... Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte
die uns aufblühen lässt
die uns vernichtetdiese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen
zitierte Moderatorin Kristina Kara auf dem Sustainable Economy Summit die Dichterin Rose Ausländer. In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit politisch und wirtschaftlich unter Druck gerät, setzte die Veranstaltung bewusst auf das Gemeinsame als Antwort.
Dieses Leitmotiv erhielt jedoch einen Dämpfer, als Prof. Dr. Katharina Reuter eine Leerstelle benannte: „Ein Punkt, der mich betrübt: Wir wären gerne mit der Hausleitung des Bundeswirtschaftsministeriums ins Gespräch gekommen.“ Bei der ersten Ausgabe 2023 stand der Summit noch unter dessen Schirmherrschaft. Diesmal nicht. Wer gemeinsam reisen will, muss zumindest einsteigen. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche tat das weder beim Sustainable Economy Summit noch beim zeitgleich stattfindenden Petersberger Klimadialog. Schirmherr war in diesem Jahr Umweltminister Carsten Schneider.
Grüne Ideen, schwarze Zahlen
Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter platzierte eine Botschaft, die auf dem Summit immer wieder aufgegriffen werden sollte: „Nachhaltigkeit ist wichtig für unsere Resilienz. Die erneuerbaren Energien machen uns unabhängiger und wirtschaftlich weniger erpressbar.“ Eine klimaneutrale Wirtschaft sei kein Selbstzweck, sondern eine Investition in kommende Generationen. Green Tech, ist die Branche, die in den vergangenen Krisenjahren am stärksten gewachsen ist. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde fasst das zusammen: „Grüne Ideen, schwarze Zahlen.“
Empirische Unterstützung lieferte Janina Mütze von Civey mit den Ergebnissen des anlässlich des Summit erhobenen Sustainable Economy Barometer. Eine Mehrheit der Befragten schreibt der klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft eine hohe Bedeutung für den zukünftigen Wirtschaftsstandort Deutschland zu – dieser Anteil ist seit 2023 um zehn Prozentpunkte gestiegen. Doch Unternehmen fordern Verlässlichkeit: 72,5 Prozent der Befragten denken, dass rechtliche Unsicherheiten rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten Investitionsentscheidungen verzögern.
Energie als Sicherheitsfrage
Maja Göpel, Politökonomin und eine der meistgehörten Stimmen in der deutschsprachigen Nachhaltigkeitsdebatte, mahnte, in Zeiten des Gegenwinds genau hinzuschauen, woher Narrative kommen – und wem sie dienen.
Robert Habeck, Vizekanzler a.D., zog Parallelen zwischen den Energiekrisen der jüngeren Zeit, betonte aber auch deren strukturelle Unterschiede: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe Deutschland gelehrt, dass einseitige Abhängigkeiten bei Energie und Rohstoffen keine tragfähige Strategie sind. Die Eskalation im Iran hingegen habe globale Dimensionen: Energie werde als geopolitische Waffe eingesetzt, das Vertrauen in die freie Schifffahrt auf den Weltmeeren sei erschüttert. Die Schlussfolgerung: Energie ist längst keine reine Kosten- oder Klimafrage mehr. Sie ist eine Frage von Sicherheit und Stabilität.
Was Bilanzen nicht zeigen
Eine der substanziellsten Diskussionen des Summit drehte sich um ein Thema, das in Unternehmensberichten bislang kaum auftaucht: Naturkapital und Biodiversität. Jan Plagge von Bioland benannte eine alarmierende Zahl: Der Wert von Naturkapital – von Ökosystemdienstleistungen wie der Wasserspeicherfähigkeit von Böden oder Bestäubungsleistungen – ist in den vergangenen dreißig Jahren um 40 Prozent gesunken. Seine Forderung: eine konsequente „In-Wert-Setzung" von Naturkapital, die dessen ökonomische Bedeutung endlich sichtbar macht.
Kerstin Erbe von dm brachte das betriebswirtschaftliche Dilemma auf den Punkt: „Ich kann Investitionen in die IT abschreiben. Investitionen in Naturprojekte, etwa zum Moorschutz, erhöhen nur meine Kosten.“ Hier, so der Konsens auf dem Podium, sei die Politik gefordert. Bettina Storck, Chief Sustainability Officer der Commerzbank, ergänzte die Finanzperspektive: Für Banken ist Biodiversität nicht mehr nur eine ethische, sondern eine handfeste Risikofrage.
Aus der Praxis: Von Thermomix bis Emissionshandel
Neben den Keynotes und Diskussionen boten Pitches aus dem Trägerkreis Einblicke in das, was bereits getan wird. Ecoworks stellte seinen Ansatz zur seriellen Gebäudesanierung vor. Senken bewertet die Qualität von Klimazertifikaten – „95 Prozent der Klimazertifikate taugen nichts.“ ForTomorrow kauft spendenbasiert Zertifikate im europäischen Emissionshandel und legt diese still, um die Dekarbonisierung der Wirtschaft zu beschleunigen.
Astrid Bayer, Head of Sustainability bei Vorwerk, betonte die strategische Rolle von Nachhaltigkeitsdaten: „Nur durch eine gute Datenbasis haben wir die Möglichkeit, unsere Ziele strategisch auszurichten.“ Per Ledermann, CEO von Edding, skizzierte den Wandel vom klassischen „For Profit"-Unternehmen zum „Profit For"-Modell: Das Kerngeschäft soll selbst zum Hebel für positiven Wandel werden.
Zuhören als Haltung
Auch der Widerstand gegen DEI-Engagement fand seinen Platz im Programm. Mo Asumang, afrodeutsche Moderatorin und Filmemacherin, schilderte, wie sie mit Morddrohungen gegen sie umgegangen ist – und wie sie diese in Handlungsenergie umgewandelt hat. Ihr Fazit schloss sich bruchlos an die Klammer des Summit an: „Wenn wir als Gesellschaft weiterkommen wollen, brauchen wir Zuhören und Versöhnlichkeit.“
Aufwind
Im Abschlusspodium „Vom Gegenwind zum Rückenwind“ kamen Vertreterinnen und Vertreter der sieben Trägerorganisationen zu Wort. Ihre Zusammenarbeit im Vorfeld und während des Summit war fruchtbar, auch wenn der Umschwung von Gegen- zu Rückenwind aus thermischer Sicht heikel ist. Der Summit hat dabei ohne Turbulenzen etwas drittes geschaffen: Aufwind – jene thermische Energie, die trägt, ohne zu treiben.
Ob dieser Aufwind über den Veranstaltungsort hinaus wirkt, wird sich nicht an diesen zwei Tagen entschieden haben. Doch er war spürbar – für die Teilnehmenden, die Referentinnen und Referenten, die Trägerorganisationen. Die eigentliche Frage, die Rose Ausländers Verse stellen, bleibt: Wie weit trägt das Gemeinsame, wenn das Geteilte so viel Kraft kostet?
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Der Sustainable Economy Summit 2026 fand am 21. und 22. April 2026 in Berlin statt. Veranstaltet wurde er von BAUM e.V., Bioland, BNW e.V., DGNB e.V., Gemeinwohlökonomie, Klimaschutz-Unternehmen e.V. und Mission Wertvoll. Der Summit trägt das Umweltzeichen „Blauer Engel" für Veranstaltungen.