen treffen, Transformationen moderieren. „KI verändert das Nachhaltigkeitsmanagement fundamental – aber sie gefährdet die richtigen Jobs nicht, sondern macht sie wertvoller“, sagt Diller. Die KI-Enthusiastin ist überzeugt: „KI ist kein Jobkiller im Nachhaltigkeitsbereich, sondern ein Ermöglicher“. Laut Diller ist künstliche Intelligenz ein wesentlicher Baustein, um die Transformation in eine nachhaltige, regenerative Wirtschaft überhaupt in der nötigen Geschwindigkeit und Komplexität zu bewältigen. Die entscheidende Frage laute nicht ‚Mensch oder Maschine‘, sondern ‚Wer kann beides zusammendenken?‘ „Genau das ist die Zukunftskompetenz von CSR Manager:innen“, so Diller.
Dies bestätigen auch die Erfahrungen, die Nachhaltigkeitsmanager Stein tagtäglich in seiner Firma macht: „KI hilft uns vor allem bei klassischen Fleißarbeiten – Daten zusammenführen, einfache Plausibilitätschecks, eine clevere Excel-Formel bauen oder Übersetzungen beschleunigen. Wichtig ist aber – Verantwortung, fachliche Bewertung und Freigaben müssen weiterhin klar bei den zuständigen Mitarbeitenden liegen, dafür ist die KI meiner persönlichen Erfahrung nach noch überhaupt nicht bereit.“
Was die Entwicklung für junge Talente bedeutet
Stand heute verändert KI viele Tätigkeiten im Nachhaltigkeitsbereich – vor allem repetitive und administrative Aufgaben, die früher typische Einstiegstätigkeiten waren. Das macht es für Berufseinsteigende derzeit besonders herausfordernd. Im Zuge des „Sustainability Hypes“ ist laut Clarke das Angebot entsprechender Studiengänge und Weiterbildungen – und damit auch die Zahl der Absolvent:innen – stark gestiegen. Dadurch entstehe jetzt eine paradoxe Situation: „Unternehmen suchen zunehmend spezialisierte Senior-Rollen mit regulatorischem, technischem und strategischem Know-how, während gleichzeitig weniger klassische Einstiegsstellen geschaffen werden. Für viele Berufseinsteigende wird es dadurch schwieriger, überhaupt Praxiserfahrung aufzubauen“, so die Expertin. Weniger betroffen seien derzeit Rollen mit direktem Bezug zu Energie, Kreislaufwirtschaft, nachhaltiger Beschaffung oder Dekarbonisierung. „Dort entsteht der Druck oft nicht primär durch Regulierung, sondern durch Kosten, Ressourcenknappheit, geopolitische Risiken oder Anforderungen entlang internationaler Lieferketten.“
Während im Nachhaltigkeitsmanagement noch vor wenigen Jahren Generalisten gefragt waren, die Nachhaltigkeitsstrategien entwickeln und Berichte schreiben, entstehen also neue, spezialisierte Rollen an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Transformation, Technologie, Risiko- und Geschäftsmodellentwicklung. Auffällig ist außerdem, dass Nachhaltigkeit heute seltener als isoliertes Thema behandelt wird und zunehmend über die klassischen Dimensionen „Ökologie“ und „Soziales“ hinauswächst. Stattdessen beobachten die Experten von NachhaltigeJobs eine zunehmende Verzahnung mit strategischen Kernthemen wie Innovation, Beschaffung, Digitalisierung, Finanzen, Risikomanagement oder Unternehmensstrategie.
Diese Skills sind heute gefragt
„Auch die Anforderungsprofile haben sich verändert“, sagt Clarke. Vor einigen Jahren reichte oft ein allgemeiner Nachhaltigkeitshintergrund oder kommunikative Erfahrung. Heute erwarten viele Unternehmen deutlich mehr Fachwissen und analytische Fähigkeiten: Kenntnisse in CO₂-Bilanzierung, ESG-Datenmanagement, regulatorischen Anforderungen, Sustainable Finance, Kreislaufwirtschaft, Lieferkettenanalysen oder Transformationsbegleitung werden laut der Jobmarkt-Expertin häufiger vorausgesetzt. „Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Menschen, die wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und Nachhaltigkeit in operative Geschäftsentscheidungen übersetzen können.“
Aber nicht nur Fachwissen, auch Soft Skills gewinnen an Bedeutung. Nach Einschätzung von Nachhaltigkeitsmanager Stein müssen Berufseinsteiger heutzutage vor allem die Fähigkeit mitbringen, komplexe Nachhaltigkeitsthemen so zu erklären, dass sie für Vertrieb, Einkauf oder Geschäftsführung greifbar werden – ohne dabei Vorgaben oder Ziele zu reduzieren oder zu überziehen. „Nachhaltigkeit ist klassische Querschnittsarbeit – man ist mit fast allen Bereichen im Austausch. Wer gut zuhören kann, unterschiedliche Interessen zusammenbringt und pragmatische Lösungen entwickelt, kommt in der Praxis am weitesten.“
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