Kapital mit Haltung: Warum Family Offices aus der Defensive kommen müssen
Klima war lange ein dominierendes Thema in Politik und Medien. Für Impact-Investoren wie Aurum Impact ist Green Tech ein zentrales Investitionsfeld. Das hat sich vielerorts geändert. Ist das Schweigen rund um Klimathemen ein temporäres Phänomen oder ein Warnsignal?
Dr. Marie-Thérèse Buttlar-Wallot: Beides. Es gab schon immer Themenkonjunkturen und Klimafragen sind aktuell nicht so präsent. Gleichzeitig ist es aber auch ein ernstes Warnsignal. Es ist eine Tatsache, dass wir uns mit Klimathemen befassen und Innovationen in diesem Bereich unterstützen müssen. Wir kennen die planetaren Grenzen, und viele davon sind bereits überschritten. Das Problem wird nicht kleiner, sondern größer. Wenn Investoren jetzt aufhören, in entsprechende Innovationen zu investieren, verschärfen wir das Problem. Die Themen, die aktuell im Fokus stehen – KI und Verteidigung –, sind wichtig. Aber was viele unterschätzen: Klimathemen sind eine Voraussetzung für viele andere Bereiche. Energie ist beispielsweise die Grundlage, um KI überhaupt erst zu ermöglichen. Wenn wir hier nicht richtig investieren, verschärfen wir das Problem erheblich.
Tipp: Um Nachhaltigkeit im Finanzwesen geht es auch in der neuen Folge unseres Podcasts „Shifting Minds“ mit Dr. Henrik Pontzen, Chief Sustainability Officer bei Union Investment. |
Haben Rüstung und KI den Greentech-Hype abgelöst?
Steigende Energiepreise durch den Ukraine-Krieg oder die Eskalation im Iran könnten eigentlich Investitionen in erneuerbare Energien beschleunigen. Gleichzeitig greifen viele Unternehmen kurzfristig auf fossile Alternativen zurück. Beflügelt oder behindert die Energiepreiskrise Impact-Investitionen in saubere Energie eher?
Für das Thema Energie lässt sich der Investment-Case noch gut argumentieren – das Narrativ passt: Wir brauchen diese Energie. Aber bei vielen anderen Impact-Themen ist die Verbindung zu den aktuellen Prioritäten der Investoren schwieriger herzustellen. Deshalb überlegen sich einige Investoren tatsächlich, ob sie sich von Klima weg und hin zu Resilienz positionieren sollten – einfach um besseren Zugang zu Kapital zu bekommen.
Wäre das eine andere Formulierung mit gleichem Inhalt – oder würde sich inhaltlich etwas verschieben?
Es ist zum Teil ein Rebranding, aber auch eine inhaltliche Verschiebung. Im Resilienzgedanken sind häufig Themen enthalten, die in eine Defense-Richtung gehen. Ein konkretes Beispiel: Drohnen zur Waldbranderkennung können auch im Verteidigungsbereich eingesetzt werden. In der heutigen Zeit suchen Unternehmen ihre Kundengruppen dann eher im Defense-Bereich – weil dort einfach mehr Nachfrage ist – und weniger im Klimabereich.
Während Rüstungstechnologie und KI derzeit sehr dominant sind, verlieren klassische Impact-Felder wie Green Tech an Aufmerksamkeit. Erleben Sie Verdrängungseffekte in der Praxis?
Es ist klar erkennbar, dass Kapital umallokiert wird. Gleichzeitig gibt es aber noch Investoren, die ihrer Linie treu bleiben – Family Offices zum Beispiel, die nicht darauf angewiesen sind, immer die „hippen“ Themen zu besetzen, sondern langfristig ihre Werte vertreten können. Auch viele Unternehmen priorisieren Nachhaltigkeit weiter, weil sie Teil ihrer Kernwerte oder ihres Geschäftsmodells ist. Aber ja: Jeder, der in diesem Bereich arbeitet, merkt, dass sich die Stimmung verändert hat.
Haben Sie eine Empfehlung an ESG-Manager, wie diese für ihre Themen innerhalb der Organisation werben können?
Ich sehe wirklich spannende Innovationen, die nicht nur Nachhaltigkeit adressieren, sondern gleichzeitig wirtschaftlich Sinn machen. Das sind für mich die interessantesten Unternehmen. Als ESG-Manager sollte man sich fragen: Was macht im Kern wirtschaftlich Sinn? Oft ist es dann nicht mehr primär ein ESG-Thema, sondern ein Innovationsthema – nachhaltigere Materialien oder ressourcenschonende Prozesse, die gleichzeitig kosteneffizienter sind. In diese Richtung zu denken und solche Innovationen zu integrieren, wäre mein Tipp.
Im Wesentlichen also: Business Case for Sustainability?
Ja. Ich bin absolut begeistert von nachhaltigen Themen, die vielleicht erst eine Aufbauphase benötigen. In einer Phase, in der Nachhaltigkeit jedoch nicht das Topthema ist, tut man sich einen Gefallen, wenn man in diese Richtung denkt. Wir bei Aurum Impact investieren nicht in philanthropische Modelle, sondern in skalierbare Geschäftsmodelle, die sich selbst tragen und Renditen erwirtschaften können.
„Das gesellschaftliche Fundament zu stärken, ist ein entscheidender Hebel“
Was sind die wichtigsten Zukunftsbereiche für Aurum Impact – und wo sehen Sie gesellschaftlichen Bedarf, dem bislang zu wenig Kapital gegenübersteht?
Wir haben vier Fokusbereiche definiert: Climate & Energy, Circularity & Materials, Natural Ecosystems – also Wasser, Landwirtschaft, Biodiversität – und Stable & Equitable Society, womit wir explizit soziale Themen meinen. Gerade im letzten Bereich gibt es besonders wenige Investoren. KI im Gesundheitswesen gewinnt zwar an Aufmerksamkeit, aber wenn es um demokratiefördernde Maßnahmen oder Innovationen im Bereich Pflege geht, sieht man deutlich weniger Kapital. Dabei sind das fundamentale Themen: Wenn die Gesellschaft nicht funktioniert, können auch alle anderen Themen nicht sinnvoll angegangen werden. Das gesellschaftliche Fundament zu stärken, ist ein entscheidender Hebel.
Impact-Investoren sehen sich immer wieder dem Vorwurf des „Impact Washing“ ausgesetzt – wie schützen Sie sich dagegen?
Durch Transparenz und Klarheit in der Definition. Wir haben unsere Impact-Kriterien und -Dimensionen auf unserer Website veröffentlicht. Ein zentrales Kriterium ist der Interlock-Gedanke: Der Erfolg des Unternehmens muss mit dem Ausmaß der ökologischen oder sozialen Wirkungs verknüpft sein. Ein Unternehmen, das pro verkaufter Einheit einen Euro spendet, erfüllt das nicht – es kann auch ohne diese Spende erfolgreich sein. Ebenso wichtig ist die Intentionalität: Die Gründerinnen und Gründer müssen eine klare Impact-Intention verfolgen. Diese Kriterien kommunizieren wir offen.
Aurum Impact ist Teil des Family Offices der Unternehmerfamilie Goldbeck. Sind Family Offices beim Impact-Investment strukturell im Vorteil, weil sie keinen kurzfristigen Renditedruck haben?
Definitiv. Family Offices sind oft nicht in klassischen Fondsstrukturen organisiert, die feste Investment- und Exitzyklen vorgeben. Es gibt keinen zeitlichen Druck – man ist letztlich nur der Familie, für die man investiert, verpflichtet. Was Fonds davon lernen könnten: flexibler über Evergreen-Strukturen nachdenken, sorgfältiger wählen, mit wem gemeinsam investiert wird, und kreativere Exit-Wege in Betracht ziehen. Solche Ansätze setzen sich bislang leider kaum durch.
Jetzt ist der Moment für Impact-Kapital
Studien von BlackRock und PwC zeigen, dass sich viele Family Offices derzeit im „Risk-Management-Modus“ befinden. Sie appellieren dafür, aus dieser Wartehaltung herauszukommen. Warum sollten Family Offices gerade jetzt Impact-Kapital mobilisieren?
Weil es Probleme nur verschlimmert, wenn wir jetzt nicht investieren – auf der Klimaseite wie auf der sozialen Seite. Wir brauchen Investoren, die die Flexibilität haben, ihren Werten entsprechend zu handeln und Kapital dorthin zu lenken, wo es wirklich gebraucht wird. Standard-Investoren springen gerade nicht an. Wenn Demokratie weiter erodiert, haben wir auf vielen Ebenen ein Problem. Wenn Klimaziele verfehlt werden, können wir die Energiesysteme nicht so aufbauen, wie wir sie brauchen. Es geht dabei nicht darum, Geld zu stiften, sondern das sind spannende Investments. In Momenten, in denen nicht alle auf ein Thema springen, hat man Zugang zu wirklich interessanten Unternehmen. Und irgendwann dreht sich der Zyklus wieder – dann ist man günstig eingestiegen und hat gleichzeitig etwas bewegt.
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